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Aus: Ausgabe vom 30.06.2022, Seite 11 / Feuilleton
Film

Lügen wie gedruckt

Nichts geht mehr: Jöns Jönssons tieftrauriger Film »Axiom«
Von Maximilian Schäffer
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»Wie möchtest du dein Ei – auf oder unterm Tisch?« – Blumfeld, »Lass uns nicht von Sex reden« (1992)

Das Beängstigende an »Axiom« sind seine Wahrheiten. Der Film von Jöns Jönsson handelt von einem pathologischen Lügner, durch den der Zuschauer im Laufe von 112 Minuten einiges über sich selbst erfährt, jedoch fast nichts über den Protagonisten. Julius (Moritz von Treuenfels) arbeitet als Aufseher im Kunstmuseum, einem Ort der Prätentionen und Narrative. Während Julius aufpasst, dass niemand in der Walhalla der Maler auf die Idee kommt zu trinken oder Sicherheitsabstände zu überschreiten, lauscht er den Erzählungen der Touristenführer. Wieso es wichtig ist, dass Mondrian als allererster vertikale und horizontale Linien malte und die Flächen dazwischen mit Komplementärfarben ausfüllte. Wieso wer wie was wann in die Geschichte setzte, und welche Namen es als Referenz zu kennen gilt – um sich in Gesellschaft schmücken zu können mit Konsenswissen.

Julius hört zu, speichert ab und lügt. Er belügt seine Freunde mit aufgeschnappten Anekdoten aus dem Bus, er belügt seine Freundin mit einer ganzen Autobiographie, er belügt seine Familie mit Schweigen. Der Zuschauer darf fragen, wieso der Protagonist das macht. Ist er ein Schwein, ein Schwächling oder schwerbehindert? Schließlich gibt es einen neurologischen Vorfall im Film, dessen Erklärung der Regisseur offen lässt. Jönsson, der auch das Drehbuch schrieb, fiel bisher nur durch »Lamento« auf – seine Abschlussarbeit an der HFF Babelsberg von 2014. Acht Jahre Nachdenken resultieren heute in einem Skript, das vor allem bitterböse gegenüber dem Kulturbetrieb ist.

Feinste Figur zur Erläuterung: der Opernregisseur. Julius’ Freundin Marie ist eine junge Opernsängerin, die mit einem eingebildeten Schwurbler konfrontiert wird. Er gibt Regieanweisungen, die niemand nachvollziehen kann, die mit heißer Luft nur Konkurrenz und Pseudokunst bei den Proben schaffen. Er versteht fließend Deutsch, antwortet aber nur auf Englisch. Er ist der eingeflogene Idiot in jedem staatlichen Theater der BRD. Der Opernregisseur sieht aus wie Julius: Frisur, Nase, Sprech. Doch tritt der entscheidende Unterschied zutage, als sich die beiden bei einem Diner mit Maries Eltern begegnen. Der Opernregisseur ist ein Idiot mit Posten, er braucht seine Stellung in der gesellschaftlichen Hierarchie nicht zu erfinden. Julius hingegen, ein empfindsamer Mensch, zu keiner Grausamkeit fähig, muss lügen wie gedruckt, damit er dabeisein darf. Ohne sein fragiles Statusgebäude wäre er nur ein schlichter Idiot, nah an der Armutsgrenze.

So aber kann Julius Adliger, Architekt und Adabei sein, ganz ohne das Privileg der richtigen Geburt. Allerdings, und das ist die Krux am Münchhausen-Syndrom, haben Menschen das Bedürfnis, die Chimären ihrer Gesellschaft bis aufs Blut zu verteidigen. Fängt bei der Heldenerzählung vom Tellerwäscher und dem Millionär an, endet bei Stoffetzen überm Mund in Bus und Bahn. Deswegen sind alle böse auf Julius, weil er gegen das Konsenswissen über die Säulen ihrer Gesellschaft rebelliert. Er lügt wie gedruckt und geht über Leichen. Sein Narzissmus gebietet ihm, Freunde nur als solche zu identifizieren, wenn sie seinen Märchen zuhören. Natürlich hat er recht damit – die Hoffnungslosigkeit in einer Tinder-Welt bestätigt ihn mit jedem Wisch nach links.

Zutiefst traurig muss man also sein, hat man »Axiom« gesehen. Ein Schwerbehinderter scheitert an den Krüppeln um ihn herum. Ruhig darf man an Lars von Trier und seine »Idioten« denken. Oder an Pasolinis »120 Tage von Sodom«, die eine Welt im Faschismus unter rücksichtslosen Fieberträumen aus Kot und Urin und Blut begraben. Jöns Jönsson will sagen: Nichts geht mehr. Es gilt, Jöns Jönsson für die nächsten Dekaden auf dem Schirm zu haben.

»Axiom«, Regie: Jöns Jönsson, BRD 2022, 112 Min., Kinostart: heute

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