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Aus: Ausgabe vom 29.06.2022, Seite 15 / Antifa
Kriegs- und Naziverbrechen

Fünf Jahre für 101jährigen

Brandenburg: Landgericht verurteilt ehemaligen SS-Wachmann des KZ Sachsenhausen wegen Beihilfe zum Mord in Tausenden Fällen. Revision angekündigt
Von Marc Bebenroth
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Streitet die Vorwürfe bis heute ab: Der von zwei Sanitätern begleitete Angeklagte Josef S. (28.6.2022, Brandenburg an der Havel)

Die Zeit der prominenten KZ-Prozesse gegen große und kleine Rädchen im massenmörderischen Lagersystems der Nazis ist lange vorbei. Viele Verfahren gab es ohnehin nicht, erst recht nicht in der BRD. Nun ist eines der vermutlich letzten vorerst zu Ende gegangen. Am Dienstag hat das Landgericht Neuruppin den 101jährigen Josef S. in Brandenburg an der Havel wegen Beihilfe zum Mord sowie Beihilfe zum versuchten Mord an Tausenden Gefangenen zu fünf Jahren Haft verurteilt. Das Gericht sah es als erwiesen an, dass S. drei Jahre lang als Wachmann der SS im Konzentrationslager Sachsenhausen eingesetzt war. Damit habe der Mann »die Massenvernichtung bereitwillig unterstützt«, sagte der Vorsitzende Richter Udo Lechtermann laut Nachrichtenagentur AFP.

Seit Oktober musste sich der laut einem Gutachter jeweils nur für gut zweieinhalb Stunden prozessfähige Mann wegen Beihilfe zum Mord in mehr als 3.500 Fällen verantworten. Laut Anklage soll er zwischen 1942 und 1945 »wissentlich und willentlich« an der Ermordung von Inhaftierten mitgewirkt haben. Dabei geht es unter anderem um die Ermordung von sowjetischen Kriegsgefangenen und Kranken durch Genickschuss und durch Gas. Dem Wachbataillon des Konzentrationslagers, in dem die SS ein großes Kontingent stationiert hatte, soll er bis 1945 angehört haben.

Die Verteidigung hatte zuvor bereits Revision angekündigt, sollte der 101jährige eine Haftstrafe zwingend antreten müssen. Dies wiederholte Anwalt Stefan Waterkamp direkt nach dem Urteil. Während des gesamten Verfahrens plädierte die Verteidigung auf Freispruch. S. sei nicht in dem KZ im heutigen Brandenburg tätig gewesen, sondern habe in der fraglichen Zeit als Landarbeiter bei Pasewalk (Mecklenburg-Vorpommern) gearbeitet. Dem hatte die Anklagebehörde mehrere Dokumente entgegenhalten können, wonach ein Mann mit dem Namen von Josef S., mit dessen Geburtsdatum und Geburtsort SS-Wachmann in Sachsenhausen gewesen war. In einem Schreiben des Vaters des Angeklagten habe es zudem geheißen, der Sohn sei bei der SS in Oranienburg. S. sei außerdem während seines Dienstes als KZ-Wachmann zum Rottenführer befördert worden, wie Staatsanwalt Cyrill Klement am 17. Mai in seinem Plädoyer erklärt hatte.

Das KZ Sachsenhausen musste 1936 von Gefangenen der sogenannten Emslandlager errichtet werden und wurde von den Nazis bis 1945 betrieben. Mehr als 200.000 Menschen wurden dorthin verschleppt, darunter Kommunisten und Sozialdemokraten sowie Juden, Sinti und Roma, als »Homosexuelle« Verfolgte, »Berufsverbrecher« und »Asoziale«. Nach Beginn des Zweiten Weltkrieges waren auch Menschen aus den von Hitlerdeutschland besetzten Gebieten in Sachsenhausen inhaftiert. Zehntausende Gefangene wurden in dem KZ ermordet. Berüchtigt ist jenes Lager unter anderem auch für den Einsatz von Zwangsarbeitern in dem sogenannten Schuhprüfkommando. Gefangene mussten Schuhsohlen aus Gummiprodukten des Continental-Konzerns unter unmenschlicher Belastung und Quälerei durch das Lagerpersonal täglich stundenlang auf einer Strecke testen, die jede Runde am Galgen des Lagers vorbeiführte.

Von den ehemaligen Lagerkommandanten wurde lediglich der letzte durch die Siegermächte vor Gericht gestellt. Im Rahmen des sogenannten Sachsenhausen-Prozesses war SS-Sturmbannführer Anton Kaindl vom Sowjetischen Militärtribunal in der sowjetischen Besatzungszone am 1. November 1947 zu lebenslanger Haftstrafe mit Pflicht zur Zwangsarbeit verurteilt worden. Er war ab September 1942 Kommandant im KZ Sachsenhausen und starb Ende August 1948 im sowjetischen Arbeitslager Workuta.

Das Verfahren gegen Josef S. dürfte wegen Revision vor den Bundesgerichtshof gehen. Derweil bleibt im zweiten aktuellen KZ-Prozess das Urteil noch abzuwarten. Das Landgericht Itzehoe wollte in dem Verfahren gegen die 95jährige Irmgard F. am Dienstag den polnischen Überlebenden Marek Dunin-Wasowicz als Zeugen zuschalten. F. muss sich als ehemalige Sekretärin im Konzentrationslager Stutthof wegen Beihilfe zum systematischen Mord an mehr als 11.000 Gefangenen verantworten. Wie die ARD am Dienstag auf tagesschau.de unter Verweis auf Thomas Will, Leiter der »Zentralen Stelle der Landesjustizverwaltungen zur Aufklärung nationalsozialistischer Verbrechen«, berichtete, liegt den Staatsanwaltschaften in der Bundesrepublik derzeit offenbar noch ein halbes Dutzend weiterer derartiger Fälle vor.

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