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Aus: Ausgabe vom 29.06.2022, Seite 11 / Feuilleton
Literatur

Die deutsche Hand aus Bakelit

Kapitalistischer Realismus: Ralf Rothmann samplet sich mit »Die Nacht unterm Schnee« selbst
Von Ken Merten
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Alles ist Dreck, aber auch schön: Ralf Rothmann signiert

Er hat den Ausgang aus dem Krieg gefunden: Nachdem die letzten beiden Romane Ralf Rothmanns, »Im Frühling sterben« (2015) und »Der Gott jenes Sommers« (2018), das Ende des Zweiten Weltkriegs aus deutscher Perspektive behandelt haben, schafft sein neuer Roman »Die Nacht unterm Schnee« den Übergang von Krieg und Faschismus zu Nachkrieg und BRD.

Kurz nach Kriegsende wird Elisabeth in der Kieler Wirtschaft angestellt, die die Soldatenwitwe und Mutter der Ich-Erzählerin Luisa betreibt. Elisabeth: keck, promiskuitiv, was Arbeit und Vergnügen angeht tatendurstig. Den Bruch in ihr beschreibt Rothmann, wie es bei Rothmann eben so üblich ist, exorbitant und auf der Grenze zum Kitsch wackelig balancierend: »Ich wusste nicht viel über Elisabeths bisheriges Leben, und doch hatte ich manchmal das Gefühl, dass sie eine Leerstelle mit sich herumtrug, ein tiefinneres Vakuum, aus dem das Echo ihrer frohgemuten Schlagermusik wie ein fernes, kaum hörbares Wehklagen widerhallte.«

Woher Elisabeths »tiefinneres Vakuum«? Der Russe. Auf der Flucht landet noch die Hand des grauen Volkssturmmanns auf Elisabeths Knie. Zum Glück ein Fake: »Es war nur eine lederbezogene Bakelitprothese, wie auch ihr Lehrer seit der Schlacht bei Charkow eine trug, und verstohlen befühlte sie die Finger mit den eingeprägten Nagelbetten, ohne dass der Mann es bemerkte.« Erst der Sowjetmann, der die Fliehenden beschießt, legt echte an. Zur doppelten Schändung auch noch in einer Kirche, selbstzweckmäßig brutal, obwohl Elisabeth sich schon zum Tausch gegen Wärme und Essen damit abgefunden hatte, vergewaltigt zu werden. Wir lesen: Da fallen Tiere ein 1945, im Jahr des Herren. Wir lesen minutiöse Bildeinstellungen. Rothmann kommt in dem Nebenstrang, den sein Alter ego im Roman verfasst, mehrmals darauf zurück.

Autofiktionial ist in Rothmanns Roman wie immer viel: Das harte Leben als Kleinbäuerin beendet Elisabeth für das als Bergmannsgattin in Essen. Sie kriegt zwei Kinder, davon eines mit Geburtsfehlern, die der Schnaps während der Schwangerschaft mindestens nicht verhindern konnte. Ralf Rothmann, 1953 in Schleswig als Kind norddeutscher Melkerinnen und Melker geboren, die später in den staubigen Ruhrpott zogen, samplet mit »Die Nacht unterm Schnee« sein bisheriges Werk.

Das, wenn auch durchbrochene, lineare Erzählen; die Literatursprache Adenauer-Deutschlands; die sich für einen ZDF-Abend eignenden PlotsRothmann bleibt sich seines kapitalistischen Realismus treu, scheitert hier aber zusehends daran, dass alles, was seine Figuren alltagsphilosophisch an Erkenntnis zusammenkratzen können, auch wirklich alles ist, was mit dem Roman gesagt sein soll. Wir lesen daraus: Das Leben der Landproletarierin ist doppelt, dreifach, vielfach schwer, alles ist Dreck, aber auch schön – und den Roten vergibt man nicht, dass sie hergekommen sind, nachdem man zum Anklopfen bis zu ihrem Moskauer Küchentisch direkt durchgetreten war.

Doch da sind Absätze wie der über den frühen Steigertod von Elisabeths Mann Walter, die umhauen wie eh und je: »Bis zum Schluss ohne ein graues Haar, sei er über Nacht weiß geworden (…); seine Mutter habe beim Aufwachen gedacht, ein Fremder läge neben ihr. Und seine letzten Worte auf dem Sterbebett waren: ›Guckt mich nicht so an!‹« Aber die Aura, die mit Rothmanns Duktus entfaltet werden soll, klebt um blutige Sachverhalte wie durchweichte Frühstückstüten. Das hat schon seine Weltkriegsliteratur so schmierig gemacht. In »Die Nacht unterm Schnee« scheint er sich selbst dazu zu zwingen, seinen Stil nachzuplappern. Wenn er etwa an Weltfakten Stuck pappt und das Prädikat voranschießt: »(…) siebzehn Meter tief und wegen mangelnder Zuflüsse nicht sehr sauerstoffreich ist das Wasser an der Stelle, Verwesung geht nur langsam vonstatten«, so heißt es über die Lübecker Bucht, in der Angloalliierte irrig einen Interniertentransport beschießen und versenken.

Das ist der Westen: Das Leichenwasser bleibt auf lang schmutzig, die geangelten Aale vom Menschenfleisch fett. Rothmann schreibt weiter die Literatur der Bundesrepublik, als sie noch kleiner war. In der noch gegen den Ostwind gespuckt wurde. In der noch wegen der Gefahr aus dem Orient Steuern in Rüstung statt in den Sozialstaat gepresst wurden. Ralf Rothmanns Literatur zeigt, wie altbacken und trüb die Bundesrepublik von heute ist.

Ralf Rothmann: Die Nacht unterm Schnee. Suhrkamp-Verlag, Berlin 2022, 304 Seiten, 24 Euro

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