75 Ausgaben junge Welt für 75 €
Gegründet 1947 Donnerstag, 18. August 2022, Nr. 191
Die junge Welt wird von 2651 GenossInnen herausgegeben
75 Ausgaben junge Welt für 75 € 75 Ausgaben junge Welt für 75 €
75 Ausgaben junge Welt für 75 €
Aus: Ausgabe vom 29.06.2022, Seite 10 / Feuilleton
Performance

Tanz auf der Brücke

Koloniale Logistik: Der performative Stadtrundgang »Decolonycities Windhuk-Hamburg«
Von Fabian Lehmann
Justina Nashipolo Andreas.jpg
Die Tänzerin Vitjitua Ndjiharine in einem Long Dress der Herero in Namibia

Irgendwo in den verwinkelten Tiefen der Hamburger Speicherstadt. Eine Frau in einem altmodischen und irgendwie zu bunten Kleid steht auf einer Brücke und bewegt sich anmutig zu einer imaginären Musik. Dem Publikum der Performance bliebe die Szene rätselhaft, hörte es nicht zugleich auf Kopfhörern die zuvor eingesprochene Worten der Tänzerin Vitjitua Ndjiharine. Sie erzählt, dass das Anlegen des Kleides – ein Long Dress der Herero in Namibia – eine hundertjährige Tradition habe und besonderen Anlässen vorbehalten bleibe.

Der Tanz auf der Brücke, er ist Teil des performativen Audiowalks der Choreographin Yolanda Gutiérrez, der die Teilnehmer am Wochenende durch das portugiesische Viertel Hamburgs, zu den Landungsbrücken und auf einer Barkasse durch die Fleete der Speicherstadt führte. Als »Decolonycities Windhuk Hamburg« hatte Gutiérrez die Arbeit für das zeitgenössische Tanzzentrum Kampnagel entwickelt.

Die Teilnehmer dieses postkolonialen Stadtrundgangs erfahren von der Vergangenheit der Stadt und ihrer Bedeutung als Umschlagplatz für die koloniale Logistik. Der Hamburger Hafen hatte die Versorgung und den Handel mit den deutschen Kolonien um 1900 erst möglich gemacht. Hier wurden nicht nur Kaffee, Tee, Kakao und weitere »Kolonialgüter« in den Kontorhäusern gelagert. Von hier brachen auch die sogenannten Schutztruppler auf, um Krieg in der damaligen Kolonie Deutsch-Südwestafrika zu führen. Ein Krieg, der auf dem Gebiet des heutigen Namibia 1904 in den ersten Völkermord des 20. Jahrhunderts münden sollte.

Die namibischen Tänzer, die beim Rundgang an unerwarteter Stelle auftauchen, gleichen den Geistern der unbewältigten kolonialen Vergangenheit, die der Kunsthistoriker T. J. Demos bereits 2013 beschrieben hatte. Weil die koloniale Geschichte und die Verantwortlichkeiten in Europa oft genug ignoriert würden, blieben die Geister unbefriedet, irrten weiterhin umher und würden in den künstlerischen Arbeiten ästhetisch eingefangen, so Demos. Tatsächlich entrücken auf dem Rundgang durch Hamburg die teils surreal anmutenden Performances aus der Gegenwart und markieren aus geisterhafter Ferne die einstigen kolonialen Verflechtungen. Ähnliches bewirken die Stimmen, die über die Kopfhörer zu den Teilnehmern dringen. Zwar vermitteln sie vor allem historisches Wissen, aber auch daraus ergeben sich ästhetische Erfahrungen. Etwa dann, wenn die Gruppe beim Gang, vorbei an den belebten Cafés des portugiesischen Viertels, erfährt, dass es die Salazar-Diktatur und die wirtschaftlichen Folgen der portugiesischen Kolonialkriege Mitte des 20. Jahrhunderts waren, die die Portugiesen zu Tausenden außer Landes und so auch nach Hamburg trieben. Dieses Wissen verändert unweigerlich den Blick auf das Viertel.

So changiert der performative Stadtrundgang zwischen Immersion und Reflexion. Wo die Performances den Alltagsblick in einen ästhetischen verwandeln, bricht die Audiospur auch mit dem Erlebten, indem sie etwa die Tänzer selbst zu Wort kommen lässt und ihnen so ihre Anonymität nimmt. Es ist nicht der erste Gang dieser Art durch Hamburg, den Yolanda Gutiérrez erarbeitet hat. Bereits 2017 hatte sie den Hamburger Hafen als Tor zur kolonialen Weltordnung vorgestellt, 2019 die einstigen Kolonialbesitzungen des Deutschen Kaiserreichs thematisiert. Immer arbeitet Gutiérrez dabei mit Tänzern aus den ehemaligen deutschen Kolonien zusammen, aus Tansania, Ruanda und diesmal aus Namibia.

Beim mittlerweile dritten post­kolonialen Stadtrundgang wurde das Grundrezept noch einmal weitergedacht. Die Einbindung der Barkassenfahrt durch die Speicherstadt und den Baakenhafen – sie macht immerhin die Hälfte der Führung aus – ist nur folgerichtig und eröffnet einen weiteren Blick auf die Stadt. Dass es manchmal etwas viel geschichtliche Informationen auf einmal sind und andererseits Phasen des Wartens manche Teilnehmer abschweifen lassen, bleibt da nebensächlich. Denn am Ende wünscht man sich, dass kein Stadtrundgang mehr ohne diese postkoloniale Perspektive auskommt, dass das Wissen um die koloniale Bedeutung der Hafenstadt ebenso selbstverständlich wird wie der Besuch der Elbphilharmonie.

Sommerabo

Die Tageszeitung junge Welt ist 75 Jahre alt und feiert dies mit dem Sommeraktionsabo. Du kannst 75 Ausgaben für 75 Euro lesen und täglich gut recherchierte Analysen zu tagesaktuellen Themen erhalten. Schenke dir, deinen Freundinnen und Freunden, Genossinnen und Genossen oder Verwandten ein Aktionsabo und unterstütze konsequent linken Journalismus.

Ähnliche:

Mehr aus: Feuilleton