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Aus: Ausgabe vom 29.06.2022, Seite 3 / Schwerpunkt
Documenta 15

»Wir verurteilen jeden Rassismus«

Über ihr Banner »People’s Justice« und den Antisemitismusskandal auf der Documenta 15. Ein Gespräch mit dem indonesischen Künstlerkollektiv Taring Padi
Von Ulrich Schneider, Kassel
Tabula rasa: Documenta-Mitarbeiter bauen auf dem Kasseler Friedrichsplatz das Großbanner »People’s Justice« ab (21.6.2022)
Verhüllung der Figurendarstellung »People’s Justice« (2002) des Kollektivs Taring Padi durch einen Documenta-Mitarbeiter (20.6.2022)

Seit mehr als einer Woche eskaliert die öffentliche Auseinandersetzung um Antisemitismus-Vorwürfe gegen die Documenta 15 in Kassel. Manche Kritiker forderten den Rücktritt von Kulturstaatsministerin Claudia Roth (Grüne) oder gleich das Ende der Weltkunstschauen, Bundeskanzler Olaf Scholz verkündete, er werde die Documenta wegen der Vorgänge nicht besuchen, und am 24. Juni wurde bekannt, dass eine aktuelle Stunde im Deutschen Bundestag zum Thema stattfinden soll.

Stein des Anstoßes: Das am Abend des 17. Juni aufgehängte Banner »People’s Justice« des indonesischen Künstlerkollektivs Taring Padi. Es handelt sich um ein etwa 100 Quadratmeter großes politisches »Wimmelbild«, das vor gut 20 Jahren entstanden ist und 2002 das erste Mal beim South Australia Art Festival in Adelaide öffentlich gezeigt wurde. Das Großbanner zerfällt in zwei Hälften; auf der linken Seite werden die herrschende Weltordnung und deren Unterdrückungsorgane dargestellt, auf der rechten der Widerstand der unterdrückten Völker. Auf dem recht plakativ gestalteten Banner sind Dutzende Figuren zu sehen, wobei die auf der linken Seite als überspitzte Karikaturen angelegt sind, während jene auf der rechten menschliche Züge tragen und an die Darstellungen des mexikanischen Muralismo erinnern. Zwei Figuren der linken Seite stehen im Mittelpunkt der Kritik: Die eine zeigt einen Soldaten mit Schweinsgesicht, auf dessen Helm »Mossad« steht und der ein Halstuch mit Davidstern trägt – ähnlich gestaltete Soldatenfiguren in unmittelbarer Nachbarschaft mit Aufschriften wie »KGB« und »MI5« haben andere Fratzen. Die zweite Figur stellt einen orthodoxen Juden dar mit Schläfenlocken, Schlangenzunge, blutunterlaufenen Augen und Fangzähnen sowie einem Hut, auf dem SS-Runen prangen.

Während die meisten Medien vor allem Detailaufnahmen des Banners präsentierten, um deren antisemitische Aussage zu kritisieren, und das Banner auf Anordnung der Documenta-Leitung zunächst verhüllt, dann am Abend des 21. Juni sogar abgehängt wurde, gab es kaum Versuche, mit dem betreffenden Künstlerkollektiv Taring Padi ins Gespräch zu kommen. Sämtliche geplante Veranstaltungen wurden ausgesetzt.

Die junge Welt hat deshalb entschieden, nicht nur über die Künstler und ihr Banner zu sprechen, sondern mit ihnen, um ihre Perspektive auf diesen Konflikt zu verstehen. Drei Mitglieder der Künstlergruppe, Lidija Triana Dewi, Hestu Nugroho und Alexander Supartono, waren zu einem Gespräch bereit. Als Kollektiv sprechen sie mit einer Stimme.

Ihr zentrales Banner »People’s Justice« auf dem Friedrichsplatz in Kassel wurde nach heftiger Kritik letzte Woche abgehängt. Was sagen Sie zu den Auseinandersetzungen um Ihr Bild?

Als erstes möchten wir betonen: Wir sind keine Antisemiten, wir sind gegen jeden Rassismus. Wir wissen nicht, wer hier über uns geurteilt hat.

Wir bedauern aber zutiefst, in welchem Ausmaß die Bildsprache unserer Arbeit »People’s Justice« so viele Menschen beleidigt hat. Wir entschuldigen uns bei allen Besuchern und Mitarbeitern der Documenta 15, der Öffentlichkeit in Deutschland und insbesondere der jüdischen Gemeinde. Wir haben aus unserem Fehler gelernt und erkennen jetzt, dass unsere Bildsprache im historischen Kontext Deutschlands eine spezifische Bedeutung bekommen hat.

Wie und in welchem Kontext ist das Banner entstanden?

Dieses acht mal zwölf Meter große Banner wurde 2002 in Yogyakarta, Indonesien, von zahlreichen Mitgliedern unseres Kollektivs gemeinsam geschaffen. Das Bild entstand unter dem Eindruck der bedrückenden Lebensumstände, die wir unter der Militärdiktatur von Suharto (1967–1998, jW) erfahren hatten, in der Gewalt, Ausbeutung und Zensur an der Tagesordnung waren. Wie viele unserer Kunstwerke versucht das Banner, die komplexen Machtverhältnisse aufzudecken, die hinter dieser Verfolgung und den Ungerechtigkeiten stehen. Insbesondere geht es um den Massenmord an mehr als 500.000 Menschen in Indonesien im Jahr 1965, der bis heute nicht aufgearbeitet wurde.

Die »komplexen Machtverhältnisse« werden auf dem Banner auf der linken Seite aber recht konkret mit Karikaturen ähnelnden Figuren abgebildet.

In der Tat. Das Banner inszeniert diese inneren und äußeren Machtverhältnisse in einer bildhaften Szene und versucht, die komplexen historischen Umstände durch eine Bildsprache einzufangen, die ebenso verstörend ist wie die Realität der Gewalt selbst.

Denn im Kalten Krieg, nach dem antikommunistischen Krieg in Korea und während des Krieges in Vietnam, wurde der Staatsstreich Suhartos und die anschließende Einsetzung seines Regimes von vielen Ländern unterstützt. Verschiedene westliche Demokratien, darunter unser ehemaliger Kolonialherr (die Niederlande, jW), bevorzugten – offen oder heimlich – ein Militärregime statt einer jungen Demokratie, die enge Beziehungen zu anderen sozialistischen und kommunistischen Ländern in der Region aufgebaut hatte. Die CIA und andere Geheimdienste lieferten Waffen und Informationen für den Staatsstreich.

Verstört hat die Betrachter jedoch weniger die historische Realität, sondern insbesondere eine Figur, die mit antisemitischer Bildsprache erkennbar einen jüdischen Ausbeuter darstellen soll.

Das wollten wir nicht. Es ist wahr, dass die Form der Darstellung aus Enttäuschung, Frustration und Wut politisierter Kunststudenten stammt, die kurz zuvor viele ihrer Freunde in den Straßenkämpfen von 1998 verloren hatten – einem Aufstand, der schließlich zum Rücktritt von Suharto führte.

Die von uns verwendete Bildsprache ist jedoch nie aus Hass gegen eine bestimmte ethnische oder religiöse Gruppe entstanden, sondern als Kritik an Militarismus und staatlicher Gewalt zu verstehen. Wie schon gesagt, mussten wir erkennen, dass unsere Bildsprache im historischen Kontext Deutschlands eine spezifische Bedeutung besitzt, die wir nicht bedacht haben. Das Banner ist in den vergangenen 20 Jahren mehrfach international gezeigt worden, u. a. in Australien. Nie hat es solche Reaktionen ausgelöst. Doch Antisemitismus hat weder in unseren Gefühlen noch in unseren Gedanken einen Platz.

Wie erleben Sie die öffentliche Reaktion auf den Streit um das Kunstwerk?

Als Kollektiv von Künstlerinnen und Künstlern, die Rassismus jeglicher Art verurteilen, sind wir schockiert und traurig über die mediale Berichterstattung, die uns als antisemitisch bezeichnet. Wir sind nach Kassel zur Documenta gekommen, um die Auseinandersetzung um das koloniale Erbe mit unseren künstlerischen Mitteln zu unterstützen.

Das klingt ähnlich wie die Stellungnahme des indonesischen Kuratorenkollektivs der Documenta 15, Ruangrupa, das davon spricht, dass viele der Angriffe auf es nicht »in good faith«, in redlicher Absicht, unternommen wurden. Sie haben den Eindruck, dass viele der Anschuldigungen gegen sie erhoben wurden, ohne dass zuvor ein offener Austausch versucht wurde. Sie bieten an, den Dialog mit denen fortzusetzen, die sie aufrichtig unterstützt und an sie geglaubt haben. Sie möchten weiterhin mit der Öffentlichkeit, den Besuchern und den lokalen Basisinitiativen im Gespräch bleiben.

Das ist auch unsere Überzeugung. Auch wir erleben die Angriffe, aber auch, dass viele Besucher in unsere Ausstellung im Hallenbad Ost kommen, um unsere Werke zu sehen und sich mit ihnen auseinanderzusetzen. Viele von ihnen haben sich die Zeit genommen, mit uns zu sprechen und sowohl ihre Wertschätzung wie ihre Kritik auszudrücken, und wir hoffen, dass das so bleibt.

Ihre Antworten klingen teilweise wie Ihr Statement auf der Homepage der Documenta.

Ja, das ist richtig. Angesichts der kontroversen Medienreaktion und Erfahrungen mit Journalisten haben wir alle unsere Formulierungen ge-»double checked«, damit keine Fehlinterpretationen möglich sind. Daher benutzen wir auch jetzt den »geprüften« Wortlaut.

Dokumentiert: Wer sind Taring Padi?

Das Institut für bürgernahe Kultur Taring Padi wurde 1998 von einer Gruppe progressiver Kunststudierender und Aktivisten als Antwort auf die gesellschaftspolitischen Umwälzungen der indonesischen Reformasi-Ära nach dem Rücktritt von Diktator Suharto gegründet. Taring Padis künstlerische Praxis ist daher nur vor dem Hintergrund der gesellschaftspolitischen und kulturellen Solidarität der Gruppe und ihrer Aktivitäten zu verstehen.

Zu Taring Padis Praxis kollektiver und individueller Kunstproduktion gehören Straßenproteste, Holzschnittworkshops, Kunstkarnevals und Ausstellungen an ungewöhnlichen Orten. Spontan gebildete politische Allianzen, landwirtschaftliche oder von Fischerei geprägte Gemeinschaften, aber auch ihre eigene Umgebung sind für Taring Padi Orte des gemeinsamen Arbeitens und Lernens. Im Jahr 2002 wurde Taring Padi zu einem Kollektiv. Dadurch wollte die Gruppe inklusiver werden und die persönliche Dynamik zwischen den Mitgliedern unterstützen, ohne ihren progressiven, militanten Charakter aufzugeben oder sich von ihrer Auffassung von Kunst als Katalysator sozialen Wandels zu verabschieden.

Ihr Beitrag zur Documenta 15 basiert auf drei Hauptgrundsätzen Taring Padis: organisieren, bilden und agitieren. Das Motto lautet »Bara Solidaritas: Sekarang Mereka, Besok Kita« (dt. Flamme der Solidarität: Zunächst kamen sie um ihrer selbst willen, dann kamen sie unseretwillen). In Deutschland, Indonesien, den Niederlanden und Australien fanden im Vorfeld der Documenta 15 Workshops statt – etwa mit Migranten, Straßenkünstlern und Schülern. Gemeinsam schufen sie künstlerische Arbeiten zu sozialpolitischen Themen. Darunter sind großformatige Banner und etwa 1.000 Wayang Kardus (lebensgroße Pappkartonpuppen), die im Kasseler Zentrum ausgestellt werden und auch Teil von Auftritten sein sollen. Im Hallenbad Ost zeigt Taring Padi über 100 Kunstwerke aus den letzten 22 Jahren.

documenta-fifteen.de

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  • Leserbrief von Reinhard Hopp aus Berlin (29. Juni 2022 um 10:26 Uhr)
    Mit der altbewährten »Antisemitismus-Keule« lässt sich ebenso alles ohne jegliche Kontextualisierung einfach niederknüppeln wie mit den pauschalen Totschlägern »Verschwörungstheoretiker«, »Russland-Freund« oder »Putin-Versteher«.

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