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Paros/Antiparos

Von Helmut Höge
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Wir machten 14 Tage Urlaub auf einer kleinen griechischen Insel, obwohl man als Selbständiger ja keinen Urlaub hat – und es dort auf Paros auch keine Arbeit für uns gab. Wie so viele griechische Inseln hat auch Paros vor allem Sonne, Strand, blaues Meer und Touristenrestaurants zu bieten. Aber außerdem eine lange Leidensgeschichte: Erst eroberten die Phönizier die Insel, dann die Athener, Perser, Makedonier, Römer, Goten, Byzantiner, die Sarazenen und Araber, Venezianer, Türken und Russen, erneut die Türken und zwischendurch überfielen immer wieder Piraten die Insel, die dann alle Bewohner niedermetzelten. Nach der griechischen Revolution wurde Paros 1830 dem Nationalstaat angeschlossen.

Von 5.000 v. u. Z. bis ins 19. Jahrhundert hatten es beinahe alle Eroberer dort, neben einigen kleinen Erzlagern und Marmor, auf die Bäume abgesehen – für den Bau ihrer Schiffe, die sie dann gegeneinander kämpfend im Mittelmeer versenkten. Übrig blieb ein weitgehend karges, felsiges Land, nur stellenweise bewachsen von Dornensträuchern und Sukkulenten. Die Wüste Gobi ist grün dagegen.

Die Bewohner von Paros sind – vielleicht gerade wegen der Kargheit ihrer Insel – große Floraliebhaber: Überall an ihren Häusern blühen die schönsten Pflanzen. Gewächse, die wir als kümmerliche Topfpflanzen kennen, wachsen sich hier zu hohen Bäumen aus.

Auf der einst mit Paros verbundenen, längst vorgelagerten kleinen Insel Antiparos müssen Häuser weiß, Fenster und Türen blau, Höfe und Gärten »full of flowers« sein. Wahrscheinlich hat die bürokratische gestalterische Strenge damit zu tun, dass auf Antiparos Hollywoodprominenz Urlaub macht. Tom Hanks etwa hat dort ein eigenes Haus.

Neben den vielen Pflanzen findet man auf Paros und Antiparos an jedem Haus mindestens anderthalb Katzen sowie einige Spatzen und Tauben. Das ist schon fast die gesamte Fauna der zwei Inseln, abgesehen von ein paar kleinen Eidechsen. Da das Meer überfischt ist, gibt es so gut wie keine Möwen dort.

Paros wurde im Zweiten Weltkrieg von den Italienern besetzt, sie waren der Inselbevölkerung zum Teil durchaus wohlgesonnen. Antiparos, wo nur ein paar Schafzüchter und Fischer lebten, ignorierten sie. Deswegen konnte der kretische Seemann und Partisan Haris Grammatikakis auf Antiparos mit Hilfe von Fischerbooten eine Fluchtroute von Nordgriechenland und Athen über Piräus nach Antiparos betreiben. Die Bewohner von Paros waren in das Geheimunternehmen involviert. Antiparos wurde derweil von englischen U-Booten versorgt, wovon auch die Italiener auf Paros profitierten, da ihnen »Schmuggelware« – wie englisches Gebäck und Tee – zugänglich wurde.

Das U-Boot nahm auf dem Rückweg die von Haris via Piräus geretteten kretischen Partisanen und englischen Geheimdienstoffiziere nach Alexandria mit, von wo aus sie ins englische Hauptquartier nach Kairo gebracht wurden. Die englische Armee wurde dort noch zunehmend von den Truppen unter Rommel bedroht und brauchte Verstärkung.

Auch Haris Grammatikakis fuhr nach Alexandria, mit einem Fischerboot. Unbeschadet gelangte er nachts durch die doppelte Minensperre des Hafens hindurch zu einem englischen Zerstörer, an dem er anlegte. Sein »privates« Fluchtunternehmen wurde daraufhin vom englischen Geheimdienstchef quasi verstaatlicht. Leiter wurde der junge schottische Geheimdienstoffizier Atkinson, dem Haris misstraute. Zu Recht: Atkinson kampierte nicht im Gelände wie alle anderen, sondern quartierte sich mit seinem Funker im komfortabelsten Schäferhof ein, wo er den Kamin heizte. Er hatte eine Mappe dabei, auf der fett stand, dass sie unbedingt im U-Boot bleiben müsse. Sie enthielt sämtliche Informationen über die Fluchtrouten und -unterstützer.

Als der italienische Militärgeheimdienst eine Razzia auf Antiparos machte, gelangte Atkinson lebend in dessen Hände. Ebenso die Mappe. Daraufhin wurden Hunderte Griechen verhaftet, verurteilt und viele erschossen. Paros/Antiparos wurden isoliert und ausgehungert. Haris Grammatikakis überlebte. Ihm hat die auf Paros lebende US-Amerikanerin Katherine Clark ihre überaus gründliche Recherche für ihr Buch »The Part That Is Great. Greek Islands In Bondage 1941–1943: A True Tale of Grit, Wit, Passion and Pride« gewidmet.

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