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Aus: Ausgabe vom 27.06.2022, Seite 15 / Politisches Buch
Handel und Wandel

Die Schweiz zur See

Lehrbuch und Handlungsanleitung: Mark Pieth und Kathrin Betz über die maritimen Aktivitäten des Alpenstaates
Von Burkhard Ilschner
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Schiffahrt auf Wachstumskurs: Mit Containern beladene »MSC Zoe« in der Nordsee (2019)

»Die Seefahrt ist mit der Umwelt auf Kollisionskurs«, heißt es unter anderem im Vorwort dieses Buches, »und die Arbeitsbedingungen auf Schiffen sind vielfach menschenverachtend.« 222 Seiten später dann dieser Schlusssatz: »Von der Schiffahrtsindustrie Selbstbeschränkung zu erwarten, ist blauäugig.« – Das hat programmatischen Charakter. Dies ist kein Buch gegen die Schiffahrt, im Gegenteil: Es kritisiert engagiert das aktuell übliche Branchengebaren (nicht nur in der Schweiz, der Heimat des Autorenduos), es liefert dazu fundierte Fakten über Strukturen, Historie und Zusammenhänge. Ergänzt durch praktische Vorschläge fürs politische Handeln, plädiert es eindringlich für eine ehrlichere, transparentere und vor allem faire Schiffahrt.

Autor Mark Pieth ist ein emeritierter Baseler Juraprofessor und leitet heute eine internationale Anwaltskanzlei, die unter anderem auf Wirtschaftsstrafrecht spezialisiert ist. Vor allem aber ist er Gründer und Vorstandsvorsitzender des Basel Institute on Governance, einer gemeinnützigen Stiftung, die sich der Bekämpfung von Korruption und anderer Finanzkriminalität verschrieben hat. Pieth gilt als einer der bedeutendsten internationalen Antikorruptionsaktivisten. Über seine Koautorin Kathrin Betz ist weniger bekannt – nur, dass sie bei Pieth promoviert hat und aktuell in Basel als Anwältin tätig ist.

Im Vorwort stellen die Autoren das Buch in einen Kontext mit früheren Werken Pieths über Rohstoffhandel und Goldraffinerie: Drei »hoch riskante« Wirtschaftszweige seien das, deren Probleme und Risiken aber von der »offiziellen Schweiz« nicht nur nicht zur Kenntnis genommen, sondern auch vor öffentlicher Wahrnehmung verborgen und geschützt würden. Diese Vorgehensweise aufzubrechen und, ebenso faktenreich wie gut lesbar, das Augenmerk auf besagte Probleme zu lenken, das ist die Absicht von Pieth und Betz. Was direkt zu der Frage führt, warum denn dieses Buch von einem norddeutschen Rezensenten als »wichtig« für die Betrachtung auch hiesiger maritimer Wirtschaft eingestuft wird.

Zwei Antworten dazu: Zum einen entfalten in der stark globalisierten Schiffahrtsbranche auch Details schweizerischen Agierens direkte Wirkung auf hiesige Verhältnisse – das vom Autorenteam selbst gewählte Einstiegsbeispiel, die Havarie der »MSC Zoe« vor der niederländisch-deutschen Küste, ist typisch dafür: Die in der Schweiz beheimatete Mediterranean Shipping Company (MSC) ist Weltmarktführer der Containerschiffahrt und drittgrößte Kreuzfahrtreederei. Daran anknüpfend erläutern die beiden, wie Geheimniskrämerei plus Ausschöpfung zweifelhafter, aber legaler Tricks Unternehmen zu solcher Größe und Potenz wachsen lassen – und das nicht nur am Beispiel MSC.

Zum anderen erklärt dieses Buch diese und viele zusammenhängende Details des Branchengeschehens derart brillant, dass es ohne Übertreibung als Lehrbuch und Handlungsanleitung für eine Auseinandersetzung auch mit der hiesigen maritimen Wirtschaft bezeichnet werden kann. Ob Flaggenrecht, Schiffsregister, Billigflaggen oder internationale Normen, ob Schiffsfinanzierung, Netzwerke in Rohstoff- und Versicherungsmärkten oder Kartellstrukturen, ob Frachtraten, Chartertricks oder Lieferkettenabhängigkeiten, Pieth und Betz gelingt es auf beeindruckende Weise, solche und weitere Aspekte anzureißen, sie knapp und verständlich darzustellen und zugleich mit Quellen zu unterfüttern.

Beide beschränken sich dabei nicht auf ökonomische Aspekte, politische oder finanz- und steuerwirtschaftliche Rahmenbedingungen nationaler wie internationaler Ebene: Es gibt in diesem Buch mit seiner sehr lesefreundlichen Gliederung in kurze Kapitel auch mehrere wichtige Abschnitte zur sozialen und ökologischen Ausrichtung. Die Arbeit auf See in ihrer oft ausbeuterischen Härte gehört ebenso dazu wie die Befassung mit den Risiken des Seetransports unter den Geboten von Kostenminimierung und Profitmaximierung. Umweltschäden durch Schiffahrt werden – samt fundierter Vorschläge zur Verbesserung – ebenso beschrieben wie die schändlichen Praktiken des Abwrackens ausgedienter Handelsschiffe an den Stränden Pakistans, Indiens und Bangladeschs.

Mark Pieth und Kathrin Betz: Seefahrtsnation Schweiz. Vom Flaggenzwerg zum Reedereiriesen. Elster & Salis, Zürich 2022, 280 Seiten, 24 Euro

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