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Aus: Ausgabe vom 27.06.2022, Seite 4 / Inland
Essen im Protestcamp

Kochen gegen G7

Beim Camp der Gipfelgegner sorgt »Volxküche München« für Verpflegung
Von Fabian Linder, Garmisch-Partenkirchen
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Blick in die Küche des Protestcamps (25.6.2022)

Während die Staats- und Regierungschef der G7 am Sonntag im luxuriösen Schloss Elmau zusammenkamen, haben sich bereits Tage zuvor globalisierungskritische Aktivisten im Protestcamp am Rande des Städtchens eingefunden. Der Feldweg, der zum Camp führt, wird von der Polizei mit großem Aufgebot durchgehend gesichert. Der kritische Blick der Beamten fällt nicht nur auf die anreisenden Aktivisten. Selbst Autokennzeichen direkter Anwohner werden von den Beamten notiert.

Das Camp, das als Rückzugsraum für Aktivisten und zur Übernachtung organisiert worden ist, lockt tagsüber einige Besucher aus der Region an. Es kommen meist diejenigen, die Verständnis für die Proteste zeigen und vom Gipfel genervt sind. Organisiert wird das Camp von mehreren Organisationen. Darunter auch das Kochkollektiv »Volxküche München«.

Da die meisten Geschäfte in Garmisch-Partenkirchen während des Gipfels durchgehend geschlossen haben, heißt es am Sonntag vormittag erst einmal: Brot holen von einer lokalen Bäckerei. Auf dem Weg dorthin berichtet Mo im Gespräch mit jW über die Anfänge des Kochkollektivs. Im Jahr 2009 sei es während einer Unibesetzung und Bildungsprotesten in München entstanden. Beim Kochen habe man sich politisiert. »Die Küche ist ein Austauschort und Schnippeln Meditation«, meint Mo.

Mit dem Kollektiv gebe es ein deutliches Gegenmodell zu hierarchisch geprägten Gastronomieküchen. Zudem biete man qualitativ hochwertiges Essen an. Viele Produkte, die gekauft oder gespendet würden, seien von Bioqualität oder aus der Region. Man wisse nicht immer, was kommt und was man zur Verfügung hat. Oftmals entstehen die Gerichte im Austausch. Das Essen ist dabei stets vegan. »Es ist der kleinste gemeinsame Nenner, den jeder abgesehen von Allergien essen kann.«

Jeder Mensch, sagt Mo, solle das Recht auf mindestens eine warme Mahlzeit am Tag haben. »Wir bekochen daher Menschen, die gerade nicht in der Lage sind zu kochen – aus welchen Gründen auch immer«, erklärt er, als er an Polizeifahrzeugen vorbeigehend das Ende des Feldwegs erreicht. Er meint damit unter anderem Geflüchtete. »Wir können ihnen keine Unterkunft bieten. Allerdings können wir ihnen sagen, wir unterstützen euch mit Essen.« Dies sei für Geflüchtete viel wert.

Die »Volxküche« schreibt sich absichtlich mit »x«. Man nehme damit bewusst Abstand von Begrifflichkeiten wie »Volk«. »Jeder Mensch ist gleich«, schließt Mo an. »Wir interessieren uns nicht für Nationalitäten. Jeder ist bei uns willkommen.« Wir alle müssten gemeinsam dafür kämpfen, dass dieser Planet auch in den nächsten Jahren noch bewohnbar bleibt. Die Politik der G7 stehe für das Gegenteil.

Wer die Volxküche sieht, merkt gleich, dass es für deren Betrieb viel Material und Infrastruktur bedarf. Das meiste wird über Spenden finanziert. Nach der Organisation eines Camps wie dem jetzigen in Bayern bekomme man in der Regel einige Anfragen, ob bei Aktionen gekocht werden kann. Immerhin: Pressevertreter, die am Sonnabend vor Ort waren, bemerkten, dass das Essen hier besser sei als im Pressezentrum. Ein Kompliment, das Mo und die anderen gern hören.

Beim Bäcker angekommen, zeigt sich, dass es viele Menschen in Garmisch-Partenkirchen gibt, die die Aktivisten unterstützen. Der Bäckermeister holt eine Kiste mit Brot und schenkt Mo einen Sack mit Semmeln vom Vortag. Auf dem Rückweg ins Camp geht es noch einmal vorbei an der Polizeikontrolle am Zufahrtsweg. »Wir bringen Essen für das Camp«, sagt Mo und wird durchgelassen. Auch für die kommenden Tage brauchen die Demonstranten viel Energie.

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