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Aus: Ausgabe vom 23.06.2022, Seite 15 / Medien
Mord an Journalistin

Ein glasklarer Fall

Neuer Bericht der New York Times bestätigt vorangegangene Recherchen: Palästinensische Reporterin Abu Akleh durch israelische Kugel getötet
Von Gerrit Hoekman
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»Israel hat Schirin umgebracht«: Protest nach der Ermordung der palästinensischen Journalistin am 11. Mai in Paris

Neue Recherche, gleiches Ergebnis: Am Montag machte nun auch die New York Times (NYT) Israel für den Tod der palästinensischen Journalistin Schirin Abu Akleh am 11. Mai in Dschenin »sehr wahrscheinlich« verantwortlich. Vorher waren bereits die palästinensische Staatsanwaltschaft, die Washington Post, der Sender CNN oder auch die Nachrichtenagentur AP zu diesem Schluss gekommen.

»Eine einmonatige Untersuchung der New York Times hat ergeben, dass die Kugel, die Frau Abu Akleh tötete, von der ungefähren Position eines israelischen Militärkonvois abgefeuert wurde, höchstwahrscheinlich von einem Soldaten einer Eliteeinheit«, heißt es in dem Bericht. Die Recherche stützt sich auf verfügbares Videomaterial, Zeugenaussagen und eine akustische Analyse der Kugeln, die zu dem Zeitpunkt abgefeuert wurden, als die Journalistin tödlich getroffen wurde.

Für die israelische Behauptung, es könnten auch palästinensische Kämpfer für den Tod der Reporterin verantwortlich sein, fand die NYT keine Indizien. Es hätten sich keine bewaffneten Palästinenser in der Nähe der Gruppe von Journalistinnen und Journalisten aufgehalten, die über eine israelische Razzia im Dschenin berichteten und zu denen auch Abu Akleh gehörte.

Die NYT konnte den Verlauf des verhängnisvollen frühen Morgens des 11. Mai fast minutiös nachstellen. Gegen 6 Uhr traf sich Schirin Abu ­Akleh am vereinbarten Treffpunkt mit ihren Kollegen. Die Razzia der israelischen Armee hatte bereits begonnen. Abu Akleh trug einen Stahlhelm und eine schusssichere Weste mit der deutlichen Aufschrift »Press«. »Einige Häuserblocks weiter war gerade ein Schusswechsel zwischen israelischen Soldaten und palästinensischen Männern beendet worden«, fand die NYT heraus. »Die Journalisten glaubten, sie befänden sich in Sicherheit.«

»Plötzlich flogen sechs Kugeln auf sie zu, und sie rannten in Deckung«, so der NYT-Bericht weiter. »Abu Akleh kauerte neben einem Johannisbrotbaum.« Davon existiert ein Foto. Sieben weitere Schüsse ertönten. »Ist jemand verletzt?« rief ein Kollege. Dann sah er Schirin Abu Akleh mit dem Gesicht nach unten auf dem Boden liegen. Trotz Weste und Helm hatte eine Kugel sie in den Kopf getroffen. Das Projektil war von der Art, die in M4-Gewehren verwendet wird, die israelische Soldaten benutzen. Es war 6.30 Uhr.

16 Schüsse wurden aus Richtung der israelischen Militärfahrzeuge auf die Gruppe der Journalisten abgefeuert, selbst als sie bereits davonrannten. Es handelte sich also keineswegs um eine einzelne, verirrte Kugel, die Abu Akleh traf. Die Reporter wurden gezielt beschossen. Die NYT konnte allerdings weder nachweisen, dass die Soldaten die Gruppe als Medienvertreter identifiziert hatten noch dass sie Schirin Abu Akleh persönlich erkannt hatten. Die Sender CNN und Al Dschasira sprachen nach ihren Recherchen von einer »gezielten Tötung«. Zwar befanden sich auch zwei Gruppen von »palästinensischen Kämpfern« in dem Viertel, aber die eine hatte kein freies Schussfeld auf die Reporter und die zweite war laut den von der NYT zu Rate gezogenen FBI-Forensikern viel zu weit entfernt.

Obwohl die Indizien überzeugend sind, drücken sich die israelische Armee und die Regierung vor der Verantwortung. Ende Mai beschwerte sich Außenminister Jair Lapid bei seinem US-amerikanischen Amtskollegen Antony Blinken über die angeblich voreingenommene Untersuchung der palästinensischen Staatsanwaltschaft und die Recherche des Senders CNN.

Der Internationale Strafgerichtshof in Den Haag könnte sich des Falls annehmen. Die Palästinensische Autonomiebehörde befürwortet das. Für Israel und seine Schutzmacht USA ist der Strafgerichtshof nicht der passende Ort, um den Sachverhalt zu klären. »Palästinensische Todesfälle werden selten international untersucht, und Soldaten, die wegen Verbrechen gegen Palästinenser im Westjordanland angeklagt sind, werden selten verurteilt«, stellte die New York Times am Montag fest.

Es bleibt die Frage, ob die Erkenntnisse der NYT überhaupt noch jemanden interessieren. Die meisten westlichen Medien haben den Fall längst zu den Akten gelegt und sich wieder »wichtigeren« Brandherden zugewandt: 50 Jahre alten propalästinensischen Propagandafilmen auf der Documenta in Kassel zum Beispiel.

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