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Aus: Ausgabe vom 23.06.2022, Seite 11 / Feuilleton
Geschichte

Spukschloss am Lustgarten

Wieviel Palast der Republik steckt noch im Humboldt-Forum?
Von Simon Mayer
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Unfreundliche Nachbarschaft von verdrängtem Futurismus und Anachronismus: Fernsehturm und Kuppelkreuz

Erst seit knapp einem Jahr eröffnet, spukt es im Neubau des Berliner Stadtschlosses schon. Heimgesucht wird das retropreußische Mauerwerk, diese steinerne Manifestation neodeutschbürgerlicher Restauration, vom Geist des Vorgängergebäudes, das am selben Ort in einem Akt revanchistischen Siegestaumels zertrümmert wurde: dem Palast der Republik. Seit April läuft gleich für mehrere Jahre dort ein Programm mit dem Titel »Der Palast der Republik ist Gegenwart«. Ein republikanischer Palast kann also zwar abgerissen, aber offensichtlich nicht so einfach aus dem Bewusstsein gestrichen werden. Dafür ist das, wofür er steht, zu sehr mit dem Traum von einer Sache verbunden.

Schließlich forderte bereits Friedrich Engels in einem Entwurf des Kommunistischen Manifests, den »Grundsätzen des Kommunismus« von 1847, als eine von zwölf nach der Revolution »direkt das Privateigentum angreifenden und die Existenz des Proletariats sicherstellenden Maßregeln« die »Errichtung großer Paläste«. Und zwar »auf den Nationalgütern als gemeinschaftliche Wohnungen für Gemeinden von Staatsbürgern«. 1843 hatte dann die Frühsozialistin Flora Tristan in ihrer leider nur wenig bekannten Schrift »Arbeiterunion« die Palastfrage ins Zentrum ihrer Reformbestrebungen gerückt. Schaffung sozialistischen Reichtums für die Arbeiterklasse bedeutet dort die Errichtung von »Arbeiterpalästen«, die sich Tristan als eine Kombination von allgemein und kostenfrei zugänglichen Bildungs-, Gesundheits- und Pflegezentren vorstellte. Damit war auch das feministische Ziel verbunden, die Reproduktionsarbeit zu vergesellschaften. Die DDR hat diese Forderungen aus den Anfangstagen des Sozialismus in ihrer Hauptstadt auch mit dem Bau des Palasts der Republik auf ihre Weise aufgegriffen und zwar nicht erschöpfend, aber immerhin ansatzweise erfüllt.

Der Palast der Republik für sich genommen war natürlich noch kein von dem utopischen Sozialisten Charles Fourier erträumtes Phalanstère – von Engels einmal als »gesellschaftlicher Palast« charakterisiert. Doch neben anderen an die Tradition des sozialistischen Volkshauses der Arbeiterbewegung in einer Periode des wohlfahrtsstaatlichen Massenkonsums anknüpfenden Einrichtungen wie dem Centre Pompidou in Paris oder dem Kulturhuset in Stockholm konnte er sich durchaus sehen lassen. Mit dem Sieg der westdeutschen Bourgeoisie und ihres bildungsbürgerlichen Anhangs über den Versuch eines sozialistischen Aufbaus auf deutschem Boden war dann aber auch die Zukunft dieser Institution und des Bauwerks besiegelt. Aus Prinzip musste im Zentrum der »wiedervereinigten« Nation das alte Hohenzollernschloss wieder her. Irgendwie muss ein solches Gemäuer genutzt werden. Verfallen war man auf ein denkbar reaktionäres Konzept. Nicht einmal ein sich an aktuellen sozialen und politischen Problemstellungen orientierendes, sich der Stadtgesellschaft öffnendes öffentliches Bürgerforum, das sich ruhig an der Soziologie als Leitwissenschaft hätte ausrichten können, haben die Berliner bekommen. Dabei könnte ein wenig soziologische Aufklärung in Berlin sicher nicht schaden. Die seit geraumer Zeit so beliebten Kulturwissenschaften haben schließlich schon mit dem Haus der Kulturen der Welt ein eigenes Zentrum.

Im Humboldt-Forum jedenfalls beherbergt man nunmehr schwerpunktmäßig völkerkundliche Sammlungen, was dafür gut zum deutschen Bürgertum passt, das sich traditionell obsessiv für vermeintlich Ursprüngliches, Fernes und Vergangenes begeistern konnte und die Auseinandersetzung mit der gegenwärtigen Gesellschaft eher scheute. Außerdem harmoniert eine repräsentative Anhäufung angeeigneter physischer Objekte nicht schlecht mit den Vorstellungen der herrschenden Klassen von Reichtum. Richtig glücklich geworden ist man damit bislang aber noch nicht. Immer wieder gibt es hitzige Debatten. Da finanziert etwa die millionenschwere Witwe eines Versandhandelsmagnaten zu großen Teilen ein goldenes Kuppelkreuz nebst Spruchband, mit dem Machtansprüche gegenüber etwaigen ungläubigen Untertanen mit Bibelstellen demonstriert werden. Das wirkt speziell in Kontrast zum benachbarten Fernsehturm arg anachronistisch. In Sichtweite aufragend empfindet man diesen nun endgültig wie ein Monument eines verdrängten Futurismus. Eingehandelt hat man sich auch einen veritablen Streit um koloniale Raubkunst. Denn romantisches Fernweh geht in der bürgerlichen Gesellschaft mit imperialistischen Beutezügen gut zusammen . Wen wundert es da, dass unermüdliche Aktivisten nach wie vor beharrlich für den Wiederabriss des Stadtschlosses und den Wiederaufbau des Palastes demonstrieren.

Offenbar sahen die Verantwortlichen Unter den Linden irgendwann keinen anderen Ausweg mehr, als beherzt die Flucht nach vorne anzutreten. Ab sofort sollen also mit viel Aufwand »verschiedene Facetten des Palastes der Republik und seiner Geschichte« beleuchtet werden. In »vier Phasen« sind Veranstaltungen, Performances, Revuen, Installationen, Aufrufe, Gesprächscafés, Publikationen, eine mehrmonatige Sonderausstellung u. v. a. m. geplant. Offenbar möchte das Humboldt-Forum im Preußenschloss auf diese Art vom eigenen Elend ablenken, etwas Glanz borgen und durch die Erinnerung an den abgerissenen Palast der Republik zumindest in Gedanken eine klassische Modernität heraufbeschwören, die dem eigenen Laden sonst abgeht. Im Zentrum einer fälligen Wiederaufnahme der Debatte ums Schloss sollte daher unbedingt die Vereinnahmung fortschrittlicher proletarischer Kultur durch phantasielose bürgerliche Machthaber stehen.

»Der Palast lebt – trotz alledem«, 32. Wanderausstellung des Freundeskreises des Palastes der Republik, 24. Juni bis 15. August 2022 im RuDi-Nachbarschaftszentrum, Modersohnstraße 55, 10245 Berlin

Vernissage am 24. Juni 2022, 18 Uhr, Voranmeldung erbeten: 0 30/2 92 96 03

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