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Aus: Ausgabe vom 22.06.2022, Seite 5 / Inland
Krankenhausbewegung

Spaltungsversuch abgewehrt

Unikliniken Nordrhein-Westfalen: Nach sieben Wochen Streik halten Berufsgruppen weiter zusammen, Demo am Dienstag
Von Susanne Knütter und Simon Zamora Martin, Münster
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»Krankenhaus ist Teamarbeit, wir streiken für alle Berufe« – Beschäftigte der Unikliniken NRW am 14. Juni in Bonn

»Was bringt mir ein Corona­bonus, wenn wir an Burnout verrecken?« Melanie ist empört, dass es nach sieben Wochen Streik der Unikliniken in Nordrhein-Westfalen noch kein ernstes Angebot gibt. »Wir fühlen uns verarscht«, sagt sie im Gespräch mit jW. Zusammen mit über 700 Kollegen demonstrierte die Kinderkrankenpflegerin aus Düsseldorf am Dienstag vor der Uniklinik Münster. Wie schon bei den Streiks der »Berliner Krankenhausbewegung« im vergangenen Jahr geht es auch in Nordrhein-Westfalen nicht um mehr Geld, sondern mehr Personal. Zwar wurde 2018 in einem elfwöchigen Streik für die Unikliniken Düsseldorf und Essen eine Vereinbarung über Personalschlüssel erreicht, aber bisher bleibt ein Verstoß gegen die Mindestbesetzung ohne Konsequenzen. Jetzt wollen die Beschäftigten durchsetzen, dass sie im Ausgleich für unterbesetzte Schichten zusätzliche Urlaubstage bekommen. Doch die Gegenseite will den Streik offenbar aussitzen.

In einer Pressekonferenz von Verdi am Dienstag in Köln wurde deutlich, dass die Unikliniken zu einer Entlastung für die meisten Krankenhausbereiche nicht bereit sind. Das Angebot des Arbeitgeberverbandes des Landes (ADL) zeigt keinen Weg für eine Personalbemessung auf den Stationen auf und bezieht sich auch nur auf die »Pflege am Bett«. Damit wurden nicht nur außermedizinische Bereiche ausgeschlossen, sondern zum Beispiel auch Notaufnahmen, Kreißsäle und Krankentransporte, erklärte die Verdi-Landesbezirksleiterin Gabriele Schmidt.

Der ADL habe klargemacht, dass im Falle der Zentralen Notaufnahmen (ZNA) »standortbezogen alles so bleibt, wie es ist«, sagte Carolin Heitmann, die in der ZNA am Uniklinikum Essen arbeitet. Sie berichtete von zwei Teenagern, die gleichzeitig im Schockraum ihrer Notaufnahme behandelt werden mussten. Beide starben. Aber nur weil Kollegen von der Spätschicht, die länger blieb, vom Nachtdienst, der früher kam, und von der Intensivstation bei der Versorgung halfen, musste sich Heitmann im nachhinein keine Vorwürfe machen, sagte sie auf der Pressekonferenz mit gebrochener Stimme. Die Besetzung von zwei Schichten hätte in diesem Fall nicht gereicht. Und andere Notfälle konnten währenddessen nicht mal registriert werden.
Für Verdi kommt der Landesregierung eine Schlüsselfunktion zu. Alle Parteien hätten sich für einen Tarifvertrag Entlastung ausgesprochen. Unklar ist aber weiterhin die Finanzierung.

»Ich finde es frech, dass es nach sieben Wochen Streik kein Angebot für uns gibt«, sagt Christina, die in der Küche in Düsseldorf arbeitet, auf der Demo in Münster. »Die Geschäftsführung sagt uns damit: Ihr seid nicht relevant.« In ihrer Küche muss sie immer öfter am Fließband einspringen, statt dringend benötigte Ernährungsplänen für unterernährte Patienten aufzustellen. Eine Hilfskraft arbeite hier längst für zwei, sagt sie. Die Bereitschaft zum Ausstand sei groß: »Von 41 Hilfskräften sind 40 im Streik.«

Im gesonderten Angebot für die Pflegekräfte sieht auch Lilith, Krankenpflegerin in Ausbildung, einen Spaltungsversuch. »Die Arbeitgeber haben vielleicht gedacht, die Pflege wird das Angebot annehmen und die anderen Bereiche hängenlassen«, sagt sie auf der Demo gegenüber jW. »Aber das wird nicht passieren. Krankenhaus ist Teamarbeit, wir streiken für alle Berufe.« Die 19jährige gehört dem »Rat der Teamdelegierten« an. Diese werden ständig über den Verhandlungsstand informiert, halten Rücksprache mit ihren Teams und Stationen und entscheiden letztendlich, ob das Ergebnis annehmbar ist oder nicht. Ein großer Unterschied zu normalen Streiks, meint Krankenpfleger Florian Thiem in Münster gegenüber jW. Und das habe sehr positiven Einfluss auf die Streikbeteiligung. »Hier verhandelt nicht nur Verdi-Chef Frank Wernecke irgendwas in Berlin, und wir haben damit zu leben. Hier können wir alle mitentscheiden und halt auch nein sagen zu einem Vorschlag.« Er ist optimistisch, was die Durchsetzung des Tarifvertrags Entlastung angeht, und bereit, den Druck noch weiter zu erhöhen. Erfahrung mit langen Streiks hätten sie in NRW. »2018 haben wir elf Wochen gestreikt. 2006 sechzehn Wochen.«

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