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Aus: Ausgabe vom 20.06.2022, Seite 10 / Feuilleton
Pop

Mit Engeln sprechen

Das Genie des südkalifornischen Alptraums: Brian Wilson zum 80.
Von Andreas Hahn
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Schöner scheitern: Brian Wilson (1980)

Die Idee, das Offensichtliche einfach auszusprechen, um zu Ruhm, Ehre und Gold zu kommen, geht auf den Presseagenten Derek Taylor zurück. Der wurde 1966 von der Plattenfirma Capitol angeheuert, um das in den USA kommerziell zunächst gefloppte Beach-Boys-Album »Pet Sounds« wenigstens in England zu einem Hit zu machen. Taylor erfand also die Tagline: »Brian Wilson is a genius.« Brian Wilson ist ein Genie. Damit konnte man arbeiten. Davon kann man ausgehen.

Mittlerweile gibt es von »Pet Sounds« längst historisch-kritische Editionen und auch unzählige literarische, historische, musiktheoretische Abhandlungen zum Thema als Zugabe. Brian Wilson selbst sollte recht behalten, als er der Überlieferung nach seiner damaligen Ehefrau Marilyn prophezeite: »Schatz, ich werde das großartigste Album machen, das großartigste Rockalbum, das jemals gemacht wurde.« Um diese Arbeit kontrolliert erledigen zu können, schickte er die anderen Beach Boys auf Tournee und spielte die Platte mit den besten Studiomusikern ein, die für Geld zu haben waren.

Die Plattenfirma mochte das Album nicht besonders. Hundegebell. Wie zur Hölle sollen wir das denn vermarkten? Brian Wilson, der nicht nur berufsbedingt Tape-Recorder liebte, entwickelte eine eigenwillige Strategie, mit den Angestellten der Plattenfirma zu kommunizieren. Er hielt ein Tape mit vorgefertigten Antworten bereit, darunter »Ja«, »Nein«, »Kein Kommentar«, »Können Sie das bitte wiederholen?«, und spielte die dem Augenblick jeweils angemessene Antwort ab.

Schließlich: Brian Wilson komponierte die schönste Popmusik, die je zu hören war. »Als ich ›Pet Sounds‹ aufnahm, träumte ich von einem Heiligenschein über meiner Schulter«, erinnerte er sich. Die Engel schienen zu ihm zu sprechen. Doch selbst wenn sie sich scheinbar arglos in Gestalt eines »Surfer Girl« vorstellten, sprachen sie allzu häufig von: Furcht, Schmerz, Verzweiflung, Depression. »Sometimes I feel very sad / I guess I just wasnt made for these times«, sang er.

Er hatte zudem keine leichte Kindheit. Sein Vater prügelte und quälte ihn. Er bekam wohl seit 1963 Panikattacken und psychotische Schübe. Er fraß das damals noch legale LSD wie andere Leute Gummibärchen. Auch das führte zu dem völligen Zusammenbruch in den 70ern und 80ern. Zwischenzeitlich war Brian Wilson nur ein von Aasgeiern abhängiges Gemüse.

Seine Vorlieben – neben einer Kinderspielzeugversion von »Musique concrète« – waren alter R ’n’ B, Vokaljazz und die gespenstischen elektronischen Sci-Fi-Soundtracks der 50er Jahre. Er war die verkörperte Idiosynkrasie. »Wir waren counter-counter­cultural«, sagte sein Kollaborateur Van Dyke Parks einmal. Sein Kompositionsstil war vertikal. Er ging von Blockakkorden aus, die ihn zu einer ambigen bzw. freien Tonalität führten (bspw. das jazzige Herumwabern zu Beginn von »Caroline No«, das sich schließlich im sozusagen Schubertschen Ges-Dur stabilisiert). »Pet Sounds« ist ein Codewort für Modulation und Polytonalität.

Brian Wilson, das Genie des südkalifornischen Alptraums, der Mann, der an seiner eigenen Ambition, eine »Teenage-Sinfonie an Gott« (das Album »Smile«) zu schreiben, so spektakulär scheiterte wie kaum jemand sonst – aber die versammelten Fragmente lassen immer noch die Herzen glühen , der bei aller Euphorie auch so traurig einsam klingen konnte wie kaum jemand sonst, sich aber nach Dekaden des Weggegetretenseins glücklicherweise schon eine ganze Weile wieder gut gefangen hat, wird an diesem Montag 80 Jahre alt.

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  • Leserbrief von Sarah Rosenstern aus Salzburg / Berlin (20. Juni 2022 um 15:21 Uhr)
    Es muss hier auf den am 10. Oktober 1966 veröffentlichten Song »Good Vibrations« von Brian Wilson hingewiesen werden, einer der bekanntesten und beliebtesten Titel der Beach Boys. Brian Wilson und sein Cousin Mike Love verbrachten sechs Monate damit, den 3:39 Minuten langen Song zu produzieren, eine Zusammenstellung von 17 Studiosessions in vier verschiedenen Hollywoodstudios, 90 Stunden Tonbandaufnahmen und einem Endbudget von 50.000 US-Dollar. Der größte Teil der Struktur und des Arrangements des Liedes wurde so geschrieben, wie es aufgenommen wurde. »Good Vibrations« ist die bis heute teuerste Single-Produktion der Welt in der Rockgeschichte. Sie ist gekennzeichnet durch ihre komplexen Klanglandschaften, die episodischen Strukturen. Basierend auf seinen Aufnahmen für das Album »Pet Sounds« nahm Wilson mit seinen Bandkollegen und einer Vielzahl von Session-Musikern von Februar bis September 1966 eine Unmenge von kurzen, austauschbaren Musikfragmenten auf, ein Prozess, der sich in den mehreren dramatischen Tonartwechseln des Songs widerspiegelt, in der Textur und Instrumentierung. Der Track enthielt eine damals neuartige Mischung von Instrumenten, darunter z. B. Maultrommel und Electro-Theremin. Der Titel des Songs leitet sich von Brians Faszination für kosmische Schwingungen ab, da seine Mutter ihm als Kind erzählte, dass Hunde manchmal Menschen als Reaktion auf ihre »schlechten Schwingungen« anbellen. Er benutzte das Konzept, um übersinnliche Wahrnehmung zu suggerieren, während Loves Texte von der beginnenden Flower-Power-Bewegung inspiriert waren. Der Song leitete eine Welle von Pop-Experimenten und den Beginn des Psychedelic- und Progressive Rock ein. Das Lied sollte auf dem Album »Smile« erscheinen, das dann aber nicht veröffentlicht wurde. »Good Vibrations« erreichte am 10. Dezember 1966 Platz 1 der Billboard-Charts. Als das weltgrößte Musikmagazin Rolling Stone 2004 die 500 besten Songs aller Zeiten ermittelte, landete »Good Vibrations« auf Platz 6.

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