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Aus: Ausgabe vom 20.06.2022, Seite 15 / Politisches Buch
Frühgeschichte der Bundesrepublik

Polizeilicher Blutrausch

Hans-Litten-Archiv erinnert an den Tod von Philipp Müller im Mai 1952
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Demonstranten tragen 1953 in Berlin ein Bild Philipp Müllers

Das Hans-Litten-Archiv hat seine neue Schriftenreihe zur Geschichte der staatlichen Repression mit einer Broschüre über den Tod des Münchner Eisenbahnarbeiters, KPD- und FDJ-Mitglieds Philipp Müller am 11. Mai 1952 in Essen begonnen. Es geht darin um die tödlichen Polizeischüsse auf Müller, die nachfolgende Repression und um die Frage, welche Bedeutung diese Ereignisse für den Widerstand gegen Remilitarisierung und Wiederbewaffnung in der frühen Bundesrepublik hatten.

Deutlich wird, dass das kurzfristige Verbot der »Friedenskarawane« in Essen, zu der 30.000 Menschen zusammengeströmt waren, Teil eines großangelegten Versuchs war, die als »kommunistisch« denunzierte, aber insbesondere auch von Christen, jungen Sozialdemokraten und Gewerkschaftern getragene Bewegung gegen die Wiederbewaffnung mit polizeilichen Mitteln zu beenden. Ein Augenzeuge, der KZ-Überlebende Martin Löwenberg, gab Jahrzehnte später an, so etwas wie in Essen »weder vorher noch nachher« erlebt zu haben: »Ein wahrer Blutrausch schien jeden Polizisten befallen zu haben. Berittene Polizisten trieben ihre Pferde in die Massen, Hunde wurden auf uns gehetzt, Gummiknüppel und mit Leder umflochtene Stahlruten kamen zum Einsatz.« Zahlreiche Menschen wurden nach ihrer Festnahme misshandelt; auch junge Frauen berichteten davon, nach ihrer Festnahme von Polizisten geschlagen worden zu sein.

Und schließlich wurde auch geschossen. Und zwar, wie Augenzeugen übereinstimmend aussagten, auf bereits flüchtende Jugendliche. Es gab mehrere Verletzte; der 21 Jahre alte Müller blieb getroffen liegen, lebte aber noch. Ohne sich um die Verletzung zu kümmern, warfen zwei Polizisten ihn »roh in ein Polizeiauto«. »Das Schwein ist schon tot«, feixte ein Polizist beim Ausladen vor einem Krankenhaus.

Danach wurde gelogen, dass sich die Balken bogen. »Getarnte FDJ schießt auf Polizei in Essen«, hieß es im Springer-Blatt Die Welt. Den Schießbefehl rechtfertigte die Polizei mit einer »Gefahr für Leib und Leben« der Polizeibeamten - auch das eine freie Erfindung. Das Dortmunder Landgericht wertete die Schüsse im Oktober 1952 als Notwehr. Kein einziger der Polizisten wurde belangt; das nämliche Gericht verurteilte aber elf Teilnehmer der Kundgebung zu 76 Monaten Haft. (jW)

Hans-Litten-Archiv: Der Essener Blutsonntag. Die tödlichen Polizeischüsse auf Philipp Müller. Selbstverlag, Göttingen 2022, 35 Seiten, kostenloser Bezug als PDF über www.hans-litten-archiv.de

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