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Aus: Ausgabe vom 20.06.2022, Seite 15 / Politisches Buch
Kapital und Natur

Wenig triftig

Ein neuer Band versammelt Positionen der »emanzipatorischen« Linken zum gesellschaftlichen Naturverhältnis
Von Christian Stache
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Ochsenpflug und kapitalistischer Markt: Bauern im indischen Guwahati (9.5.2022)

Das Buch ist grosso modo weniger wegen der Erkenntnisse der 17 Beiträge zur ökologischen Frage lesenswert. Einige Artikel des in drei Abschnitte aufgeteilten Bandes sind instruktiv, keine Frage. Andere bestechen hingegen durch Schlichtheit. Gemeinsam geben die Aufsätze aber vor allem einen guten Überblick über die verschiedenen Standpunkte, die innerhalb der außerparlamentarischen »emanzipatorischen« Linken in Deutschland zur ökologischen Frage vertreten werden. Ergänzt um einige Koryphäen aus dem Ausland, reicht das Spektrum der Autoren von Akademikern über Bewegungsaktivisten bis hin zu Altkadern der »Antinationalen« und »Antideutschen«. Den meisten ihrer Thesen muss man zumindest in Teilen, einigen in Gänze widersprechen.

Im ersten Abschnitt der Anthologie – »Die marxsche Kritik der politischen Ökonomie als Analyse gesellschaftlicher Naturverhältnisse« – gibt der Ökonom und Marx-Forscher Ehrenfried Galander eine stichhaltige Einführung in Marxens Studium und Verständnis der »Triade Mensch-Arbeit-Natur« maßgeblich anhand von dessen Studienheften und Exzerpten naturwissenschaftlicher Literatur. Hier kommt Marxsche Ökologie zum Vorschein, die die Feministin Silvia Federici in ihrem Essay gleich wieder in Frage stellt. Die emeritierte Professorin behauptet, Marx habe den Kapitalismus als notwendiges historisches Durchgangsstadium für die Entwicklung der Produktivkräfte betrachtet, die Zerstörung kleinbäuerlichen Eigentums und die Landkonzentration positiv bewertet, weil sie den Weg zu einer besseren landwirtschaftlichen Produktion ebneten.

Zu diesen Anwürfen hier nur so viel: Bereits der junge Marx hat etwa in »Die deutsche Ideologie« die Dialektik der kapitalistischen Produktivkraftentwicklung aufgezeigt und ihre Destruktivkraft moniert, deren Kritik dann im ersten Band des »Kapital« prominent wieder auftaucht. Dass Marx exakt im selben Absatz des »Kapital«, den Federici als Beleg für die mutmaßlich abschätzige Haltung gegenüber Kleinbauern anführt, auch das »große Grundeigentum« ablehnt, unterschlägt die Autorin ebenso wie, dass es ihm an entsprechender Stelle um das »Privateigentum als Schranke und Hindernis der Agrikultur« ging.

Grundlegende Defizite weist auch der Aufsatz der Herausgeberin Bruschi auf. In ihrer konzis geschriebenen Interpretation der marxschen Wachstumsanalyse verzichtet sie auf eine systematische Berücksichtigung der Eigentumsverhältnisse, inklusive des Privateigentums an der Natur – immerhin eine der historischen Voraussetzungen kapitalistischen Wachstums und der Störung des sozialen Metabolismus mit der Natur bürgerlicher Gesellschaften. In sich durchaus logisch wird zudem das Kapital auf die rastlose Verwertung des Werts reduziert, so als ob das dieser vorgelagerte Kapitalverhältnis zwischen den Klassen mit ihren unterschiedlichen Relationen zur Natur gar nicht von Belang für eine marxistische Wachstumskritik wäre. Schließlich treten Kapitalisten bei Bruschi nur als von der Konkurrenz getriebene und vom Kapital inthronisierte »Vollstrecker*innen der Kapitalbewegung« auf. Diese Form eines objektivistischen Zirkulationsmarxismus ist nicht nur eine vereinseitigende Rezeption des »Kapital«. Sie führt vor allem zu einem unzureichenden Problemverständnis der Naturzerstörung und ist daher ein ungeeigneter Leitfaden für den ökosozialistischen Klassenkampf.

Die stärkeren Texte finden sich im zweiten, eher empirisch ausgerichteten Teil des Bandes (»Globaler Kapitalismus und Klimawandel – Diskussion spezieller Aspekte«). Auch wenn die Kritik erneuerbarer Energien des Sozialanthropologen Alexander Dunlap überspitzt ist, zeigt sie, warum die Energieproduktion mit Wind, Sonne und Wasser – unter sonst gleichen Bedingungen – nicht »ökologischer« oder sozial »gerechter« ist. Der französische Journalist Guillaume Pitron argumentiert ähnlich, nur dass sich seine Ausführungen auf die Gewinnung und Verarbeitung seltener Metalle sowie die Folgen dieser Vorgänge für die Natur beziehen. Er demonstriert überzeugend, dass die Umstellung auf eine digitalisierte »grüne« Energieproduktion den Raubbau an Mensch und Natur nur verlagert. Der US-amerikanische Stadtsoziologe Mike Davis wiederum reflektiert auf die Ursachen für die Großbrände in Kalifornien. Geradezu vorbildlich legt er dar, wie der kapitalogene Klimawandel, relativ eigenständige Naturprozesse Feuer befördernder Gräser und die kapitalistische Immobilienwirtschaft derart zusammenwirken, dass es in Zukunft mehr statt weniger Feuerkatastrophen geben wird.

Im dritten Teil des Buchs (»Konsequenzen der Klimakrise – aktuelle Auseinandersetzungen«) geht es unter anderem um konkrete politische Projekte. Bewegungspolitik und eine »klimagerechte Erzählung« finden sich dort als Optionen neben einem auf den Zirkulationsmarxismus zugerichteten Adornismus, demzufolge »der Kapitalismus nicht an seinen inneren Widersprüchen zugrunde geht, sondern nur an einem Bewusstsein, das eine neue Gesellschaft anstrebt«. Triftig sind diese Vorschläge alle nicht.

Valeria Bruschi und Moritz Zeiler (Hrsg.): Das Klima des Kapitals. Gesellschaftliche Naturverhältnisse und Ökonomiekritik. Dietz, Berlin 2022, 312 Seiten, 18 Euro

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