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Aus: Ausgabe vom 18.06.2022, Seite 4 (Beilage) / Wochenendbeilage
Faschismus

Woher der Schwung kommt

Kunst und Klassenkampf: Eine Rede der kommunistischen ­Widerstandskämpferin und Holocaustüberlebenden Katharina Jacob
Von Stefan Siegert
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»Aber immer summten wir ganz leise Lieder. Unsere Lieder. Volkslieder.« Kathrina Jacob (1927)

Es gibt Tage, da kramt man. Und siehe, in einer seit Jahren nicht mehr berührten Schublade findet sich eines dieser in lang vergangenen Zeiten einmal seltsam hoffnungsvoll »Klarsichthülle« genannten Papierbehältnisse aus transparentem Kunststoff, sein Inhalt: Mehrere maschinenbeschriebene Blätter, sie kleben leicht zusammen nach so langer Zeit. Das Manuskript einer Rede. Gehalten am 6. Februar 1983 im Audimax der Universität Hamburg. Links oben der Name der Rednerin. Er kommt erst in Sicht, als der Zettel entfernt ist, den sie mit einer Büroklammer an die Blätter geheftet hat. Mit Filzstift geschrieben ein warmer Dank für einen »netten Abend mit Mozart u. Euch«. Die Rednerin hatte uns fünf Jahre nach der Veranstaltung besucht. Sie hatte die Rede auf Einladung des AStA der Uni Hamburg und der Marxistischen Abendschule aus Anlass des 50. Jahrestags der faschistischen Machtübernahme gehalten. Die Rede war ihr Gastgeschenk.

Katharina Jacob hieß sie, diese Rednerin. Wer den Namen googelt, sollte unbedingt auch den Link zum Wikipediaeintrag ihres Mannes anklicken, Franz Jacob. Als Katharina Emmermann 1907 in eine Kölner Arbeiterfamilie hineingeboren, ging sie nach der Ausbildung als Kontoristin mit 18 in den kommunistischen Jugendverband, später in die KPD. Sie heiratete den Genossen Walther Hochmuth, wurde 1934 wegen des Verteilens von Flugblättern festgenommen, verurteilt und für ein Jahr im Frauengefängnis Lübeck-Lauerhof eingekerkert. 1938 verhaftete man sie erneut und sperrte sie ins Polizeigefängnis Hamburg-Fuhlsbüttel. Ihr Mann emigrierte 1934 nach Dänemark, 1939 wurde die Ehe geschieden. Sie heiratete 1941 den soeben nach drei Jahren Zuchthaus und vier Jahren KZ aus Sachsenhausen entlassenen Funktionär und Abgeordneten der KPD in Hamburg, den Widerständler Franz Jacob. Von beiden Männern hatte sie eine Tochter.

Zusammen mit Franz baute Katharina Jacob in den 1940er Jahren erst in Hamburg, dann – Käthe arbeitete von Hamburg aus – in Berlin die letzte und größte Widerstandsgruppe der KPD auf. Sie wurde unter den Namen Bernhard Bästleins, Franz Jacobs und Anton Saefkows bekannt (in Hamburg gehörte auch Robert Abshagen dazu). Die Gruppe stand, bis hin zu den Verschwörern des 20. Juli, in Verbindung mit vielen Kreisen des Widerstands. Im Juni 1944 wurde sie verraten. Franz Jacobs Leben endete am 18. September im Zuchthaus Brandenburg auf dem Schafott. Zwei Tage später sprach man Katharina Jacob aus Mangel an Beweisen frei; sie wurde trotzdem ins KZ Ravensbrück gebracht, dort erlebte sie am 1. Mai 1945 die Befreiung. Ihre Tochter Ilse erzählte mir, wie sehr sich ihre Mutter über die vielen, des Datums halber an den sowjetischen Panzern wehenden roten Fahnen gefreut habe.

Auch die Kommunisten haben ihre Heldinnen, haben ihre Heiligen. Käthe Jacob war im Blick von uns Jüngeren eine von ihnen, schon Anfang der 1980er Jahre wurden sie immer rarer. Aber natürlich führte sie sich weder wie eine Heilige auf, noch wäre damals überhaupt jemand von uns darauf verfallen, sich Käthe real als Heilige zu denken. Sie war eine ungeheuer irdische Heilige, klein von Gestalt, so fast unscheinbar wie bescheiden und unaufdringlich und gerade darum wahrscheinlich so wirksam. Eine Antifaschistin und Kommunistin wie ein sanfter, immer freundlicher, im Anliegen empathisch unbeirrbarer Engel im antifaschistischen Kampf auf Leben und Tod. Von 2022 aus gesehen, muten Käthe und ihre Welt wie etwas unwiederbringlich Vergangenes an; zumindest sind die Umstände und die daraus folgenden Kampfformen wahrscheinlich für immer Geschichte. Die Inhalte sind es nicht.

Käthe redete ungeheuer lebendig an jenem Abend im fast vollen Audimax im Von-Melle-Park; sie begleitete ihre Rede an einigen Stellen mit Gesang, es ging ja um die Wirkung von Kunst auf die Arbeiterklasse. Die Empathie beim Sprechen war ihr angeboren, sie interagierte mit dem Publikum. Hier der Text:

*

Liebe, die ihr hier alle anwesend seid!

Ich habe mir, als ich den Auftrag annahm, vom Veranstalter gewünscht, der Saal hier möge bis zum letzten Platz voll sein. Ist es nicht toll, dass ihr mir diesen Wunsch erfüllt habt? Ist es nicht der Beweis dafür, dass wir alle uns sehr gern einmal vom oft tristen Alltag wegführen lassen? Das Lied, das Gedicht und die Musik, auch ohne Gedicht und Lied, geben uns oft den Schwung für unseren harten politischen Tageskampf.

»Echt, Omi!« beginnt meine kleine Enkelin, wenn sie etwas sehr ernst meint. Also, echt, ihr Lieben, mir geht es so mit der Kunst und dem Klassenkampf.

Bei mir rankt sich manche Erinnerung um Lieder und Singen. Ich bin noch zur Kaiserzeit zur Schule gegangen. Wir lernten das Lied von des Kaisers Lieblingsblume. Ich sage euch mal den schönen Text, ich kann’s sogar noch singen.

Unser Kaiser liebt die Blumen,

denn er hat ein zart’ Gemüt.

Unter allen liebt er eine,

die in keinem Garten blüht.

Nicht nach Rosen steht sein Sehnen,

draußen pflückt er sich im Feld

eine kleine blaue Blume,

die er für die schönste hält.

Die Melodie ist entsprechend schnulzig. Aber ich liebte diesen Kaiser, der die kleine Kornblume allen anderen vorzog – ein großer Trost für mich armes, kleines Arbeiterkind.

Ich denke an manchen Sonntagmorgen meiner Kindheit. Ich bin in Köln großgeworden. Im Hinterhof einer großen Mietskaserne. Die katholischen Frauen hatten ihren Kirchgang hinter sich. Wenn der Sonntag begann, musste man mit seinem Herrgott im reinen sein, sie waren alle wieder da. Nach dem Frühstück öffneten sich im Vorderhaus und Hinterhaus alle Küchenfenster weit.

Irgendwann kam aus einer der Küchen irgendwo im Hof eine Stimme. Eine zweite fiel zögernd ein, eine dritte. Manchmal klang es am Ende, als singe das ganze Haus. Am beliebtesten waren die Küchenlieder. Sie wurden ganz ernsthaft und mit viel Gefühl gesungen. Die meisten der Frauen waren vor ihrer Ehe Dienstmädchen oder Fabrikarbeiterinnen gewesen, entsprechend arm und trostlos war ihr Frauenleben. Liebe und Treue, danach sehnten sie sich. Es gab in ihrem Leben nicht allzu viel davon. In diesen Liedern war für sie ein Stück ihrer Welt und ihrer Sehnsüchte eingefangen.

Findet ihr es nicht auch ganz toll, wenn einer in einem Lied oder Gedicht das ausdrücken kann, was man selbst und viele andere genauso empfinden, nur eben nicht zum Ausdruck bringen können? Und dann noch eine Melodie dazu, die das beflügelt, echt gut!

Ich war, was Wort und Musik angeht – und ich hoffe, die Musiker verzeihen mir –, immer mehr dem Wort zugetan. Zum Beispiel das Lied von Florian Geyer, einem der großen Führer in den Bauernkriegen des Mittelalters. Wir haben es in unserer Jugend mit Begeisterung gesungen. Darin heißt es:

Als Adam grub und Eva spann,

wo war denn da der Edelmann?

Vom Sinn her, meine ich, stimmt das heute noch aufs Wort! Die Bauernkriege gingen für die aufständischen Bauern schlecht aus. Aber kann man sich etwas Optimistischeres denken als den Schluss dieses Liedes?

Geschlagen ziehen wir nach Haus,

uns’re Enkel fechten’s besser aus.

Wobei wir heute sicher nicht noch einmal so lange warten wollen.

Die alten Genossen werden es noch wissen: Wir zogen bei den großen Demonstrationen über den Hamburger Holzdamm, er führt vom Hauptbahnhof bergab an die Außenalster, noch heute steht da das alte Nobelhotel »Atlantic«. Obgleich ich damals mindestens 25 Jahre alt war, reihte ich mich immer bei der Jugend ein, warum? Die sangen so schön. Zehn bis 15 Leute – untergehakt oder auch nicht – füllten wir den Holzdamm in voller Breite. Dass der Zug nach hinten entsprechend lang war – klarer Fall.

Der Holzdamm hatte eine herrliche Akustik! Die Erbauer des Hotel »Atlantic« hatten Demonstrationen nicht auf der Rechnung, als sie eine so schöne große Resonanzwand in die Straße bauten. Wie auch immer. Am Holzdamm stand der Zug. Wir warteten. Und dann auf einmal. Wie ein Brausen ging es durch unsere Reihen:

Straße frei! – Gebt Feuer! – und ladet schnell! – Weich’ keiner von der Stell!

Um dieser Zeilen willen liebten wir das Max-Hoelz-Lied. Es genügt wahrscheinlich keinerlei künstlerischen Ansprüchen. Aber es war herrlich. Besonders, wenn wir es in dieser herrlichen Akustik am feinen Hotel »Atlantic« sangen.

Es war 1935 im Frauengefängnis Lauerhof. Wir Frauen, fast ausnahmslos »Politische«, arbeiteten in einem großen Raum an langen Tischen. Wir »zupften Sisal«, auf deutsch: Wir sortierten Bindfäden, eine scheußliche, unvorstellbar schmutzige Arbeit. Aber immer summten wir ganz leise Lieder. Unsere Lieder. Volkslieder. Die Aufseherin war keine »Nazisse«. Manchmal verließ sie für kurze Zeit den Raum. Dann gab es für uns nur das alte Vagabundenlied »Uns geht die Sonne nicht unter«. Zwar nur diesen Schluss, den aber laut.

In den letzten Apriltagen 1945 hausten wir – in Gruppen zerstreut – zu Tausenden von Frauen des KZ Ravensbrück in den Wäldern Mecklenburgs. Man hatte uns noch aus dem Lager hinausgetrieben, angeblich sollten wir in ein anderes Lager verlegt werden. Wir warteten, Warten war überhaupt unser Schicksal. Vor einigen Stunden hatte es von den Lautsprecherwagen der SS her geklungen: »Alle deutschen Frauen an den Straßenrand!« Wir ließen uns nicht spalten. Wir waren nicht gegangen. Was wussten wir denn, was die SS mit uns vorhatte. Wir waren selbst verblüfft in diesem Moment – zum ersten Mal hatten wir einem Befehl der SS nicht Folge geleistet! Aber auf einmal war die SS weg. Getürmt! Wieder warteten wir. Wir wussten, die Rote Armee war auf dem Weg. Stundenlang zogen deutsche Soldaten auf der Landstraße vor uns durch unser Blickfeld nach Westen. Dann für Stunden eine geradezu unheimliche Ruhe. Schließlich in weiter Ferne Lärm, Motorengeräusche, sie kamen näher. Kein Zweifel mehr – die Rote Armee würde gleich da sein. Wir sahen uns an. Wir lachten, wir weinten, wir umarmten uns. Eine begann auf einmal zu singen, kommunistische, sozialdemokratische Frauen, Russinen, Polinnen, alle, die das Lied kannten, sangen es in ihrer Sprache, unser altes großes Lied von den Verdammten dieser Erde, die endlich aufwachen sollen, damit nie wieder geschehen kann, was für uns Frauen aus Ravensbrück nun erst einmal zu Ende war.

Stefan Siegert ist Autor und Zeichner und lebt in Hamburg. Er schreibt regelmäßig im Feuilleton der jungen Welt. In der Ausgabe vom 19.4.2022 schrieb er an dieser Stelle über Zeit und Zeitgefühl.

Katharina Jacob: Widerstand war mir nicht in die Wiege gelegt. Ein autobiographischer Bericht. Verlag Galerie der abseitigen Künste, Hamburg 2020, 300 Seiten, 21,90 Euro

*

Wir sind des Geyers schwarzer Haufen

Wir sind des Geyers schwarzer Haufen, heia hoho,
und wollen mit Tyrannen raufen, heia hoho.

Refrain: Spieß voran, drauf und dran,
setzt auf’s Klosterdach den roten Hahn!

Wir wollen’s dem Herrn im Himmel klagen, kyrieleys,
dass wir den Pfaffen nicht dürfen totschlagen, kyrieleys.

Uns führt der Florian Geyer an, trotz Acht und Bann,
den Bundschuh führt er in der Fahn’, hat Helm und Harnisch an.

Als Adam grub und Eva spann, kyrieleys,
wo war denn da der Edelmann? kyrieleys.

Des Edelmannes Kindelein, heia hoho,
das schicken wir in die Höll’ hinein, heia hoho.

Des Edelmannes Töchterlein, heia hoho,
soll heute uns’re Buhle sein, heia hoho.

Nun gilt es Schloß, Abtei und Stift, heia hoho,
uns gilt nichts als die Heil’ge Schrift, heia hoho.

Das Reich und der Kaiser hören uns nicht, heia hoho,
wir halten selber das Gericht, heia hoho.

Ein gleich’ Gesetz, das wollen wir han’, heia hoho,
vom Fürsten bis zum Bauersmann, heia hoho.

Wir woll’n nicht länger sein ein Knecht, heia hoho,
Leibeigen, frönig, ohne Recht, heia hoho.

Bei Weinsberg setzt es Brand und Stank, heia hoho,
gar mancher über die Klinge sprang, heia hoho.

Sie schlugen uns mit Prügeln platt, heia hoho,
und machten uns mit Hunger satt, heia hoho.

Geschlagen ziehen wir nach Haus, heia hoho,
uns’re Enkel fechten’s besser aus, heia hoho.

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  • Leserbrief von Rainer Klee aus Bad kreuznach (21. Juni 2022 um 18:16 Uhr)
    Danke, werter Herr Stefan Siegert! Wir haben es vergessen, wie die Alten kämpften, damit es uns besser geht. Wir sind satt und moralisch verkommen, da wir, die meisten dieser satten, fetten Gesellschaft, es zulassen, dass die Welt so ist, wie sie ist!

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