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Aus: Ausgabe vom 18.06.2022, Seite 3 (Beilage) / Wochenendbeilage

Siegesgewissheit

Von Arnold Schölzel
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Als Olaf Scholz am Donnerstag in Kiew seine Rede vor der Presse mit dem Gruß der ukrainischen Faschisten »Slawa Ukraini« – Ruhm der Ukraine schloss, was ungefähr dem deutschen »Sieg Heil!« entspricht, war das angemessen. Was anderes als ein Diktatfrieden kommt bei deutschen Feldzügen gegen Russland regelmäßig nicht in Frage, und beim dritten Waffengang in gut 100 Jahren wird es langsam Zeit, zu sagen, welche Sache da verfochten wird. Außerdem grüßt sich die ukrainische Armee seit 2017 mit »Slawa Ukraini« plus »Slawa Gerojam – Ruhm den Helden«. Mit »Helden« sind die Juden-, Polen-, Russen- und vor allem Kommunistenmörder der ukrainischen Bandera-Leute gemeint, die mal mit der deutschen Wehrmacht, mal ohne sie, von 1941 bis 1945 brandschatzten und danach noch jahrelang zusammen mit CIA und britischem MI6 Zehntausende Sowjetbürger abschlachteten. Das geschah für die Demokratie – eine Tradition, die einen deutschen Kanzler verpflichtet.

Seitdem der am 27. Februar eine »Zeitenwende« ausrief, steht der deutsche Sieg fest. Gemeint war: keinen Frieden mit dem ewig verbrecherischen Russland, denn diesmal klappt, was 1914 und 1941 danebenging. Die Siegesgewissheit ist unser.

Auch wenn der Papst wie ein poststalinistischer Sektierer schon wieder Mutlosigkeit und Schwarzseherei verbreitet und vom »dritten Weltkrieg« redet. Franziskus stößt auch den deutschen Siegkriegern den Dolch in den Rücken. Die lassen sich in ihrem neuen Triumph des Willens aber nicht von dem erschüttern, was da am Dienstag aus dem Vatikan drang und schweigen einfach. Der Pontifex regi­strierte im Ukraine-Krieg u. a. ein »Interesse am Testen und Verkauf von Waffen« und warnte, angesichts der »Brutalität und Grausamkeit« des russischen Angriffskrieges drohe die Welt »nicht das ganze Drama« zu sehen, »das sich hinter diesem Krieg abspielt, der vielleicht in irgendeiner Weise entweder provoziert oder nicht verhindert wurde«. Und zu allem Überfluss kritisierte Franziskus erneut die Wertegemeinschaft und wiederholte die Formulierung, das »Gebell« der NATO »an den Toren Russlands« habe zum Ausbruch des Krieges mit beigetragen. Mit der deutschen Partei Die Linke ist so eine Relativierung des russischen Unmenschentums zum Glück nicht vereinbar – siehe den Leitantrag des Parteivorstandes für den Parteitag in der kommenden Woche.

Deutsch-ukrainische Siegesgewissheit beherrscht seit dem 24. Februar alle Qualitätsmedien. Das schließt eine der goldenen Propagandaregeln ein: Verbrechen begehen stets nur die andern, nicht »wir«. Also berichtete z. B. die »Tagesschau«, die acht Jahre lang den Beschuss von Schulen, Krankenhäusern und Wohnhäusern im Donbass durch die Kiewer Artillerie nicht zur Kenntnis nahm, am Montag von Zerstörungen »in der ostukrainischen Stadt Donezk« – durch russische Granaten. Das Problem: Seitdem die USA die Haubitze M777 für Beschuss über längere Distanz an Kiew geliefert haben, wird von dort in die Wohngebiete der »Schaben«, wie russischsprachige Einwohner im ukrainischen Politjargon genannt werden, stärker denn je geschossen. Aber offenbar hat die »Tagesschau« noch Zuschauer, jedenfalls sah sich deren Redaktion am Donnerstag veranlasst, versteckt im Blog von tagesschau.de, einen »Fehler« einzuräumen. Der sei bei der »Abnahme des Beitrags nicht aufgefallen«. Wie auch? Wer wie alle anderen deutschen Großmedien und die Parteien einschließlich der Linke-Führung von den 14.000 Toten dieses Krieges nichts wissen will, aber selbst im Korrekturtext gewohnheitsmäßig falsch von »prorussischen Separatisten« schreibt, woher soll der wissen, was »antiterroristische Operation« bedeutet, wenn Faschisten sie führen? Im übrigen: Was ist ein »Tagesschau«-Fehler gegen die Ausstrahlung einer »Tagesschau«?

Franziskus stößt erneut den deutschen Siegkriegern den Dolch in den Rücken. Mit der deutschen Partei Die Linke ist eine Relativierung des russischen Unmenschentums zum Glück nicht vereinbar – siehe den Leitantrag des Parteivorstandes für den Parteitag in der kommenden Woche.

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