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Aus: Ausgabe vom 20.06.2022, Seite 11 / Feuilleton
Pop

Ein Haufen Cotzbrocken

Als die Deutschen kamen: Björn Fischers kluges Buch über das rechte Plattenlabel Rock-O-Rama
Von Christina Mohr
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Es riecht nach altem Furz: Augen auf beim Plattenkauf (NPD-Wahlkampf 1998)

Es lässt sich prima darüber streiten, wann und mit wem es in Deutschland mit Punk so richtig losging. Kommt halt darauf an, ob man uncoole Plattenfirmaerfindungen wie die Frankfurter Straßenjungs als Punk bezeichnet oder den ehemaligen DDR-Schlagerstar Nina Hagen. Oder ob man eher Hamburger, Westberliner und Düsseldorfer Gründungsmythen anhängt. Meist verständigt man sich auf Bands wie Male, Mittagspause, Clox, S. Y. P. H. und PVC für die Frühphase, und auf Slime, ZK, Chaos Z, KFC für die »zweite Welle« – oder schwelgt wie die Verfasserin dieser Zeilen in Erinnerungen an Funpunk vom Schlage »20 schäumende Stimmungshits« (mit den jungen Ärzten).

Ach, herrliche Zeiten waren das, darauf ein lauwarmes Karlsquell. Irgendwann jedoch, es muss um 1983 herum gewesen sein, tauchten merkwürdige Platten auf, die nichts mit der üblichen Punkästhetik und -aussage gemein hatten und trotzdem irgendwie als Punk galten: OHL (Oberste Heeresleitung) mit den Alben »Heimatfront« und »1000 Kreuze« oder Die Böhsen Onkelz mit »Der Nette Mann«. Cover mit Soldaten drauf, in den hingerotzten Songs hörte man Hassparolen über Hippies, Türken, Linke. Viele Punks fanden das blöd und wandten sich US-Hardcore zu, doch manche fanden die vertonten Tabubrüche durchaus interessant. Auf einmal sah man Aufnäher mit Deutschland in den Grenzen von 1937 und Sprüchen wie »Deutschland den Deutschen« drauf. Die ultimative Provokation, klar – nur in die falsche Richtung. Es wurde hässlich, viel hässlicher als Punk jemals sein wollte. Die ohnehin heterogene Szene spaltete sich in »linke Zecken« und tendenziell rechtsgerichtete Skinsympathisanten (man verzeihe mir die rabiate Verkürzung).

Das Label hinter den meisten dieser hässlichen Platten hieß Rock-O-Rama. Der Malermeister und große Rockabilly-Fan Herbert Egoldt betrieb die Firma als Versandhandel für britische und US-amerikanische Rock-’n’-Roll-Importe seit den 1970er Jahren von Brühl aus, eröffnete später in Köln den Rock-O-Rama-Plattenladen. Die Idee, eigene Platten zu produzieren, wurde Egoldt von einem Kunden angetragen: Volker Hanreich alias Hans Wurst von der Gießener Band Vomit Visions überredete Egoldt 1979, ihre EP »Punks Are The Old Farts of Today« als Lizenzpressung rauszubringen. Ein echtes Punkprodukt mit schlechtem Sound und schlechten Kritiken, aber Egoldt hatte ein neues Betätigungsfeld für sich entdeckt. Bis Mitte der 80er waren bei Rock-O-Rama um die 50 LPs und EPs erschienen – bis auf wenige erstaunliche Ausnahmen wie Caspar Brötzmanns Die Alliierten und finnischem Hardcore-Punk hauptsächlich Bands mit zweifelhaftem Ruf wie Stoßtrupp, Cotzbrocken, Vorkriegsphase, OHL und ein sozusagen stilprägender Sampler namens »Die Deutschen kommen«.

Rock-O-Rama hatte einen legendär schlechten Ruf, weil die Platten erbärmlich klangen und die Bands kaum Geld sahen, obwohl Egoldt immer erfolgreicher wurde. 1984/85 gelangen ihm mit der Veröffentlichung britischer Rechtsrockbands wie Combat 84 und Skrewdriver echte Coups, spätestens ab dieser Zeit war Rock-O-Rama ein verbürgt rechtes Label.

Mit Politik will Egoldt indes nie etwas am Hut gehabt haben – ihn interessierten (angeblich) nur Verkaufszahlen und Profit. Doch natürlich erregte Rock-O-Rama Aufsehen, vor dem Laden fanden Protestaktionen linker Gruppierungen statt, es gab Boykottaufrufe, aufgrund zahlreicher Strafanzeigen gründete Egoldt zig Sublabels, um die »Gegner« zu verwirren. Bis zu seinem Tod, der ihn 2005 beim Tanken an einer Autobahnraststätte ereilte, blieb Egoldt ein Phantom, der keine Interviews gab und von dem nur wenige Fotos existieren.

Journalist Björn Fischer hat sich der Herkulesaufgabe angenommen, Licht in die unglaubliche und verworrene Geschichte des Labels Rock-O-Rama zu bringen. Er porträtiert die wichtigsten Bands und ihre Platten, interviewt Musiker, Fans und andere Labelbetreiber wie Alfred Hilsberg, um eines der seltsamsten Popkulturphänomene aus doitschen Landen zu ergründen. Interessantes fördert er dabei zutage, zum Beispiel, dass Egoldt in den frühen 80ern regelmäßig in der Spex annoncierte (seine zweiwöchentlich erscheinenden Mailorder-Listen waren heißbegehrt).

Streckenweise liest sich das Buch wie ein Wirtschaftskrimi, gleichzeitig ist es die längst fällige Aufarbeitung des abstoßenden Teils deutschen Punkrocks. Ein Interviewpartner versteigt sich gar zu der These, dass mit den Platten von Rock-O-Rama (die im »Nachwende«-Ostdeutschland enorme Erfolge erzielten) die Entstehung der AfD quasi mit vorbereitet wurde. »Rock-O-Rama. Als die Deutschen kamen« legt man sich nicht gern als Renommierobjekt auf den Coffee Table – aber da gehört es auch nicht hin. Es muss gelesen werden.

Björn Fischer: Rock-O-Rama. Als die Deutschen kamen. Hirnkost-Verlag, Berlin 2022, 448 Seiten, 32 Euro

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