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Aus: Ausgabe vom 13.06.2022, Seite 11 / Feuilleton
Kunst

Aufruf zum Handeln

Die zwölfte Berlin-Biennale zeigt einen Blick auf die postkoloniale Welt, der sich nicht in Mitleid erschöpft
Von Stefan Heidenreich
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Nil Yalter: »Exile Is a Hard Job« (1983/2022)

Um gleich mit dem Fazit zu beginnen: Die gerade eröffnete zwölfte Berlin-Biennale ist eine hervorragende politische Ausstellung. Die bis heute fortdauernden Auswirkungen von kolonialer Ausbeutung, Rassismus und Unterdrückung lassen sich künstlerisch kaum eindringlicher und wirkungsvoller darstellen, als es dem Kurator Kader Attia und seinem Team der Kokuratorinnen Ana Teixeira Pinto, Do Tuong Linh, Marie Hélène Pereira, Noam Segal und Rasha Salti gelungen ist.

Die fünf Schauplätze der Ausstellung übernehmen unterschiedliche Aufgaben. Die Kunstwerke Berlin in der Auguststraße geben eher poetische Arbeiten und subjektive Ansichten wieder. Auf den ersten Blick wirkt der Beitrag an diesem Ausstellungsort schwach, aber es lohnt sich, nach dem gesamten Parcours einen zweiten Blick auf die dort gezeigten Werke zu werfen. In der Akademie der Künste im Westen findet die Ausstellung einen ersten Höhepunkt mit Beiträgen, die sich vor allem ökologischen und ökonomischen Zusammenhängen widmen. Die größte Intensität wird im Hamburger Bahnhof erreicht – in einer eindrucksvollen Kaskade von politischer Analyse, künstlerischer Reflexion und schließlich auch Gewalt. Man verlässt die lange Kaskade der Rieckhallen so verstört und betroffen, als hätte man Stunden im Kino zugebracht. Mit der Inszenierung und Abfolge der Werke ist den Ausstellungsmachern hier ein dramaturgisches Meisterstück geglückt. Kleine Beiträge finden sich in der Stasizentrale in Lichtenberg und in der Akademie der Künste am Pariser Platz, wo sich der Kurator etwas dabei gedacht haben wird, die Auseinandersetzung mit der Aneignung der DDR durch den Westen in der Arbeit von Elske Rosenfeld neben anderen Werken zu kolonialen Praktiken zu zeigen.

Postkoloniale Theorien bilden den ideengeschichtlichen Hintergrund der Ausstellung. Darin ähnelt sie der nächste Woche eröffnenden Documenta ebenso wie der vorherigen Berlin-Biennale. Doch der Ton hat sich entscheidend geändert. Ging es vor zwei Jahren vordringlich um Opferstatus und Leiden, stehen jetzt im Sinn von Frantz Fanon Selbstbewusstsein und Widerstand an.

Der Künstler Kader Attia hat als Sohn algerischer Einwanderer von den Verwüstungen, die der koloniale und genauso der nachkoloniale Westen angerichtet hat, genug mitbekommen, um eine angriffslustigere Position einzunehmen. Im seinem Statement im Katalog spart er nicht an Klartext: »In ihrem Egoismus haben die modernen westlichen Gesellschaften ihren eigenen liberalen Charakter als selbstverständlich vorausgesetzt und fälschlicherweise angenommen, dass das Gleichgewicht zwischen freiem Handel und allgemeinem Wahlrecht ein sich selbst regulierendes System mit universellen demokratischen Werten garantiert. Von diesem utopischen Versprechen haben wir eine dystopische Gesellschaft geerbt, die jede Verantwortung für das Chaos leugnet, das sie produziert.«

Eine Sache ist es, eine entschiedene und politisch klare Haltung zu versprechen, die andere, dieses Versprechen in der Ausstellung zu erfüllen. Doch auch das gelingt den Künstlerinnen und Künstlern in einem Maß, wie man es lange nicht gesehen hat. Dass die politische Analyse dabei hin und wieder zu wünschen übrig lässt und man bisweilen zweifelhafte Positionen vertritt, ändert daran nichts. So erweckt David Chavalarias’ Untersuchung der Twitter-Kommunikation in Frankreich über die letzten fünf Jahre den Endruck, dass alles, was nicht auf die Mainstreamerzählung der Zentristen einzahlt, wie etwa die Bewegung der »Gelbwesten«, nur entweder faschistisch oder populistisch sein kann.

Ähnliche Vorbehalte lassen sich gegen eine Arbeit der Forensic Architecture vorbringen, wenn sie in allen Details darstellt, dass der russische Raketenangriff auf den Kiewer Fernsehturm vom 1. März dieses Jahres in unmittelbarer Nachbarschaft zum Exeku­tionsort Zehntausender Juden in Babin Jar stattfand, aber zugleich die Naziverehrung in der heutigen Ukraine genausowenig erwähnt wie den Dauerbeschuss von Zivilisten im Donbass (kurzelinks.de/1tqy).

Trotz dieser Fehlstellen und Blickverengungen muss man der Ausstellung zugute halten, dass sie sich nicht in der Vergangenheit kolonialer Archive versteckt, sondern die Gegenwart ausdrücklich in den Blick nimmt. Die Stärke der Kunst liegt dabei nicht in der politischen Analyse. Ihre Kraft entfalten die Werke, wenn sie sich Lebenswirklichkeiten annähern oder Zusammenhänge zeigen, die zum Selbstsehen und Selbstdenken anregen. Beispiele dafür geben etwa Ammar Bouras’ Dokumentation französischer Atomversuche in Algerien oder Susan Schupplis Film über Kältefolter in Flüchtlingslagern an der Grenze zwischen den USA und Mexiko.

Einer gängigen Mode nach wird das als »künstlerische Forschung« bezeichnet, aber die Künstlerinnen und Künstler machen mehr, als nur zu forschen. Die Werke fordern zum Handeln auf und werden, ohne plakativ agitatorisch zu sein, zu einem Aufruf für ein politisches Bewusstsein, das sich nicht in Mitleid erschöpft, sondern für eine gemeinsame Sache eintritt.

Zwölfte Berlin-Biennale: bis 18. September

berlinbiennale.de

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