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Aus: Ausgabe vom 09.06.2022, Seite 6 / Ausland
Krieg in der Ukraine

Artillerie im Alltag

Frontstadt Charkiw nach ukrainischer Gegenoffensive: Bevölkerung kehrt zurück, Beschuss dauert an. Neonazis formieren sich neu
Von Philipp Sadilenko*, Charkiw
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Raketeneinschlag in Charkiw: Die Einwohner befreien die Straße von Schutt und Trümmern (8.6.2022)

Charkiw erlebt den Juni in einem widersprüchlichen Zustand. Auf der einen Seite ist in der Stadt nach der ukrainischen Gegenoffensive Mitte Mai schnell wieder Ruhe eingekehrt. Seither haben die städtischen Behörden fast 40 Landverkehrswege in Betrieb genommen und die Strom-, Gas- und Wasserversorgung in den am stärksten beschossenen Gebieten wiederhergestellt. Viele Supermärkte und Märkte sind geöffnet, alle U-Bahn-Stationen haben ihren Betrieb wieder aufgenommen, und auf den Straßen fahren wieder viele Autos. Mitte Mai gab Oleg Sinegubow, Leiter der militärisch-zivilen Verwaltung der Region, bekannt, dass etwa 600.000 Einwohner von Charkiw in die Stadt zurückgekehrt seien.

Andererseits gibt es überall in der Stadt Straßensperren. Jeden Tag und jede Nacht ertönen Luftangriffssirenen. Es vergeht kein einziger Tag ohne Kanonade, die von den Bewohnern aller Stadtteile gehört wird. In den meisten Vororten ist viel weniger Artillerie zu hören als noch vor einem Monat, aber in den Industriegebieten, den Gebieten mit Werkstätten und Lagerhäusern gibt es sie noch immer. Im nördlichen Teil der Region Charkiw, die sich bis zur ukrainisch-russischen Grenze erstreckt, sind intensive Kämpfe im Gange – die russischen Truppen kehren allmählich in die zuvor verlassenen Dörfer zurück. Granaten und Raketen erreichen die Häuser des am stärksten beschossenen Bezirks von Charkiw, Nord-Saltowka. Die Bewohner dieses Gebiets kehren zurück und erwarten eine friedliche Stadt, aber sie sehen Feuerstellungen der ukrainischen Truppen in der Nähe ihrer Hauseingänge und hören täglich Haubitzen- und Schüsse von Mehrfachraketenwerfern.

Einige Bewohner von Saltowka verbringen die Nächte in Schutzräumen oder in den Kellern soliderer Gebäude, darunter auch Schulen, weil sie Beschuss befürchten. Es gab einen Fall, in dem eine 71jährige Frau, die vor kurzem nach Charkiw zurückgekehrt war, nachts in einer der Schulen bei einem nächtlichen Artillerie- oder Raketenangriff getötet wurde. Nach diesem tragischen Vorfall sagte der Bürgermeister von Charkiw, Igor Terechow, am 2. Juni: »Die Möglichkeit von Raketenangriffen und Artilleriebeschuss bleibt bestehen, wenn auch nicht in dieser Intensität. Jeder muss selbst entscheiden, ob er bereit ist, unter solchen Bedingungen zu leben.« Leider kam die Warnung des Bürgermeisters, nachdem die Stadtverwaltung die Einwohner von Charkiw fast einen Monat lang wörtlich zur Rückkehr aufgefordert hatte. Am 3. Juni teilte Sinegubow mit, dass in Charkiw durch Artilleriebeschuss zwei Einwohner verwundet wurden, in der Region gab es fünf Verletzte und einen Toten. Einen Tag später gab es erneut zwei verwundete Zivilisten in Charkiw und acht Verwundete in der Region. Es sei darauf hingewiesen, dass diese acht Zivilisten in der Stadt Balaklija verwundet wurden, die seit langem unter der Kontrolle der russischen Truppen steht und regelmäßig von ukrainischer Artillerie beschossen wird.

Viele Einwohner haben sich erholt, aber Charkiw bleibt eine Frontstadt. Die städtischen Abteilungen des faschistischen »Asow«-Regiments tragen zu den Spannungen bei. Es gibt zwei solche Abteilungen in der zweitgrößten ukrainischen Stadt: die Spezialeinheit »Kraken«, die im März gegründet wurde, und die Truppe »Asow-Charkiw«, die am 29. Mai gegründet wurde und jetzt aktiv Freiwillige rekrutiert. Die »Kraken« werden von den militantesten Charkiwer Medien und Telegram-Kanälen als die »Befreier von Charkiw« bezeichnet. Am 17. Mai meldete sich der Leiter der »Kraken« (gleichzeitig Leiter der Charkiwer Abteilung der politischen Partei »Nationales Korps«) Konstantin Nemitschew. Er behauptete, sie hätten die russischen Truppen aus Charkiw 20 Kilometer weit zurückgedrängt: »Dies ist bereits ein sicheres Gebiet, so dass die Stadt selbst nicht beschossen wird«. Der Beschuss ging jedoch weiter.

Viele Einwohner von Charkiw sind immer noch wütend über »Asow« wegen ihrer offen neonazistischen Ideologie. Hier sind einige Kommentare aus einem der größten Charkiwer Telegram-Kanäle (rund 100.000 Abonnenten), der die ukrainische Regierung nicht unterstützt: »Die Krake hat keine Wolfsangel im Emblem wie die Asow, aber einen Pfeil der 32. SS-Grenadierdivision.«; »Das Wandgemälde in der Gagarinallee, das den Großen Vaterländischen Krieg zum Thema hatte, wurde von den Kraken übermalt, das ist ein Skandal!«; »Trotz aller Fehler, die die Russen nach dem Zusammenbruch der UdSSR gemacht haben, haben sie auf staatlicher Ebene weder die damaligen Hitler-Komplizen wie Bandera und Schuchewitsch noch ihre heutigen Nachfolger von den Asow- und anderen Nationalen Sicherheitskräften nach dem Modell von 2014 als Helden bezeichnet.«

Es gibt Leute, die glauben, dass »Kraken« und »Asow-Charkiw« zu allen Provokationen fähig sind, um die Kontrolle über die Stadt zu behalten. Alexander R. erzählte vergangene Woche gegenüber junge Welt: »Neben unserem Haus befindet sich ein Gymnasium, das über einen ausgezeichneten Luftschutzkeller verfügt. Viele unserer Nachbarn haben sich dort vor dem Beschuss versteckt und dort gelebt. Aber Mitte Mai wurden alle vertrieben; der Zaun der Schule wurde mit schwarzem undurchsichtigen Polyethylen überzogen, und die ›Kraken‹ ließen sich im Schutzraum nieder. Jetzt haben sie dort eine Basis – Autos mit einer speziellen KRKN-Nummer fahren ständig vorbei.« Das bedeutet, dass die »Kraken« eine gewöhnliche Schule in eine militärische Einrichtung verwandelt haben. In der Nähe der Schule gibt es mehrere Hochhäuser. Die Kämpfer haben den Bewohnern nicht nur ihren Schutz genommen, sondern sie auch der zusätzlichen Gefahr von Raketenbeschuss ausgesetzt. Am 4. Juni um sechs Uhr morgens wurde in einem Viertel von Charkiw ein Auto der »Kraken« durch einen Molotowcocktail in Brand gesetzt«, wie Oksana K. jW berichtete. Wie häufig solche Vorfälle sind, ist schwer zu sagen. Die Menschen haben Angst, darüber zu schreiben und zu sprechen.

*Name ist der Redaktion bekannt

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