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Aus: Ausgabe vom 08.06.2022, Seite 12 / Thema
Ukraine-Krieg

Mystifizierte Nation

Unpassende Klarstellungen zur Legende vom einig-geschlossen-heldenhaft kämpfenden ukrainischen Volk
Von Theo Wentzke
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Zur Ausübung von Selbstjustiz ermächtigt: Soldat einer Territorialverteidigungseinheit in Kiew, 28. März 2022

Die westlichen Medien fluten ihr Publikum mit Bildern und Texten zur Demonstration der beeindruckend unbeugsamen Kriegsmoral und des opferbereiten Kampfeinsatzes des ukrainischen Volks. Konsequent ausgeblendet aus diesem quasi hollywoodreifen Szenario wird die banale Tatsache, dass es ja doch nicht ganz so ist, dass die komplette Nation freiwillig und begeistert wie ein Mann hinter ihrem Führer steht. Schließlich unternimmt die ukrainische Staatsgewalt auch einiges, um ihr Volk auf den Kriegsgang zu verpflichten und dafür zu verheizen. »Den Krieg zu gewinnen wird die Ukraine Zehntausende von Menschenleben kosten. Dies sagte Präsident Wolodimir Selenskij in einem Gespräch mit ukrainischen Studenten« (strana.news, 19.5.2022).

Natürlich gibt es die fanatischen Verteidiger der ukrainischen Sache, die bis zum letzten Blutstropfen kämpfen, ihrem eigenen und demjenigen der ihnen Ausgelieferten. Da gibt es auch die Hausfrauen, die Molotowcocktails basteln, was hiesigen Hausfrauen im Fernsehen zwecks Bewunderung präsentiert wird. Und natürlich führt der Besuch des russischen Brudervolks mit Panzern und Raketen, angeblich zum Schutz der russischstämmigen Bevölkerung, auch bei den Teilen des Volks, die vorher wenig Sympathien für die Kiewer Regierung gehegt hatten – vor dem Krieg war Selenskijs Beliebtheitskurve steil nach unten gegangen –, zu einer neuen Welle von Patriotismus und dem Standpunkt der Heimatverteidigung. Die effektiven Leistungen der aktiven Kämpfer werden allerdings nicht so ganz mit Begeisterung und Molotowcocktails, sondern eher mit westlichen Präzisionswaffen erzielt. Und auch wenn diese Abteilungen der ukrainischen Gesellschaft ihren wirkungsvollen Beitrag zum Kriegsgeschehen geleistet haben, sollte man sie dennoch, entgegen dem hierzulande verbreiteten Heldenmythos, auch nicht gleich mit dem Volk in der Fassung der hiesigen romantischen Heldenlegende identifizieren.

Denn ebenso sind große Teile des Volks in der Hauptsache bloß damit befasst, zu flüchten, um ihre Haut zu retten oder sich der staatlichen Beschlagnahme der gesamten männlichen Bevölkerung zwischen 18 und 60 Jahren als Kriegsmaterial zu entziehen. Die Staatsgewalt setzt da auch gar nicht einfach auf ein nationweites begeistertes Mitmachen, sondern wie jeder kriegführende Staat auf den Einsatz von Gewalt, z. B. im Umgang mit Deserteuren.

Umgang mit Deserteuren

»Der ukrainische Grenzschutz hat nach eigenen Angaben seit Beginn des Angriffs durch Russland knapp 2.200 Männer im wehrpflichtigen Alter an der verbotenen Ausreise gehindert. ›In letzter Zeit gab es auch mehrere Fälle, in denen Leichen von Männern an den Ufern grenznaher Gewässer gefunden wurden‹, teilte die Behörde laut der Nachrichtenagentur dpa mit« (Spiegel online, 10.4.2022).

Laut strana.news vom 30. Mai 2022 arbeitet das ukrainische Parlament an einem Gesetz zur »Verantwortlichkeit für das illegale Überqueren der Staatsgrenze der Ukraine während des Kriegsrechts«, das für Wehrpflichtige, die sich durch die Flucht ins Ausland entziehen wollen, zehn Jahre Gefängnis vorsieht, und für Personen, die Beihilfe dazu leisten, sieben bis zwölf Jahre sowie die Einziehung des Vermögens. Deserteure illegal über die Grenze zu transportieren, lohnt sich nämlich mit rund 2.000 bis 3.000 US-Dollar pro Kopf (etwa 1.700 bis 2.800 Euro), manchmal auch wesentlich mehr. Da in der Nation der marktwirtschaftliche Kampf um Einkommensquellen stattfindet, hat die Bevölkerung in den Grenzregionen, die ohnehin schon lange vom Schmuggel lebt, natürlich auch sofort diese Geschäftsoption entdeckt.

Die Staatsmacht setzt des weiteren auch nicht bloß auf die vaterländische Gesinnung ihrer Untergebenen, sondern kümmert sich systematisch darum, mögliche Sympathien für Russland und auch anders gelagertes Kritikastertum und sonstiges abweichendes Verhalten auszurotten. Für den Fall, dass die begeisterten Vaterlandsverteidiger in Uniform sich die Verteidigung des Vaterlands nicht ganz so vorgestellt hatten, wie sie es dann in den unmittelbaren Kampfhandlungen an der eigenen Haut erfahren, weiß man auch, dass das legendäre ukrainische Heldentum wirksame Unterstützung nur allzugut vertragen kann: »Marjana Besuglaja, Abgeordnete der Partei ›Diener des Volkes‹, verfasste einen Gesetzentwurf, in dem sie vorschlägt, dass Offiziere Soldaten töten dürfen, wenn diese ihre Befehle nicht befolgen oder ihre militärische Stellung und ihren Einsatzort unerlaubt verlassen« (strana.news, 24.5.2022).

Im Sinne einer grundsätzlichen Säuberung im Inneren werden die entsprechenden Gesetze ausgebaut, u. a. eine »Antikollaborationsgesetzgebung«: »Gesetzentwurf Nr. 5143 ›Über die Sicherstellung der Verantwortlichkeit von Personen, die Kollaborationstätigkeit ausgeführt haben‹ und 5144 ›Über die strafrechtliche Verantwortlichkeit für Kollaborationstätigkeit‹ (…). Der Tatbestand ›Kollaboration‹ soll in das Strafgesetzbuch der Ukraine aufgenommen werden« (strana.news, 16.3.2022). Unter diese Kategorie fallen auch die »öffentliche Leugnung der Aggression gegen die Ukraine« und »Aufrufe, die Entscheidungen oder Aktionen des Aggressorlandes, seiner Streitkräfte oder der Okkupationsverwaltung zu unterstützen«, ebenso wie die »Nichtanerkennung der Souveränität der Ukraine über die zeitweilig besetzten Territorien« mit einem Strafmaß von zehn bis fünfzehn Jahren. Dasselbe gilt für Amtsträger und für Personen, die in Organe der Besatzung »freiwillig gewählt wurden« (ebd.).

»Propaganda für den Aggressor in Bildungseinrichtungen und Mitarbeit bei der Erstellung von Bildungsstandards« wird mit sechs Monaten bis drei Jahren Gefängnis belegt. Die »Übergabe materieller Ressourcen an die Streitkräfte des Aggressorlandes und wirtschaftliche Beziehungen mit dem Aggressor und dessen Okkupationsverwaltung« werden mit bis zu 10.000 US-Dollar oder drei bis fünf Jahren Haft bestraft. Außerdem sind eine Lustration und Strafen für viele andere Arten freiwilliger Zusammenarbeit mit den Russen vorgesehen. Auch kirchliche Organisationen können verboten werden – es gibt ja immer noch die auf die russische Orthodoxie ausgerichteten Kirchengemeinden –, ebenso Wohltätigkeitsorganisationen und Gewerkschaften. Bei den Parteien können nicht nur die Vorsitzenden, sondern z. B. auch deren Vertreter im Zentralen Wahlkomitee und die Leiter der Basisorganisationen belangt werden (alles nach strana.news, 16.3.2022). »Allein in der Region Charkiw wurden im März und April dieses Jahres 400 strafrechtliche Ermittlungsverfahren wegen des Verdachts der Kollaboration angestrengt. (…) Ein bewaffneter Kampf ist für eine Bestrafung nach der Regelung nicht erforderlich. Ein Leugnen der Invasion reicht« (Telepolis, 3.5.2022).

Exekutiert werden diese Gesetze durch systematischen Terror gegenüber allen verdächtig erscheinenden Subjekten. Nicht umsonst sind die entschieden antirussischen Freiwilligenverbände wie das »Asow«- und »Aidar«-Bataillon im Osten stationiert, also in den Gebieten, die unter dem Verdacht mangelnder Vaterlandstreue stehen, und führen dort ein entsprechendes Regiment. Ganz nebenbei gelangen dann doch die Berichte von aus Mariupol Geflüchteten in die hiesigen Medien, dass die »Asow«-Kämpfer die dortige Bevölkerung auf den Besitz russischer Fahnen oder das Vorhandensein anderer Indizien durchsucht und auch von der Flucht in die humanitären Korridore mit vorgehaltener Waffe abgehalten haben, damit sie sich nicht ihrer Pflicht entziehen, als menschliche Schutzschilde und lebendiger Beweis für russische Kriegsmissetaten zu dienen.

Die Freiwilligenverbände sind durch ihre Ernennung zur »Territorialverteidigung« weitgehend zur Ausübung von Selbstjustiz legitimiert, wie überhaupt das eingeführte Kriegsrecht sämtliche Staatsorgane von beinahe allen rechtsstaatlichen, in der Verfassung niedergelegten Schranken befreit – das alles wiederum in einem rechtsstaatlich formvollendet vollzogenen Verfahren, nämlich per vom Parlament verabschiedetem Gesetz.

Wie erkennt man Verdächtige?

Zu der Frage »Wie erkennt man Verdächtige?« hat das ukrainische Innenministerium sachdienliche Hinweise geliefert, denn schließlich weiß man genau, dass sich nicht nur im Osten, sondern in der ganzen Nation »russische Diversanten« herumtreiben, die auszuschalten sind: »Der erste stellvertretende Innenminister der Ukraine, Jewgenij Jenin, rief die Ukrainer dazu auf, aufmerksam und vorsichtig zu sein, und berichtete auch, wie sich Diversanten verhalten, und führte eine Reihe von Merkmalen an, an denen man die Mitglieder von Diversionsgruppen erkennen kann: Sie orientieren sich vor Ort schwach, sie beherrschen die ukrainische Sprache nicht, sie haben Waffen dabei, sie haben einen ausweichenden Blick, sie versuchen wegzulaufen. ›Wenn ihr solche Merkmale bemerkt habt, ruft unverzüglich die Polizei oder den SBU an.‹ De facto soll man sich vor jedem hüten, den man nicht kennt« (strana.news, 19.3.2022).

Dieser Aufruf findet wiederum genügend freiwillige Staatsdiener. In den Städten patrouillieren Bürgerwehren, »bewaffnete Männer, die Passanten misstrauisch beäugen. Zivilisten werden aufgefordert, ihre Telefone vorzuzeigen. Ihre Anruflisten werden überprüft, um festzustellen, ob es russische Kontakte gibt und ob die Person Angebote in sozialen Netzwerken abonniert hat, die als ›prorussisch‹ gelten« (junge Welt, 16.4.2022).

Die obrigkeitliche Anweisung stößt überdies eine landesweite Fahndung nach Verrätern an, der sogar ein Mitglied der offiziellen ukrainischen Delegation für Waffenstillstandsverhandlungen zum Opfer fällt: »Nach ukrainischen Medienberichten, die sich auf ukrainische Regierungskreise berufen, wurde Denis Kireew, der auf Fotos vom 28. Februar als Teilnehmer an der ersten Verhandlungsrunde abgebildet ist, vom ukrainischen Geheimdienst SBU auf der Flucht erschossen« (Wikipedia, s. v. Verhandlungen zwischen der Ukraine und Russland 2022).
Die Anstachelung zum Denunziantentum wirkt. Im Rüstungskonzern »Ukroboronprom« wollen Angestellte wissen, dass es ganz oben in der Chefetage Verräter gibt: »Wir wenden uns an den Oberkommandierenden der Streitkräfte der Ukraine, den Präsidenten der Ukraine Wolodimir Selenskij, an die Generalstaatsanwältin der Ukraine Irina Wenediktowa, den Chef des Sicherheitsdienstes der Ukraine Iwan Bakanow mit dem Aufruf, die russischen Agenten schnell aus der Leitung von Ukroboronprom zu entfernen und für die Leiter und wichtigsten Mitarbeiter des militärisch-industriellen Komplexes der Ukraine einen Personenschutz sicherzustellen« (strana.news, 20.3.2022)

Das Sprachengesetz dient als wirksames Hilfsmittel zur Identifizierung von Verdächtigen: »Das Russische abwürgen – neues Sprachgesetz der Ukraine in Kraft (…). Ab sofort sind sämtliche Staatsangestellten, Verkehrspolizisten, Gerichtsdiener, Klinikärzte verpflichtet, die Bürger, sofern diese nicht um eine andere Sprache bitten, auf Ukrainisch anzureden. Das gleiche gilt für Dienstleistungsbetriebe, also Mitarbeiter von Supermärkten, Apotheken, Banken. Verstöße gegen das Recht auf Bedienung in der Landessprache‹ können beim Sonderbevollmächtigten zum Schutz der Staatssprache gemeldet und im Wiederholungsfall mit Geldstrafen geahndet werden« (FAZ, 18.1.2022).

Ebenso wie die politisch erlassenen Sprachregelungen: Über die Situation im Donbass als »innerukrainischen Konflikt« oder »Bürgerkrieg« zu reden ist laut einem Gesetz ein Delikt. Die politischen Aufrufe zur Fahndung haben dann insgesamt schöne Erfolge zu verzeichnen: »Wie die Generalstaatsanwaltschaft in Kiew auf ihrer Webseite angibt, wurden seit dem russischen Einmarsch 6.261 Verfahren wegen ›Verbrechen der Aggression und Kriegsverbrechen‹ und 2.248 Verfahren wegen ›Verstoßes gegen die territoriale Integrität der Ukraine‹ eröffnet. Hinter letzteren verbergen sich meist Postings in sozialen Netzwerken. Künftig soll die Grenze der Strafmündigkeit von 16 auf 14 Jahre herabgesetzt werden, um auch Jugendliche für solche Äußerungen oder beispielsweise Handyfotos ukrainischer Truppen bestrafen zu können« (junge Welt, 14.4.2022).

Lebendige Zivilgesellschaft

In der Eigenschaft einer geradezu vorbildlichen Demokratie – laut der stereotypen US-amerikanischen Formel eine »vibrant civil society« – soll, nach Auskunft von Politikexperten, sogar der eigentliche russische Kriegsgrund bestehen: Wladimir Putin soll im ukrainischen Vorbild eine fundamentale Bedrohung sehen und angeblich so sehr fürchten, dass das Übergreifen dieser Geisteshaltung auf sein Volk seine »Autokratie« untergräbt, dass er deshalb den Krieg eröffnet hat.

In der Abteilung moralischer Legitimationen der Parteinahme für die Ukraine und ihren Krieg ist diese Argumentationsfigur etwas in den Hintergrund getreten, während die ausführlichen Schilderungen über die Fortschritte der »Autokratie« in Russland die Gerechtigkeit der wachsenden Kriegsbeteiligung der NATO immer mehr bestätigen, ganz im Sinne der Bidenschen Deklaration, dass es um den welthistorischen Kampf zwischen Demokratie und Autokratie gehe. Zum Verwechseln ähnliche Fortschritte in der Ukraine in Richtung »Autokratie«, die auch nicht gerade dem Lehrbuch für Pluralismus, Parteienleben etc. entsprechen, sind zwar zu registrieren und werden auch von den paar Organen registriert, die vom Mainstream der hiesigen Öffentlichkeit abweichen. Der Mainstream aber billigt diese Maßnahmen, indem er sie lieber gar nicht erst zur Kenntnis nimmt. In diesem Fall gilt ihr volles Verständnis der Tatsache, dass kriegführende Staaten es öfter für notwendig halten, sich gewisse Lasten, Störungen und Umständlichkeiten, die das demokratische Regelwerk verursacht, vom Hals zu schaffen.

Die kriegsrechtlich legitimierte Freisetzung der ukrainischen Herrschaftspraktiken unterfällt jedenfalls der freiwilligen demokratischen Selbstzensur im Westen und wird aus dem Nachrichtenrepertoire ausgeklammert. Schließlich ist es ja »unsere Ukraine«, die »wir« auch wegen unserer »gemeinsamen Werte« verteidigen müssen, so dass bei allen Rücksichtslosigkeiten und Brutalitäten die ukrainischen Kriegsherren das Prädikat lupenreiner Demokraten einfach nicht verlieren können. Das ist auch ein Hinweis darauf, was der Wert Demokratie seinem harten Kern nach darstellt und weshalb die Ukraine unter diesem Titel unsere uneingeschränkte Parteinahme genießt: Wenn diesem Staatswesen entgegen allen kriegsrechtlichen Exzessen die Idealisierungen der westlichen Herrschaftsmethoden als unverlierbares Attribut zugestanden werden, dann gilt dieses unerschütterliche Lob der Tatsache, dass sich die westliche Herrschaft nunmehr eben auch über die Ukraine erstreckt, so dass dieses Staatswesen jetzt im richtigen Lager verankert ist und Land und Leute für die gute Sache verheizt.

Konkurrenten weggeräumt

In diesem Sinne kann die lebhafte ukrainische Demokratie einfach nichts falsch machen, wenn sie im Inneren mit allem, was sie als Hindernis begreift, entschieden aufräumt. Die Öffentlichkeit wird dienstverpflichtet und gleichgeschaltet: »Den ›schändlichen Verrat‹ abschalten. Weshalb das Präsidentenbüro die Nachrichtenkanäle verpflichtet hat, ein und dasselbe Telemarathon zu übertragen« (strana.news, 21.3.2022). Durch Erlass von Präsident Selenskij – Entscheidung des Sicherheitsrats »Über die einheitliche Informationspolitik unter den Bedingungen des Kriegsrechts« – werden alle TV-Kanäle, die Nachrichten senden, verpflichtet, eine von der Regierung bestimmte Nachrichtensendung – zu der einzelne Kanäle Beiträge einreichen können – zu senden und keine unabhängig davon erstellten Nachrichten mehr zu verbreiten. Eine Maßnahme, die sich vor allem – nachdem die sonstigen oppositionellen Sender schon verboten sind – gegen Proteste der Poroschenko-Sender wendet, die Selenskij auch jetzt noch angreifen.

Politische Konkurrenten um die Führung werden mit Anklagen wegen Hochverrats eingedeckt: »Poroschenko, Präsident von 2014 bis 2019, heute Oppositionsführer und Chef der Partei ›Europäische Solidarität‹, droht die Festnahme wegen Hochverrats. Die Generalstaatsanwaltschaft wirft Poroschenko vor, er habe ›im Zusammenwirken mit Vertretern der Führung Russlands Hochverrat begangen und die Tätigkeit terroristischer Organisationen durch illegalen Einkauf von Kohle begünstigt‹« (FAZ, 18.1.2022). Als »terroristische Organisationen« gelten nach der ukrainischen Gesetzgebung die »Volksrepubliken« im Osten.

Die in den westlichen Medien verehrte Lichtgestalt Selenskij hält die bisherige von Oligarchen unterhaltene Parteienkonkurrenz überdies für grundsätzlich unangebracht und lässt dieses Urteil durchgreifend in Gestalt von Parteienverboten wirksam werden: »SNBO (der Sicherheitsrat) und Selenskij haben für die Zeit des Kriegsrechts elf Parteien verboten, darunter die OPSSch (Oppositionsplattform für das Leben). Verboten wurden, mit der offiziellen Begründung ›Verbindungen zur Russischen Föderation‹: OPSSch, Scharij-Partei, Naschi, Oppositionsblock, Linke Opposition, Union linker Kräfte, ›Staatsmacht‹, Progressive sozialistische Partei der Ukraine, Partei ›Sozialisten‹, Block Wolodimir Saldo« (strana.news, 20.2.2022).

Verboten worden ist mit der russlandfreundlichen »Oppositionsplattform für das Leben« immerhin die größte Oppositionspartei in der Rada; ihr früherer Chef Wiktor Medwedtschuk, vorher schon aufgrund einer Anklage wegen Hochverrats unter Hausarrest gestellt, ist verhaftet und wird aufbewahrt als Material für einen Gefangenenaustausch. Ebenso verboten worden ist die Partei von Anatolij Scharij, einem regierungskritischen Blogger, der seit Jahren gegen das angebliche Grundübel der Korruption zu Felde zieht, sich damit viele Anhänger in der ukrainischen Öffentlichkeit und auch eine Rolle in der Politik verschafft hat und deswegen schon lange auf der Abschussliste steht.

Mit all dem, was es sonst noch so an politischen Gegnern gibt, durchaus auch solchen, die gar nicht unter das Etikett der Russenfreundlichkeit passen, sondern aufgrund ihrer Enttäuschung über eine schlechte Verwirklichung der demokratischen Ideale laufend an der Regierungspraxis herumkritisieren, mit Nörglern aus den Reihen der demokratieidealistischen NGOs, Korruptionsaufdeckern, Menschenrechtsaktivisten und Restbeständen mit sozialen Idealen wird bei der Gelegenheit gleich mit aufgeräumt – auch in Anknüpfung an die Tradition der seit dem Skandal um den früheren Präsidenten Leonid Kutschma bekanntgewordenen Methode, Regierungsgegner physisch auszuschalten. Die aktuellen Ziele gibt ein Berater des ukrainischen Innenministeriums, Anton Geraschtschenko, vor mit seinem Steckbriefportal »Mirotworez«, einer Liste von zu »Feinden der Ukraine« erklärten Politikern, Journalisten und Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens mit deren persönlichen Daten. Wer dort landet, gilt praktisch als vogelfrei.

Das Parteienverbot wird vor Ort vollstreckt: »Granaten in den Hof, Strafprozesse. Es werden alle Mittel eingesetzt, um einzuschüchtern und Druck auszuüben. So geschah es und geschieht es weiterhin in Cherson, Schytomyr, Poltawa, Kiew und Landkreis Kiew, in den Räten anderer Städte und Landkreise. Aus den Leuten werden mit vorgehaltenen Sturmgewehren, mit dem Gewehrkolben Erklärungen über den Austritt aus den Fraktionen der Partei (OPSSch) in örtlichen Räten herausgeprügelt« (strana.news, 17.3.2022).

Bürgermeister müssen dafür büßen, wenn die Staatsführung bzw. deren freiwillige Exekutoren sie des »unheroischen Verhaltens« beschuldigen, wenn sie zwecks Schonung ihrer Stadt oder Bevölkerung mit den russischen Angreifern oder Besatzern verhandeln. Alles in allem eine sehr lebendige und sehr wehrhafte Demokratie.

Und auf ihre Art ein Lehrstück darüber, wieviel Gewalt dazugehört, um aus einer auf einem Territorium lebenden Menschenmasse ein echtes Volk, d. h. die brauchbare und willige Basis der über sie regierenden Staatsmacht zu machen und sie unter das über sie exekutierte Gewaltmonopol als die erste und wichtigste Prämisse jeder Lebens- und Willensregung zu beugen. So dient der Krieg der Ukraine nicht nur der Verteidigung ihrer Unabhängigkeit und territorialen Einheit gegen die Russische Föderation, sondern wird gewissermaßen auch als ein Staatsgründungskrieg im Inneren geführt: indem die ukrainische politische Klasse und Gesellschaft von allem vaterlandsverräterischen Gesindel und sonstigen abweichenden Gesinnungen gesäubert, also für den Krieg und durch den Krieg zum Volk formiert wird.

Theo Wentzke schrieb an dieser Stelle zuletzt am 5. April über »Querdenker« und andere sonderliche Figuren. Mehr zurm Thema unter gegenstandpunkt.com

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  • Leserbrief von Lis Kern aus Berlin ( 8. Juni 2022 um 15:54 Uhr)
    »Die aktuellen Ziele gibt ein Berater des ukrainischen Innenministeriums, Anton Geraschtschenko, vor mit seinem Steckbriefportal ›Mirotworez‹, einer Liste von zu ›Feinden der Ukraine‹ erklärten Politikern, Journalisten und Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens mit deren persönlichen Daten. Wer dort landet, gilt praktisch als vogelfrei.« Auf dieser Liste stand auch der Schriftsteller Oles Busina, der dann in Kiew vor seinem Wohnhaus von Nazis erschossen wurde, denen selbstverständlich nie der Prozess gemacht wurde. Interessant ist auch, dass nun auch der Ami Kissinger auf dieser Liste steht! Ich warte nur darauf, dass der kokainsüchtige Nichtmehrkomiker Selenskij ruft: Wollt ihr den totalen Krieg? Und der faschistoide Westen sieht zu und aus Washington kommt der Befehl dazu!
  • Leserbrief von Yorgui Hartmann aus Lohr ( 8. Juni 2022 um 12:08 Uhr)
    Die Begeisterung der deutschen Öffentlichkeitsmaschine für den Führerstaat Ukraine dürfte jedem einleuchten, der von 33 bis 45 zählen kann, erst recht denen, die sogar von 33 bis 22, also rückwärts zählen können. Man sieht den deutschen Volks- und Führerstaat in der Ukraine umgesetzt und alles rast vor Begeisterung im dicht geschlossenen Russenhass. Genau da will die deutsche Adels- und Geldelite ihr Volk haben. Passend dazu ein Zitat des großen Schriftstellers und Pazifisten Kurt Hiller. »Wenn eine wildgewordene Familienmutter zum Beweise ihres Bajarderentums Brahmaputrarythmen wirr harfft, rast alles vor Begeisterung. Einen der denkhell die Würde der Prostitution erwiese, zischte man aus«. (ich hoffe das Zitat ist korrekt aus dem Gedächtnis wiedergegeben und diejenigen, die wieder mal kritisch reüssieren und dies als Verherrlichung der Prostitution wissen wollen, bitte noch mal nachdenken)
  • Leserbrief von Istvan Hidy aus Stuttgart ( 8. Juni 2022 um 11:21 Uhr)
    Der Krieg hat verheerende Auswirkungen auf die Medien. Für die Ablehnung der russischen Invasion in der Ukraine gibt es genügende Gründe, die auf prinzipiellen und linken Erwägungen basieren. Aber man dürfte sich nicht an die Vertuschung des Faschismus in der Vergangenheit und Gegenwart der Ukraine anpassen, die von dem »Wertewesten« betrieben wird. Die Ukraine ist nicht wie »jedes andere Land«, in dem es »Rechtsextremisten und gewalttätige fremdenfeindliche Gruppen« gibt. Journalisten müssen es wissen, dass das Erbe der faschistischen Nationalisten ungeachtet der furchtbaren völkermörderischen Verbrechen der OUN unter der Führung ihres »Providnyk« (Führers) Stepan Bandera in der Ukraine weiterhin einen immensen öffentlich politischen und kulturellen Einfluss ausübt. Viele Denkmäler, die den Opfern der ukrainischen Nationalisten oder den Helden der Sowjetunion gewidmet waren, wurden durch Denkmäler für Bandera und die »Helden« der OUN und UPA ersetzt. Bandera und ukrainische revolutionäre Nationalisten wurden wieder zu wichtigen Elementen der westukrainischen Identität. Nicht nur rechtsextreme Aktivisten, sondern auch der Mainstream der westukrainischen Gesellschaft, darunter Gymnasiallehrer und Universitätsprofessoren, betrachteten Bandera als Nationalhelden, dessen Andenken wegen seines Kampfs gegen die Sowjetunion geehrt werden sollte. Angesichts der Geschichte des ukrainischen Faschismus und seiner wahrhaft üblen Bedeutung für die Gegenwart ist die Apologetik, die die Journalisten betreiben, ebenso verachtenswert wie feige. Die Narrative der Medien müsse endlich offen entlarvt werden!
  • Leserbrief von Reinhard Hopp aus Berlin ( 8. Juni 2022 um 08:19 Uhr)
    Permanente Ignoranz und totale Negierung ideologisch unpassender Realitäten in den transatlantisch gleichgeschalteten Westmedien.
  • Leserbrief von Fred Buttkewitz aus Ulan - Ude Russland ( 8. Juni 2022 um 03:19 Uhr)
    Die Sache ist zu ernst für solche ironischen Bemerkungen wie »Besuch des russischen Brudervolks mit Panzern und Raketen, angeblich zum Schutz der russischstämmigen Bevölkerung«. In Donezk werden seit acht Jahren täglich zivile Objekte beschossen, in deren Umgebung sich keinerlei militärische Einrichtungen befinden. Den Bauern auf der Krim wurde ebenso lange das Wasser für 90 Prozent der Felder abgedreht. Das war und ist ukrainischer Terrorismus. Die Kämpfe finden bisher hauptsächlich im Donbass und den angrenzenden, traditionell russlandfreundlichen Gebieten statt. Dort hatte man nicht nur wenig Sympathien für die Kiewer Regierung, dort wurden auf Kriegsbefehl dieser Regierung seit 2014 14.000 Menschen ermordet. 2014 eroberte »Asow« Mariupol und schoss in einer Gegendemonstration auf alles, was sich bewegte. Die Überlebenden und ihre Nachbarn, die 2014 ohnehin mehrheitlich für den Anschluss an Russland gestimmt hatten, sollen nun auf einmal Kiewer Patrioten geworden sein? Was in der Westukraine teilweise Patriotismus hervorruft, dürfte bei der Mehrheit der Bevölkerung des Donbass trotz der Kriegsschäden und Opfer selbstverständlich als Schutz im Blick auf die Zukunft betrachtet werden, da es Krieg, Opfer und Zerstörung ohnehin seit acht Jahren gab. 1991 gerieten 25 Millionen Russen ungefragt ins »Ausland«. Das bedeutet aber noch lange nicht, dass 30 Jahre ausreichen, dass sie sich nun als patriotische Ukrainer, Kasachen, Letten usw. verstehen. Die Deutschen waren jahrhundertelang auf mehr als 300 Staaten aufgeteilt und fühlten sich trotzdem vor und nach Bismarck als Deutsche, seit Napoleon verstärkt um eine staatliche Vereinigung bemüht. Auch eine »DDR–Nation« konnte sich nach 40 Jahren nicht herausbilden. Ich bedauere immer noch, dass es die DDR nicht mehr gibt, doch die Mehrheit der Deutschen denkt offensichtlich anders. Aber den Russen will man nicht zubilligen, sich als ein Volk zu betrachten, welches auf mehrere Staaten verteilt lebt.
  • Leserbrief von Onlineabonnent/in Joachim S. aus Berlin ( 7. Juni 2022 um 20:23 Uhr)
    Was für ein wundervoller Artikel! Er ist die reine Illustration der Tatsache, dass Kriege nie heldenhaft sind, sondern immer schmutzige Hände produzieren. Nur wer vergessen kann, dass der Befehl zum Schießen auf beiden Seiten das uneingeschränkte Recht zum ungestraften Töten beinhaltet, wird schönreden, dass »Verteidiger« zu sein etwas mit Makellosigkeit zu tun haben könnte. Gerade das aber möchte uns der Mainstream jeden Tag aufs Neue einbläuen.

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