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Aus: Ausgabe vom 08.06.2022, Seite 3 / Schwerpunkt
Panzerlieferung an die Ukraine

Spanien revanchiert sich

Madrid bietet Ukraine deutsche Panzer an. Mutmaßliche russische Unterstützung Kataloniens möglicher Hintergrund
Von Reinhard Lauterbach
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Krauss-Maffei Wegmann kann sich schon auf die Nachbestellung der abgegebenen Panzer vom Typ »Leopard 2« freuen (24.7.2020)

In Berlin wächst der Druck auf das Kanzleramt, eine möglicherweise geplante Lieferung deutscher »Leopard 2«-Panzer aus spanischen Beständen an die Ukraine zu genehmigen. Nach verschiedenen Unionspolitikern hat sich nun auch die Vorsitzende des Verteidigungsausschusses, Marie-Agnes Strack-Zimmermann (FDP), im Spiegel (Dienstag) dafür ausgesprochen. Es geht nach einem Bericht der spanischen Zeitung El Pais vom Wochenende um etwa 40 Panzer, die Spanien in den 1990er Jahren gebraucht von der Bundesrepublik übernommen hatte. Die spanische Verteidigungsministerin Maria Robles hat diese Meldung bislang weder bestätigt noch dementiert. Der offizielle Standpunkt der Bundesregierung lautet, dass noch keine spanische Anfrage eingegangen sei.

Spanien Vorpreschen könnte nicht nur damit zu tun haben, dass das Land Gastgeber des nächsten NATO-Gipfels ist. Enthüllungen, wie sie im Mai neben spanischen auch polnische Zeitungen und angelsächsische Rechercheorganisationen wie Bellingcat veröffentlicht haben, legen die Vermutung nahe, dass Spanien sich bei dieser Gelegenheit für eine mutmaßliche insgeheime Unterstützung Russlands für die katalonischen Unabhängigkeitsbestrebungen in der zweiten Hälfte des vergangenen Jahrzehnts revanchieren will.

Der Kern der Geschichte ist, dass angeblich ein »Putin-Vertrauter« namens Nikolai Sadownikow im Oktober 2017 zweimal mit der Führung der katalanischen Unabhängigkeitsbefürworter zusammengetroffen ist und ihnen umfangreiche Unterstützung angeboten haben soll: sehr viel Geld und sogar 10.000 russische Soldaten im Falle eines Konflikts mit der Zentralregierung. Der Inhalt der angeblichen Zusagen ergibt sich aus Aussagen eines der damaligen Beteiligten vor einem spanischen Gericht, sie können also übertrieben und von der Anklage im Rahmen eines Deals bestellt gewesen sein. Aber die Tatsache der Gespräche haben weder der ehemalige katalanische Regierungschef Carlos Puigdemont noch der russische Emissär bestritten. Puigdemont bestätigte inhaltlich das russische Angebot, sagte aber, er habe es abgelehnt – und tatsächlich verließ er am Tag nach der letzten Begegnung Spanien. Sadownikow dagegen bestätigte auf Nachfrage der Rechercheure nur das Treffen in Barcelona, behauptete aber, er könne sich wegen einer schweren Coviderkrankung in der Zwischenzeit an nichts mehr erinnern und habe aus der Besprechung in Barcelona nur »herausgewollt, um im Meer zu baden«.

Das sind etwas zu viele Hinweise, um die Geschichte als reine Erfindung abzutun – auch wenn sie womöglich aufgebauscht sind. Interessant ist daran auch, was am Rande herauskam, etwa die mutmaßliche Rolle des britischen Geheimdienstes, was durch das Mitwirken von Bellingcat unterstrichen würde. Der MI6 soll nämlich nach Erkenntnissen der Gaseta Wyborcza Spanien auf die Einreise von Sadownikow aufmerksam gemacht haben, weil der Dienst ihn als Führungsoffizier diverser verdeckter Operationen in Großbritannien betrachtete. Daran ist wiederum interessant, dass der MI6 demnach also Sadownikow im Herbst 2017 auf dem Schirm hatte und dennoch den angeblich von ihm organisierten Anschlag auf den ehemaligen Doppelagenten Sergej Skripal und seine Tochter im März 2018 nicht verhinderte. Was natürlich die Frage aufwirft, wieviel Inszenierung in dieser Geschichte steckte.

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