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Aus: Ausgabe vom 07.06.2022, Seite 11 / Feuilleton
Kino

Nadel und Faden

Maßschneiderei im Bandenkrieg – der dramaturgisch perfekte Gangster­film »The Outfit«
Von Kai Köhler
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Auch gut angezogen: Die Konkurrenzbande und ihre glamouröse Chefin (Nikki Amuka-Bird)

Der Maßschneider Leonard Burling (Mark Rylance) ist ein Meister seines Fachs. Nicht nur ein sorgsamer Handwerker, hat er auch einen guten Blick für Menschen: Welche Farbe, welcher Stoff passt zu dem Mann, der vor ihm steht? Selbstverständlich zur Figur, aber auch zum Charakter: Ist der Kunde mit seinem Status zufrieden, will er hoch hinaus?

Solche Menschenkenntnis wird er brauchen. Schließlich betreibt der distinguierte Engländer sein Geschäft in Chicago, wo die Stadtviertel von Banden kontrolliert werden. Eine dieser Banden hat einen Briefkasten in Burlings Laden eingerichtet. Ehrenwerte Gentlemen werfen dort Umschläge ein, und regelmäßig kommen zwei gefährliche Typen vorbei, um den Briefkasten zu leeren: der beste Mann des lokalen Bandenchefs sowie dessen Sohn und designierter Nachfolger. Eines Tages im Dezember 1956 finden die beiden einen Umschlag mit dem Symbol von »The Outfit«, offenbar einer Dachorganisation von Mafiagruppen, dann noch eine Nachricht mit einem Tonband, das verraten soll, wer die »Ratte« – der Polizeiinformant – ist.

Zum Auftakt der entscheidenden Nacht schleppt der beste Mann den angeschossenen Sohn in das Geschäft. Draußen heulen Polizeisirenen. Auch die Verbrecherkonkurrenz ist unterwegs. Burling zeigt sich abwehrend, er wolle nicht in Sachen hineingezogen werden, die ihn nichts angehen. Doch er muss. Mit vorgehaltener Waffe wird er gezwungen, die Wunde zu nähen. Nun geht es ums Überleben.

Der Hauptteil des Films ist von einer selten zu sehenden dramaturgischen Perfektion, von Regisseur und Drehbuchautor Graham Moore beinahe wie ein Theaterstück angelegt. Burling, seine Assistentin Mable (Zoey Deutch), die beiden Gangster, ihr Chef, die Chefin der Konkurrenz: Sie alle wollen etwas, jedes Wort ist zugleich Handlung. Jedes Tun ist aus ungleichem Wissensstand hergeleitet (auch das Publikum weiß erst recht nicht immer alles). Das ergibt Schlag auf Schlag neue Wendungen und damit neue Probleme – die nicht immer erfolgreich gelöst werden. Es geht um die fürs Überleben jeweils taugliche Lüge.

Das würde leblos wirken, liefe bloß ein dramatisches Maschinchen ab. Doch Mark Rylance gibt dem Maßschneider, der erst nur zu reagieren scheint und bald versucht, das Geschehen zu lenken, viele Charakterschichten, von scheinbarer Unterwürfigkeit (gepaart mit Berufsstolz) über höfliche Bestimmtheit bis hin zum mühsam kontrollierten Entsetzen, wenn er die Kontrolle über die Ereignisse zu verlieren scheint und Mable bedroht ist. Durchweg ist der Film gut besetzt, von Simon Russell Beale als jovial-gefährlichem Paten über Dylan O’Brien als dessen Sohn von unberechenbarer Gewaltsamkeit und Nikki Amuka-Bird als glamouröse Chefin der Konkurrenzbande bis zu Alan Mehdizadeh als dem massigen, tumben Mann, der bei der Bande fürs ganz Grobe zuständig ist.

Es gibt in der Hauptsache die Einheit der Zeit – die wenigen Stunden nur einer Nacht. Dazu kommt die Einheit des Ortes: Zu Beginn des Films schließt Burling sein Geschäft auf, erst ganz am Ende sieht man wieder ein Draußen. Eine Personengruppe in einen Raum zu sperren ist eine gute Voraussetzung für Spannung.

Einheitlichkeit besteht auch im Visuellen. Der seriösen Schneiderei entsprechend herrschen gedeckte Töne vor, besonders Schattierungen des Braunen. Manches wirkt vergilbt, wie alte Farbfotografien. Es scheint aus der Zeit gefallen, wie der kühl zurückhaltende, selbstironische und sehr britische Schneider in den Chicagoer Bandenkriegen. Doch verweist das Design auf Burlings Stärke. Es ist sein Raum, in dem er – dem ersten Anschein entgegen – über weite Strecken die Regeln zu setzen vermag.

Kern eines dramatischen Verlaufs ist es, dass irgendwer etwas will und irgendwer etwas anderes, damit unvereinbares will. »The Outfit« beweist, dass diese Idee nach wie vor produktiv ist. Dass es auch um moralische Werte geht, ist lange Zeit nur zu erahnen. Am Ende aber wird deutlich, dass das Gute nicht ohne die bösen Mittel zu haben ist.

»The Outfit«, Regie: Graham Moore, UK/USA 2022, 105 Minuten, bereits angelaufen

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