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Aus: Ausgabe vom 07.06.2022, Seite 9 / Inland
Unkrautvernichter

Ein Prosit auf Glyphosat

Kritik an Entscheid der EU-Chemikalienagentur, Herbizid als »nicht krebserregend« einzustufen
Von Ralf Wurzbacher
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Ein Schluck aus der Flasche ist nicht immer bekömmlich, beim »Konsensbier« aus Bremen eh nicht

Die Liste ist lang: Glyphosat im Obst, Gemüse, Brot, Käse, Senf, in Nudeln. Ganz egal, was auf den Tisch kommt, an der Extraportion Unkrautvernichter fehlt es fast nie. Keine echte Neuigkeit: Auch im deutschen Bier findet sich die toxische Substanz, wie einmal mehr das Verbrauchermagazin Öko-Test in seiner Juni-Ausgabe berichtet. Von 50 untersuchten Pilsenern enthalten zwölf Spuren des Spritzgiftes, darunter Branchenriesen wie Beck’s, Flensburger, Krombacher und Jever. Weil die Mengen nicht die in der Europäischen Union zulässigen Höchstwerte überschreiten, gingen die Kandidaten aber doch mit dem Label »empfehlenswert« durchs Ziel. Na dann mal Prost!

Ebenfalls unter »krasse Fehlentscheidung« verbucht die Coordination gegen Bayer-Gefahren (CBG) den jüngsten Entscheid der Europäischen Chemikalienagentur (ECHA), das Pestizid »trotz erdrückender Beweislast« als nicht krebserregend einzustufen. Die Behörde hatte Anfang voriger Woche bekanntgegeben, »nach umfassender Überprüfung der wissenschaftlichen Erkenntnisse« an ihrer bisherigen Position festzuhalten. Danach kann das Breitbandherbizid zwar schwere Augenschäden verursachen und Wasserlebewesen schaden, karzinogen wirke es aber nicht. Damit setze sich die ECHA erneut »über die Klassifikation der Internationalen Agentur für Krebsforschung der Weltgesundheitsorganisation WHO hinweg, die dem Mittel im Jahr 2015 bescheinigte, ›wahrscheinlich krebserregend für den Menschen‹ zu sein«, monierte CBG-Geschäftsführer Marius Stelzmann am Donnerstag in einer Medienmitteilung.

Die Einschätzung der Agentur gilt als wegweisend im laufenden Prozess der Risikobewertung für den durch die Bayer-Tochter Monsanto vertriebenen Wirkstoff zur Schädlingsbekämpfung. Die zuletzt 2017 erteilte Zulassung endet am 15. Dezember dieses Jahres. Vieles spricht dafür, dass sich auch die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) sowie die Europäische Kommission dem ECHA-Votum anschließt und den Mitgliedstaaten empfiehlt, den Einsatz des Pflanzengifts für weitere fünf Jahre zu erlauben. Bereits Mitte Mai ließ die Kommission durchblicken, die bestehende Genehmigung wegen des umfangreichen Prüfverfahrens befristet bis Herbst 2023 zu verlängern. »Durch die Verschiebung darf Bayer jetzt ein Pestizid mit ungeklärtem Status noch rund ein Jahr weiterverkaufen und so noch einmal Millionen Euro einstreichen«, gab Stelzmann zu bedenken.

Scharfe Kritik an den Vorgängen äußerte vergangene Woche das europäische »Ban-Glyphosate«-Bündnis. »Wieder einmal hat sich die ECHA einseitig auf die Studien und Argumente der Industrie verlassen«, heißt es in einer Erklärung. Dabei habe eine kürzlich durchgeführte Metaanalyse des Wiener Krebsforschungsinstituts von 35 wirtschaftsnahen Untersuchungen »nur zwei als zuverlässig« und 18 aufgrund erheblicher Abweichungen von den geltenden Testrichtlinien als »nicht zuverlässig« klassifiziert. Zudem habe sich die ECHA einzig mit dem Wirkstoff, nicht aber mit dem Monsanto-Enderzeugnis »Roundup« beschäftigt. Dieses enthält eine Vielzahl von Zutaten mit einem nach Meinung vieler Wissenschaftler hohen Gefährdungspotential.

Dazu gehört auch der Biochemiker Helmut Burtscher-Schaden von der österreichischen Umweltschutzorganisation »Global 2000«. Es sei sehr bedenklich zu sehen, wie die ECHA ihre »Fehlleistung« von vor fünf Jahren wiederhole. Um so zu urteilen, müsse man »signifikante Tumorbefunde in fünf Mäuse- und ebenso vielen Rattenkarzinogenitätsstudien ignorieren oder verwerfen«, nahm er am vergangenen Mittwoch Stellung. »Das geht nur, wenn man gegen einschlägige Leitlinien verstößt und geltende EU-Verordnungen verletzt.«

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  • Leserbrief von Isolde Bretting aus Passin (15. Juni 2022 um 12:55 Uhr)
    Wirft man ein Stück Würfelzucker in der Bodensee, kann man mit den heutigen Untersuchungsmethoden seinen Zuckergehalt ermitteln. Es gibt also nichts, wo man nichts findet. Nicht nur in sämtlichen Lebensmitteln muss man demnach u. a. Glyphosat finden, sondern auch auf dem Brocken. Nichtstaatliche Institutionen, genau wie die Umweltorganisation »Global 2000« eine ist, haben dort sechs verschiedene Pflanzenschutzmittel gefunden. Die kumulierten Einzelwerte, die in monatelang aufgestellten Sammelfiltern gemessen wurden, lagen ausnahmslos im Milliardenstelgrammbereich. Ein Molekularbiologe hat nachgerechnet: Ein erwachsener Mensch müsste lebenslang täglich u. a. 240 Kilogramm kontaminierte Baumrinde essen, um den Grenzwert von z. B. Glyphosat zu erreichen. Glyphosat wurde zur schonenden Bodenbearbeitung eingesetzt. Es hemmt die Chlorophyllbildung. Insekten und Bodenlebewesen können mit Glyphosat deshalb nicht getötet werden. Glyphosat steht für die Allgemeinheit symbolisch für sämtliche Pflanzenschutzmittel. Landwirte bezeichnen diese Mittel nicht als Pestizide. Sie heißen Pflanzenschutzmittel, weil sie genau das tun – sie schützen die Pflanzen vor Schädlingen, Krankheiten und Unkräutern. Man kann mit diesen Mitteln weder die Pest auslösen, noch kann man sie mit ihnen heilen. Die europäische Zulassung von Glyphosat wurde zwar verlängert, in der BRD ist das Mittel aber verboten. Es spielt dabei auch keine Rollen mehr, dass nach jahrzehntelangen wissenschaftlichen Forschungen keine gesundheitsschädliche Wirkung nachgewiesen werden konnte. Wissenschaftlich nicht messbar ist die Angst, die grüne Umweltverbände und Politiker mit ihrer populistischen Propaganda sehr erfolgreich geschürt haben und schüren.

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