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Aus: Ausgabe vom 11.06.2022, Seite 3 (Beilage) / Wochenendbeilage

Melnyks Helfer

Von Arnold Schölzel
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Der Publizist Heribert Prantl fragte in der Süddeutschen Zeitung vom 3. April, ob in der Ukraine mit Stepan Bandera »ein Nazikollaborateur als Held« verehrt werde. Ihm antwortete der Botschafter Kiews Andrij Melnyk auf Twitter: »Weder die Russen noch die Deutschen haben das Recht zu bestimmen, wen die Ukrainer als Helden verehren. Stepan Bandera & Hunderttausende meine Landsleute kämpften sowohl gegen Hitler als auch gegen Stalin für den Staat. Lasst uns in Ruhe mit euren Belehrungen.«

Melnyk ist so etwas wie ein ideologischer Gauleiter, der die deutsche Heimatfront belehrt. Helfer hat er in Bataillonsstärke. Sämtliche Chefredaktionen großer deutscher Medien ersterben in Ehrfurcht, wenn er den Kanzler »beleidigte Leberwurst« nennt, den SPD-Politiker Michael Roth ein »Arschloch« oder wenn er den Bundespräsidenten beim Weben eines »Spinnennetzes der Kontakte zu Russland« sieht. Sich selbst hält er zugleich für die Ukraine. Als Gerhard Schröder vor zwei Jahren in seinem Podcast Melnyk »einen Zwerg aus der Ukraine« nannte, sah der seinen Staat und seine Nation gedemütigt.

Wer aber Bandera sagt, sagt Melnyk. Bandera hatte sich zum Prowydnik, dem Führer eines ukrainischen Staates nach dem Vorbild Hitlers und Mussolinis oder der kroatischen Ustascha ernannt. Der Historiker Grzegorz Rossolinski-Liebe, Autor der ersten wissenschaftlichen Bandera-Biographie, erläuterte am 14. April im Interview mit dem Internetmagazin Telepolis, Bandera habe zusammen mit der deutschen Abwehr 1941 den »Fall Barbarossa«, den Überfall auf die Sowjetunion, vorbereitet: »OUN-Mitlieder schlossen sich der ukrainischen Polizei im Distrikt Galizien und Wohlynien an. Sie und ebenso viele ›gewöhnliche‹ Ukrai­ner halfen den deutschen Besatzern, 800.000 Juden in der Westukraine zu ermorden. Der OUN kam das entgegen, weil es ein Teil ihres Plans war, die Ukraine in ein ethnisch-homogenes Land zu verwandeln.« Die 2014 auf englisch veröffentlichte 654-Seiten-Bandera-Biographie des an der Freien Universität Berlin arbeitenden Rossoliński-Liebe wurde übrigens bis heute nicht ins Deutsche übersetzt.

Am 3. Juni räumte nun die Süddeutsche Zeitung dem an der Universität Halle-Wittenberg lehrenden Historiker Kai Struve eine ganz Seite ein unter dem Titel »Faschist oder Held? Stepan Bandera, die deutsche Erinnerung und russische Propaganda: Missverständnisse dominieren die Debatte um den ukrainischen Nationalistenführer.« Möglich, dass Struve zu den »Missverständnissen« auch das Buch von Rossolinski-Liebe zählt, er erwähnt es nicht. Im übrigen: Die Zuordnung der OUN zum Faschismus sei »umstritten«. Über die von Banderas Truppe verübten Massenmorde im Herbst 1941 schreibt Struve: »Teilweise nahmen die Gewalttaten pogromartigen Charakter an.« Die OUN habe »einige tausend« Juden ermordet.

Da ist ein Missverständnis ausgeräumt. Ebenso durch Struves Satz, dass »Bandera als Symbol an Bedeutung verloren hat«. Wahrscheinlich wurden deswegen Hunderte Straßen nach ihm benannt und etwa 40 Denkmäler in der Ukraine aufgestellt. Aber Struve mahnt, »dass die Ideologie und Praxis der OUN und Bandera als historische Person nicht unbedingt als Vorbilder eines an Demokratie und Rechtsstaatlichkeit orientierten Gemeinwesens taugen«. Macht aber nicht viel, denn: »Tatsächlich ist es das unaufgearbeitete sowjetische Feindbild des ›ukrainischen Faschismus‹, das einen neuen großen Krieg in Europa ermöglicht hat.« Ein sowjetisches Feindbild ermöglicht einen großen Krieg. Nicht etwa die Fortsetzung des faschistischen Antikommunismus mit anderen Mitteln. Wo Missverständnisse so beseitigt werden, muss Melnyk nicht eingreifen. Faschisten hat es schließlich kaum gegeben.

Melnyk ist so etwas wie ein ideologischer Gauleiter, der die deutsche Heimatfront belehrt. Helfer hat er in Bataillonsstärke. Sämtliche Chefredaktionen großer deutscher Medien ersterben in Ehrfurcht, wenn er den Kanzler »beleidigte Leberwurst« nennt, den SPD-Politiker Michael Roth ein »Arschloch« oder wenn er den Bundespräsidenten beim Weben eines »Spinnennetzes der Kontakte zu Russland« sieht.

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  • Leserbrief von Ingrid Scholz aus Fürstenfeldbruck (15. Juni 2022 um 12:19 Uhr)
    Wie stets, hat auch dieses Mal Arnold Schölzel den »Nagel auf den Kopf getroffen«. Es bedarf darum keines weiteren Kommentars, außer meiner Frage, wie es möglich ist, dass eine Regierung, wie immer man zu ihr stehen mag, sich derartige Demütigungen und Beleidigungen von einem Mitglied der ukrainischen Regierung bieten lässt. Wo bleibt der Aufschrei aus dem Volk? Er kommt nicht. Wie er auch nicht kam, als Adenauer viele faschistische Kriegverbrecher in seiner Regierung in Amt und Würden einstellte. Darum ist es doch eigentlich gar nicht so verwunderlich, wie Arnold Schölzel über den Bericht aus der Süddeutschen sagt: »Wer aber Bandera sagt, sagt Melnyk«. Die Süddeutsche Zeitung liest, wer in Bayern lebt und regionale Informationen braucht. Sie ist nicht nur das kleinere Übel auf unserem gleichgeschalteten Pressemarkt,sie ist ein anderes Übel. In ganzseitigen Artikeln unterdrückt sie wichtige Wahrheiten, geschickte Fragenstellungen, die sich »Otto Normalleser« vielleicht selber schon mal stellte, werden durch Antworten so aufbereitet, die den Leser in eine Richtung führt, die kritisches Denken allemal ausschließt. Schon die Titelführung ist häufig irrführend. Als Beispiel möchte ich den einseitigen Bericht mit Großfoto über Robert Habeck anführen (SZ, Nr. 133 vom 11./12. Juni 2022). Auf der ganzen Seite kein Wort über Nord Stream 2, schlimmer, kein Wort über die Herstellung der neuen teuren schwimmenden Gasbehälter, kein Wort über das tödlche, überteuerte Frackinggas aus den USA. Wenn das die Wahrheit unserer Presse ist, dann stirbt sie in der Tat in Kriegs-und Krisenzeiten zuerst.

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