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Aus: Ausgabe vom 11.06.2022, Seite 5 / Inland
Hafenarbeiter

Vom Stau zum Streik

Tarifverhandlung Seehäfen: Lieferkettenprobleme sorgen für Mehrbelastung, Tausende im Ausstand
Von Burkhard Ilschner
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»Sauer – und entsprechend kampfbereit« (Donnerstag im Hamburger Hafen)

In den Nordseehäfen war die Spätschicht am Donnerstag eine Etappe im Arbeitskampf. Tausende Beschäftigte folgten in Emden, Wilhelmshaven, Bremerhaven, Bremen und Hamburg einem Aufruf der Gewerkschaft Verdi zum befristeten Warnstreik. Anlass war die dritte Verhandlungsrunde über einen Tarifvertrag für die rund 12.000 Beschäftigten, zu der sich am Freitag in Hamburg Verdi und der Zentralverband der deutschen Seehafenbetriebe (ZDS) trafen. Bei Redaktionsschluss lag noch kein Ergebnis vor.

Der ZDS – dessen Mitglieder zu beträchtlichem Teil teilstaatliche Unternehmen sind – hatte den Warnstreik zuvor als »verantwortungslos« bezeichnet; und viele Medien beteten das wegen der kritischen Lage in und vor den Häfen unkritisch nach. Die Hafenbeschäftigten indes sehen das eindeutig anders: Sie unterstrichen mit ihrem engagierten Ausstand, dass sie für ihren anhaltenden Arbeitsstress wegen der aktuellen Lieferketten-Probleme vom ZDS in der gestrigen Verhandlung ein angemessen verbessertes Angebot erwarteten.

Die hohe Belastungssituation in den Häfen wird von niemandem bestritten. Seit Beginn der Coronapandemie – damals verstärkt durch die mehrtägige Suez-Blockade, heute forciert durch die Auswirkungen des Ukraine-Kriegs – sind die logistischen Abläufe im globalen Handel drastisch durcheinandergeraten. Nicht nur im interkontinentalen Seeverkehr selbst, sondern auch in den hafenseitigen Zu- und Ablaufverkehren herrscht teilweise Chaos, nicht zuletzt, weil Bahnen und Speditionen immense (oft selbstverschuldete) Personalprobleme haben.

In den Häfen herrschen Stellflächen- und Containermangel, nehmen Lager- und Abfertigungsengpässe zu, längst gibt es auch Staus auf See: Vor den Mündungen von Elbe, Weser und Jade lagen am Freitag – vor der dritten Verhandlungsrunde – rund drei Dutzend Schiffe, zwei Drittel davon Containerfrachter, vor Anker und warteten auf Abfertigung. Tendenz also steigend: Am Montag hatte das Kieler Institut für Weltwirtschaft (IfW) dort noch etwa ein Dutzend großer Containerschiffe »mit einer Kapazität von insgesamt etwa 150.000 Standardcontainern« (TEU) ausgemacht. Da vor den Terminals von Rotterdam und Antwerpen die Lage noch dramatischer sei, schätzte das IfW, gegenwärtig steckten knapp zwei Prozent der globalen Frachtkapazität allein in der Nordsee fest.

Die Zustände machen die Hafenbeschäftigten sauer – und entsprechend kampfbereit. Die Situation fordert ihnen seit langem 50 und mehr Überstunden pro Monat ab. Ungeachtet dessen haben während der Pandemie mehrere große Hafenbetreiber Rationalisierungsmaßnahmen angekündigt, um Einsparungen in zweistelliger Millionenhöhe durchzudrücken, bei denen Personalabbau und »betriebsbedingte Kündigungen« ausdrücklich nicht ausgeschlossen wurden. Die Tatsache, dass dieselben Hafenbetreiber ständig steigende Umsätze und Gewinne verzeichnen – seit kurzer Coronadelle im Frühjahr 2020 boomen im Seehandel Frachtraten und Reedereiprofite –, trägt nicht dazu bei, die Laune der Arbeiter zu heben.

Natürlich ist den Verdi-Mitgliedern klar, dass jeder Ausstand die angespannte Lage in Häfen und vernetzten Lieferketten weiter zuspitzt. Deshalb nannte Gunnar Appelt, Verdi-Sekretär für die Häfen in Wilhelmshaven und Bremerhaven, den Warnstreik im Lokalsender Radio Jade einen Beginn »in homöopathischen Dosen«. Zwar könne der Konflikt, wenn’s gar nicht weiterginge, auch in unbefristeten Erzwingungsstreik münden: »Soweit muss es aber nicht kommen«, mahnte Appelt die Arbeitgeberseite.

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