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Aus: Ausgabe vom 04.06.2022, Seite 3 (Beilage) / Wochenendbeilage

Schlamassel und letzter Halt

Von Arnold Schölzel
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Am Mittwoch verlangt Rolf Buch, Chef von Europas größtem Immobilienkonzern Vonovia (Gewinnerwartung 2022: 2,1 Milliarden Euro), im Handelsblatt, Mietsteigerungen an die Inflation zu koppeln. Am folgenden Tag ergänzt die Zeitung auf Seite eins: »Die Inflation heizt die Mieten an.« Nicht Profitgier. Auf Seite zehn heißt es dann: »Mietsteigerungen Konsens in Branche.« Alle Spekulanten stimmen Buch überraschend zu.

Ähnlich unerwartet stieg die Inflation in der BRD im Mai auf 7,9 Prozent, d. h. die Reallöhne sinken. Die Umsätze im deutschen Einzelhandel fielen im April laut Statistischem Bundesamt um 4,7 Prozent im Vergleich zum März, für Lebensmittel betrug das Minus sogar 7,7 Prozent. Die Statistiker: »Dabei handelte es sich um den größten Umsatzeinbruch gegenüber dem Vormonat seit Beginn der Zeitreihe im Jahr 1994.« Das Handelsblatt zitiert den Chefvolkswirt einer Bank: »Das ist wohl nur der Auftakt zu anhaltendem Konsumschlamassel.« Der kräftige Inflationsanstieg erschwere es vielen Privathaushalten, ihren Lebensunterhalt zu bestreiten.
Zum Glück aber gibt es den Krieg in der Ukraine. Bei »Lanz« verkündet die Grünen-Außenministerin im ZDF am Mittwoch: »Die Ukraine muss gewinnen.« Und »wir« wollen dabeisein. Daher darf Annalena Baerbock, sozusagen im Gedenken an ihren Großvater, der einst als Wehrmachtsoldat an der Oder kämpfte und an den sie dort im Wahlkampf erinnerte, am Freitag exklusiv in Bild schreiben: »Deswegen müssen wir gerade jetzt der Ukraine weiter beistehen. Auch mit Waffen, weil Putin mit Worten nicht zu stoppen ist.« Und: »Dabei ist klar: Frieden gibt es nicht umsonst. Aber jeder Cent unserer Ausgaben ist eine Investition in Sicherheit und Freiheit, in die Freiheit Europas.« Das konnte ihr Opa 1945 vom damaligen deutschen Regierungschef und seinen Schreibtischgenerälen auch hören. Was bedeutet es da schon, wenn sich weniger Leute frisches Gemüse kaufen können.

Baerbocks Volkssturmeuphorie will sich allerdings partout nicht im Lande ausbreiten. Da müssen andere ran, z. B. die Queen. Die feierte in der zu Ende gehenden Woche ihr 70jähriges Thronjubiläum mit großem Aufwand, den sich im deutschen »Frieren für die Ukraine«-Land keiner mehr leisten will, und beherrschte die Seiten der deutschen Qualitätspresse. Die Redaktionen lagen ihr zu Füßen. Die Illustrierte Stern formulierte auf ihrem Titel: »Warum Elizabeth II der letzte Halt in einer verrückt gewordenen Welt ist.«

Eine wie die Queen oder die liebenswürdige Annalena Baerbock hat Russland jedenfalls nicht aufzubieten, dort gibt es nur den völlig haltlosen Putin. Der ist psychisch lädiert, wie in der Frankfurter Rundschau der Psychoanalytiker Wolfgang Leuschner aus der Geschichte von Putins Familie im Zweiten Weltkrieg herausliest: »Ging es im Zweiten Weltkrieg in Leningrad um das Verhungern, so könnte der Krieg gegen die Ukraine unbewusst ein Gegenmittel darstellen. Das eroberte Land als ›Kornkammer der Welt‹ würde für immer und ewig dagegen sichern.« Am Donnerstag korrigiert aber der Friedensforscher Harald Müller in derselben Zeitung den Arzt: Hitler ist nicht schuld am verkorksten Seelenleben des Russen, sondern: »Putin ist ein Wiedergänger Hitlers.« Endlich sagt es einer.

Fehlt nur noch die Frage: Ist der auferstandene Seelenkrüppel zeugungsfähig? Die Qualitätswochenzeitung Die Zeit stellt sie der Sopranistin Anna Netrebko: »Ihnen wurde und wird eine enge Beziehung zum russischen Präsidenten nachgesagt. Stehen Sie ihm nahe? Netrebko: Nein. Am Anfang fand ich die Gerüchte lustig. Ich sollte sogar eine Affäre mit ihm gehabt haben! Zeit: Und ein Kind! Netrebko: Jetzt ist das nicht mehr lustig.« Falsch. Sogenannter Spaß wird im Schlamassel mehr denn je benötigt.

Fehlt nur noch die Frage: Ist der auferstandene Seelenkrüppel Putin zeugungsfähig? Die Qualitätswochenzeitung Die Zeit stellt sie der Sopranistin Anna Netrebko.

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