75 Ausgaben junge Welt für 75 €
Gegründet 1947 Montag, 15. August 2022, Nr. 188
Die junge Welt wird von 2651 GenossInnen herausgegeben
75 Ausgaben junge Welt für 75 € 75 Ausgaben junge Welt für 75 €
75 Ausgaben junge Welt für 75 €
Aus: Ausgabe vom 04.06.2022, Seite 4 / Inland
Sieg über Hitlerfaschismus

Hamburg soll Befreiung nicht feiern

Bürgerschaft der Hansestadt erklärt 8. Mai lediglich zum Gedenktag
Von Kristian Stemmler
imago0100309320h.jpg

Esther Bejarano hat es nicht mehr erlebt – fraglich ist, ob sie sich gefreut hätte. Die Heimatstadt der Auschwitz-Überlebenden, aktiven Antifaschistin, Musikerin und Vorsitzenden des Auschwitz-Komitees Deutschland hat zwar einen ersten Schritt getan, um posthum einen Herzenswunsch Bejaranos zu erfüllen. Mit großer Mehrheit hat die Bürgerschaft knapp ein Jahr nach ihrem Tod am Mittwoch beschlossen, den 8. Mai – »der Tag der Befreiung vom Faschismus«, wie sie dieses Datum nannte – zum Gedenktag zu machen. Wohlgemerkt nicht zum Feiertag. Mit großer Mehrheit wurde ein entsprechender Antrag der Fraktionen von SPD, Bündnis 90/Die Grünen und CDU angenommen. Damit ist Hamburg das sechste Bundesland, in dem der 8. Mai ein Gedenk- oder Feiertag ist.

Die Lesart der Kommunistin Bejarano von der Befreiung des Landes vom Faschismus setzte sich erwartungsgemäß nicht durch. Der 8. Mai 1945 markiere mit der bedingungslosen Kapitulation Deutschlands »das Ende des fürchterlichen Zweiten Weltkriegs in Europa«, heißt es im Antragstext lapidar. Damit sei an diesem Tag die Voraussetzung »für unser heutiges demokratisches Selbstverständnis« geschaffen worden. In der Antragsbegründung ist festgehalten, dass die Diskussion über das Datum weitergehe.

Dennoch zeigte sich die Initiative »Hamburger Ratschlag für den 8. Mai als Feiertag« zufrieden mit dem Bürgerschaftsbeschluss. »Wir begrüßen, die Einführung des Gedenktags am 8. Mai in Hamburg«, erklärte Franziska Hildebrandt von der Initiative. »Es ist ein Schritt zu einem offiziellen Feier- und Gedenktag, an dem alle zum Erinnern an die Opfer des deutschen Faschismus und die Widerstandskämpfer:innen sowie zum Diskutieren der Konsequenzen aus 1945 für ihre Realisierung heute herausgefordert sind.« Der Hamburger Ableger der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes – Bund der Antifaschistinnen und Antifaschisten (VVN-BdA) begrüßte am Freitag in einer Mitteilung den Beschluss der Bürgerschaft zwar als »längst überfälligen Schritt in die richtige Richtung«. Dennoch sei dieser »unzureichend und halbherzig«. Die VVN-BdA Hamburg fordert den arbeits-, schul- und unifreien Feiertag am 8. Mai.

Die Linksfraktion hatte in einem Zusatzantrag auch Arbeitsfreiheit am Gedenktag gefordert, drang damit aber nicht durch. Im Kurznachrichtendienst Twitter plädierte die Fraktion am Freitag dafür, den Gedenktag zum Feiertag zu machen. Sabine Boeddinghaus, Linke-Fraktionsvorsitzende, fragte in einer Mitteilung, »warum die drei Fraktionen nicht den ganzen Weg gehen und den 8. Mai 77 Jahre nach Kriegsende endlich zum gesetzlichen Feiertag erklären«. Gerade vor dem Hintergrund eines gefährlichen Rechtsrucks in ganz Europa setze der Tag der Befreiung als Feiertag ein »klares Signal für Demokratie und Mitmenschlichkeit und gegen Rassismus, Faschismus und Antisemitismus«.

Die Fraktion zitierte Esther Bejarano. In einem offenen Brief hatte sie einst geschrieben: »Ich fordere: Der 8. Mai muss ein Feiertag werden! Ein Tag, an dem die Befreiung der Menschheit vom NS-Regime gefeiert werden kann. Am 8. Mai wäre dann Gelegenheit, über die großen Hoffnungen der Menschheit nachzudenken: über Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit – und Schwesterlichkeit.«

Sommerabo

Die Tageszeitung junge Welt ist 75 Jahre alt und feiert dies mit dem Sommeraktionsabo. Du kannst 75 Ausgaben für 75 Euro lesen und täglich gut recherchierte Analysen zu tagesaktuellen Themen erhalten. Schenke dir, deinen Freundinnen und Freunden, Genossinnen und Genossen oder Verwandten ein Aktionsabo und unterstütze konsequent linken Journalismus.

Ähnliche:

Regio: