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Aus: Ausgabe vom 04.06.2022, Seite 2 / Feuilleton
Politisches Theater

»Ihr Arbeitskampf war sicherlich richtungsweisend«

Berlin: Neues Theaterstück bringt Proteste der Krankenhausbewegung auf die Bühne. Ein Gespräch mit Mazyar Rahmani und Ahmed Shah
Interview: Simon Zamora Martin
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Über den Kampf der Berliner Krankenhausbewegung gibt es von Ihnen ein neues Stück mit dem Titel »Echt krank! Who cares?!« Das sollte ursprünglich an diesem Wochenende im Theater X aufgeführt werden, wurde aber ausgerechnet krankheitsbedingt abgesagt. Wie kamen Sie auf die Idee für dieses Stück?

Mazyar Rahmani: In der Pandemie mussten wir schockiert zusehen, wie Krankenhäuser geschlossen wurden. Wir haben viel politisch debattiert und schließlich gesagt: Lasst uns ein Stück über das Gesundheitssystem machen.

Ahmed Shah: Denn nicht die Regierung hat uns durch die Pandemie gebracht, sondern die Beschäftigten im Gesundheitswesen, der Lieferdienste und im Einzelhandel!

Was hat euch am Kampf der Krankenhausbeschäftigten besonders bewegt?

M. R.: Ein Jahr protestierte der »Walk of Care« jeden Mittwoch vor dem Gesundheitsministerium. Ich war sehr beeindruckt, dass sie trotz ihres harten Jobs in der Pflege diese kraftvollen Proteste mit viel Musik organisierten. Doch der damalige Minister Jens Spahn ist nicht einmal zu ihnen runter gekommen.

A. S.: Eine immer wiederkehrende Parole war: »Stand der Dinge: Augenringe«. Wir haben uns gefragt, was die Menschen eigentlich noch im Beruf hält. Karl Marx meinte schon »Der stumme Zwang der ökonomischen Verhältnisse besiegelt die Herrschaft des Kapitalisten über den Arbeiter.« Es braucht keine Polizeiknüppel, keine Fesseln und trotzdem gibt es den Zwang, dass sie Patientinnen und Patienten nicht so gut behandeln können, wie sie wollen. Die neoliberale Politik hat sie ohne Gewalt zur Rationalisierung gezwungen.

Tatsächlich entwickelten Sie das Stück mit dem »Walk of Care« und der Krankenhausbewegung. Wie hat das funktioniert?

M. R.: Die Vernetzung mit dem »Walk of Care« hat am 8. März 2021 angefangen. Inspiriert von ihnen haben wir sie auf das »Festiwalla« von Theater X eingeladen, auf ihren Demos gespielt, zusammen Workshops gemacht und wurden dann in die Krankenhausbewegung aufgenommen. Dass wir am Dienstag mit unserem neuen Stück auf dem Krankenhausratschlag auftreten durften, war eine besondere Ehre für uns. Unser Ziel ist vor allem, der Bewegung zu dienen, statt ihre Themen auf die Bühne zu bringen und dafür selbst Applaus bekommen.

In dem Stück sprechen Sie nicht nur über die Arbeit und den Kampf der Pflegekräfte, sondern auch über die »Querdenker«. Warum?

A. S.: Vor den Krankenhausbeschäftigten sind die Pseudorevoluzzer von »Querdenken« mit ihren Forderungen auf die Straße gegangen. Sie fordern Freiheit ohne Gleichheit. Eine Freiheit, die Geflüchtete, Frauen, Arbeiterinnen und Arbeiter ausschließt. In der Arbeiterinnenbewegung finden sich alle Unterdrückten und sie kann auch für Gleichheit kämpfen. Im Gesundheitssystem sehen wir alle: Frauen, People of Color, neu Angekommene …

Welche Bedeutung hat aus Ihrer Sicht der Kampf der Krankenhausbewegung für den Rest der Republik?

M. R.: Er war sicherlich richtungsweisend. Sie hat den Staffelstab jetzt nach Nordrhein-Westfalen weitergegeben, wo gestreikt wird. In vielen anderen Bundesländern brodelt es.

A. S.: Von allen Seiten bekommen wir immer eingeredet, dass Arbeitskampf der Vergangenheit angehört: Die Krankenhausbewegung hat das Gegenteil bewiesen. Auch oder gerade weil er ganz anders geführt wurde als klassische Gewerkschaftskämpfe. Die Demokratisierung des Kampfes ist unheimlich wichtig.

Was ist euer Konzept von politischer Kunst?

A. S.: Theater kann die Welt nicht verändern, aber es kann denjenigen helfen und die unterstützen, die die Welt verändern können. »Theater in Bewegung, Bewegung im Theater« ist unser Motto. Wir unterstützen die Bewegung mit all unseren Mitteln und holen sie ins Theater. Dort wird eigentlich nie die Arbeiterklasse durch richtige Arbeiterinnen und Arbeiter dargestellt, die Welt nicht durch ihre Augen gesehen. Doch diese Sichtweise hat so viel Reichtum und Widersprüche in sich! Mensch sein wollen, aber nicht können. Gegenkultur aufbauen, heißt für uns nicht nur gegen die kommerzielle Bildungskultur zu sein. Gegenkultur ist auch ein Gegenentwurf. Für eine neue Gesellschaft, für den Sozialismus, der die Spaltung überwindet.

Mazyar Rahmani ist Schauspieler und Dramaturg, Ahmed Shah künstlerischer Leiter am Berliner Theater X der »Schnellen Kulturellen Eingreiftruppe« (SKET)

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