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Aus: Ausgabe vom 03.06.2022, Seite 7 / Ausland
Polen und Krieg in der Ukraine

Die Stimmung kippt

»Willkommenskultur« in der Konkurrenzgesellschaft: Polnische Regierung wirft Geflohene aus Ukraine auf Arbeits- und Wohnungsmarkt
Von Reinhard Lauterbach, Poznan
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Freiwillige schneiden Flüchtlingen aus der Ukraine in Warschau in einem Aufnahmelager die Haare (19.4.2022)

Julia aus Dnipro arbeitete im April noch in einem Friseursalon in Nekla bei Poznan, jetzt ist sie wieder weg. Es habe nicht geklappt mit ihr, sagt die Inhaberin: Sie habe mehr mit Landsleuten gequatscht als gearbeitet, ständig freie Tage verlangt und außerdem noch mit anderen Ukrainern die Telefonnummern ausgetauscht – Friseurin Malgorzata sieht das als Versuch, ihr Kunden abzuwerben. Sie setzt auf die persönliche Enttäuschung gleich noch die Verallgemeinerung drauf: So seien sie eben, die Ukrainer, immer bereit, andere zu übervorteilen. Eine Beamtin vom Arbeitsamt, mit der sie Papierkram für die ukrainische Mitarbeiterin zu regeln hatte, habe ihr auf die Auskunft, die Frau arbeite nicht mehr bei ihr, nur gesagt: Seien Sie froh, dass Sie sie wieder los sind.

Anreiz für »Selbständigkeit«

Solche Geschichten sind kein Einzelfall mehr. Am Dorfladen wird gemeckert, dass für das Dutzend Geflohener aus der Ukraine, die in einer ehemaligen Schule untergebracht sind, mit Spenden von Nachbarn ein Konto für die täglichen Einkäufe eingerichtet wurde. »Die« bekämen alles geschenkt, und »wir« müssten allein mit den immer schneller steigenden Preisen zurechtkommen. Leute, die von Gelegenheitsarbeiten leben, sehen ihre Einkommen durch Ukrainerinnen bedroht. Die bieten ebenfalls Hilfe in Haus und Garten an, um aus der Sammelunterkunft herauszukommen und sich etwas zu verdienen. Willkommenskultur in der Konkurrenzgesellschaft.

Wie viele Geflohene aus der Ukraine sich aktuell noch in Polen aufhalten, weiß niemand so genau. Eingereist sind seit Kriegsbeginn etwa 3,6 Millionen, laut Schätzungen ist noch etwa die Hälfte von ihnen da. Ein Teil ist in andere Länder des Schengensystems weitergereist, manche nach Großbritannien oder sogar nach Kanada. Andere kehren offenbar in die Ukraine zurück. Diese gibt jedenfalls seit einiger Zeit an, dass bei der Migration über die ukrainische Westgrenze mehr Menschen zurückkämen als das Land verließen.

Von den seit Februar nach Polen gekommenen Ukrainern gingen nach offiziellen Angaben Anfang Mai gut 100.000 einer regulären Arbeit nach, inzwischen sollen es etwa 180.000 sein. Das klingt nicht nach viel, ist aber objektiv gar nicht wenig. Viele Geflohene dürften »schwarz« arbeiten, zudem handelt es sich überwiegend um Frauen, oft mit kleinen Kindern. Für deren Betreuung fehlt es in Polen an Angeboten.

Gleichzeitig kürzt die Regierung die Mittel, die sie im Frühjahr kurzfristig für die Unterstützung der Geflohenen bewilligt hatte: erst die Berechtigung zur kostenlosen Nutzung der Verkehrsmittel, nun streicht sie Ende Juni auch das Tagegeld von knapp zehn Euro pro Person, das sie Privatleuten zahlte, die Geflohene in ihren Wohnungen aufnahmen. Damit wolle man – so das offizielle Argument – den Geflohenen einen Anreiz schaffen, »selbständig zu werden«. Wo sie das tun, tritt das Erwartbare ein: Es entsteht Druck auf die Löhne. Aus Warschau wurde zum Beispiel kurz vor Ostern, in der Zeit des allgemeinen Frühjahrsputzes, berichtet, dass die Stundensätze fürs Fensterputzen auf umgerechnet knapp zwei Euro eingebrochen seien. Offizielle Jobvermittlungsportale nennen um ein Mehrfaches höhere Preise.

Eigentlich hätte Polen großes Interesse, ukrainische Migranten im Land zu halten. Allerdings waren die meisten Jobs, die vor dem Krieg Ukrainer gemacht haben, eher solche für Männer: Arbeit auf dem Bau oder in der Produktion. Männer aber dürfen wegen des Krieges die Ukraine nicht verlassen, das Land braucht sie noch als Kanonenfutter.

5.000 US-Dollar Kaution

Obwohl sich auch das derzeit ändert. Aus dem ukrainischen Innenministerium ist der Vorschlag gekommen, auch wehrpflichtigen Männern gegen eine Kaution in Höhe von 5.000 US-Dollar die Ausreise zu erlauben. Das entspricht ungefähr auch der Höhe des Schmiergeldes an der Grenze, es könnte dem Land dringend benötigte Devisen einbringen. Käme der Ausgereiste anschließend einem Einberufungsbefehl nicht nach, würde die Kaution zugunsten des Staates verfallen, schlägt das Ministerium vor. Eine Entscheidung ist noch nicht gefallen.

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  • Leserbrief von Fred Buttkewitz aus Ulan - Ude Russland ( 3. Juni 2022 um 13:14 Uhr)
    »Die Stimmung kippt«, das gilt auch für das jetzt geänderte Verhältnis der russischen Bevölkerung zu Deutschland. Mich erstaunte schon immer, wie wenig nachtragend man in Russland gegenüber Deutschen war, nach allem, was im Zweiten Weltkrieg geschehen war. Stets wurde von Deutschland mit Hochachtung gesprochen. Wenn Deutschland nun mehr und mehr zur Kriegspartei in der Ukraine wird, so wird dies für Jahrzehnte irreparable Schäden im Verhältnis zwischen beiden Ländern verursachen und kann in letzter Konsequenz Deutschland in ein Trümmerfeld verwandeln. Hier muss man sehen, was Vorrang hat. Selbst dann, wenn sämtliche Vorwürfe des Westens einschließlich aller in den Medien veröffentlichten Fakes über angebliche Massaker stimmen sollten, hätte dieses eine Land, Deutschland, dennoch nicht das Recht, sich in diesen Konflikt einzumischen, und zwar für alle Ewigkeit, nach 27.000.000 Toten in der UdSSR durch deutsche Schuld. Es gibt ja auch in den letzten 50 Jahren zahlreiche völkerrechtswidrige Kriege und Besetzungen fremder Territorien durch Israel. An die Details, was in den palästinensischen Flüchtlingslagern oder unter der sonstigen Zivilbevölkerung an Massakern verübt wurde, oder daran, dass es sich quasi um einen Apartheidstaat handelt, erinnert niemand mehr. Hier hat eben (aus deutscher Sicht, meiner Meinung nach zu Recht) die Erinnerung daran, was Deutsche den Juden angetan haben Vorrang. Ein gutes Verhältnis zu Israel ist in Deutschland Staatsdoktrin – richtig so. Und die Russen hätten nach der vierfachen Anzahl von Opfern das gleiche Recht zumindest auf Nichteinmischung von deutscher Seite. Mögen andere Länder in der Ukraine intervenieren, da kann man geteilter Meinung sein. Deutschland dürfte es als einziges Land nie und nimmer. Dass man das in der deutschen Politik anders sieht, ist eine unglaubliche Ungerechtigkeit und Dummheit. Die Russen sind nicht mehr bereit, dies zu schlucken. Dieses Mal werden sie es nicht verzeihen.

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