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Aus: Ausgabe vom 31.05.2022, Seite 15 / Betrieb & Gewerkschaft
Hochschulsystem

Bindungsarm, befristet

Ministerium stellt Evaluation des Wissenschaftszeitvertragsgesetzes vor. Wissenschaftlernetzwerk und Gewerkschaft kontern mit eigener Erhebung
Von Philipp Böttcher
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92 Prozent des wissenschaftlichen Personals an Hochschulen unter 45 Jahren sind befristet beschäftigt

Einen der denkwürdigsten Momente ihrer Amtszeit produzierte die ehemalige Bundesbildungsministerin Anja Karliczek im vergangenen Juni während einer aktuellen Stunde im Bundestag zu den Beschäftigungsverhältnissen in der Wissenschaft. Der Kritik daran, dass die 2016 mit der Novellierung des Wissenschaftszeitvertragsgesetzes (WissZeitVG) beschlossene Evaluation desselben noch immer nicht erfolgt sei, begegnete die CDU-Politikerin mit der Aussage: »Sie können eine Evaluation nicht vornehmen, wenn an Hochschulen im Moment gar nichts stattfindet.« Offenbar ging die Ministerin davon aus, dass die zumeist auf befristeten Verträgen sitzenden Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler während der Pandemie nicht etwa mit der Umstellung auf Onlinelehre und Forschung im Homeoffice beschäftigt waren, sondern in den bezahlten Urlaub gingen. Vergleichbare Fehltritte sind von Karliczeks Nachfolgerin, Bettina Stark-Watzinger (FDP), nicht überliefert. Allerdings hat sie sich zu den seit der »#IchbinHanna«-Bewegung vermehrt in der öffentlichen Kritik stehenden wissenschaftlichen Arbeitsbedingungen bisher nicht eingehend geäußert.

Dieser Linie blieb sie am 20. Mai treu, als sie die Ergebnisse jener noch von der Vorgängerregierung beauftragten Evaluation vorstellen musste. Für eine Beschönigung des Status quo boten sie wenig Spielraum. Weder bei den Vertragslaufzeiten noch bei der Befristungsquote sind nennenswerte Verbesserungen zu verzeichnen. Die durchschnittliche Laufzeit der 2020 an Universitäten abgeschlossenen Verträge lag bei 17,6 Monaten; mehr als 42 Prozent liefen kürzer als ein Jahr. Laut Evaluationsbericht sind 81 Prozent des hauptberuflichen wissenschaftlichen Personals an Hochschulen unterhalb der Professur befristet beschäftigt, so viele wie im Jahr 2010. Eine seit einem Jahrzehnt stabil hohe Befristungsquote von 92 Prozent des wissenschaftlichen Personals unter 45 Jahren konstatierte auch der »Bundesbericht Wissenschaftlicher Nachwuchs 2021«. Zum Vergleich: 2019 lag die Befristungsquote aller Beschäftigten ab 25 Jahren in Deutschland bei 7,4 Prozent.

Das WissZeitVG gesteht der Wissenschaft ein weit über die normalen Befristungsmöglichkeiten hinausgehendes Sonderbefristungsrecht zu, das international einzigartig ist. Für diejenigen, die es nicht innerhalb der Höchstbefristungsdauer von zwölf Jahren auf eine der seltenen Professuren oder Dauerstellen schaffen, bedeutet es zudem faktisch ein bundesweites »Berufsverbot«. Etwa 270.000 ganz überwiegend befristeten und großer Fluktuation unterworfenen wissenschaftlichen Mitarbeiterstellen stehen derzeit ca. 36.000 Professuren gegenüber, von denen jährlich jedoch nur ein geringer Teil neu besetzt wird. Die Ministerin kam vor diesem Hintergrund nicht umhin, zu erklären, dass die Zahl der unbefristeten Arbeitsverhältnisse unter den promovierten Wissenschaftlern zunehmen müsse. Das WissZeitVG sei »eine Möglichkeit der Befristung, keine Verpflichtung zur Befristung«, schob sie in seit Jahren bewährter Verantwortungsdelegation den schwarzen Peter an die Hochschulen.

Dabei hatten diese zum Beispiel im Zuge des neuen Berliner Hochschulgesetzes gezeigt, dass sie von der Möglichkeit zur Entfristung nicht einmal unter gesetzgeberischem Druck Gebrauch zu machen gedenken. Für den 27. Juni kündigte Stark-Watzinger eine Konferenz an, auf der »mit allen Stakeholdern« über die Evaluationsergebnisse diskutiert werden solle – ein Prozess, der schließlich noch innerhalb der ersten Hälfte der Legislaturperiode in ein Reformgesetz münden solle, zu dem das Ministerium allerdings noch keine Ideen präsentieren wollte.

Dass es ihm an Konzepten und Expertise nicht mangelt, zeigte in einer anschließenden Pressekonferenz einmal mehr das »Netzwerk für gute Arbeit in der Wissenschaft«. Gemeinsam mit der Gewerkschaft Verdi stellte es eine eigene repräsentative Studie zur Evaluation des WissZeitVG vor, die deutlich breiter angelegt war als die vom Ministerium in Auftrag gegebene. So wird darin unter anderem erhoben, dass es sich bei mehr als einem Drittel der Arbeitsverträge an Universitäten um Teilzeitverträge handelt. Die wurden in mehr als der Hälfte der Fälle von den Beschäftigten so nicht gewünscht. Und in der Regel gehen sie einher mit noch mehr unbezahlten Überstunden als bei Vollzeitkräften. Von denen wiederum geben standortübergreifend 63 Prozent an, wöchentlich beträchtliche Mehrarbeit zu leisten.

Dazu gehören für viele auch nicht vertragsgemäße Tätigkeiten für die Vorgesetzten, die nur aufgrund des beruflichen Abhängigkeitsverhältnisses übernommen werden. All das führt – entgegen der von den Hochschulleitungen und Teilen der Professorenschaft propagierten Erzählung, wonach Befristung die Voraussetzung für Innovation, Leistung und Qualität sei – vielfach gerade nicht zur Erreichung jener Qualifikationsziele. Die dienen jedoch als Begründung für die Kettenbefristungen. Obwohl sich die Zahl der befristet Beschäftigten seit den 1990er Jahren verdoppelte, blieb die Anzahl der Promotionen und Habilitationen nahezu gleich.

Dies passt zu dem Befund der Studie, dass die gegenwärtige Befristungspraxis und die damit verbundene Unsicherheit der Lebensplanung in den Augen der Betroffenen Forschungsgeist, Kritikbereitschaft ebenso wie Produktivität hemmt – und obendrein unglücklich macht. Aus Sicht von mehr als 90 Prozent der Befragten lassen sich die Befristungen nach der Promotion schlecht mit Freundschaften, Partnerschaft und Kinderbetreuung vereinbaren und haben einen negativen Einfluss auf das Privatleben.

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  • Leserbrief von Onlineabonnent/in Sabine B. aus Hamburg (31. Mai 2022 um 11:49 Uhr)
    Es ist sehr bedauerlich, wie das Potential der wissenschaftlichen Angestellten und Forschenden an den Hochschulen durch die derzeitige Praxis der befristeten Anstellungen teilweise verschwendet wird. Sehr empfehlen zum Thema möchte ich diese Sendung https://www.zdf.de/show/mai-think-x-die-show/maithink-x-folge-11-100.html (Die Verstopfung der Wissenschaft)

Dieser Artikel gehört zu folgenden Dossiers:

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