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Aus: Ausgabe vom 24.05.2022, Seite 11 / Feuilleton
Theater

Das Kapital kopuliert

So war das Berliner Theatertreffen
Von Michael Wolf
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Wo steckt Thomas Piketty? (»Der Tartuffe oder Kapital und Ideologie«, Ensemblefoto)

Der Begriff Regietheater, früher ein Schimpfwort, meint im rein deskriptiven Sinne ein Verfahren, literarische Stoffe durch eine Art Folie hindurch zu betrachten. Ein Klassiker wird inszeniert, aber eben nicht als er selbst, sondern als sein gegenwärtiges Pendant. Die Leistung der Regie ist die eines Transfers, der Stoff wird überführt in unsere Zeit, auf dass er zu uns spreche und nicht nur aus der Ferne der Geschichte Unverständliches raune. Das Konzept ist so erfolgreich, dass es längst auch Theaterautoren selbst adaptiert haben: Man nennt es Neudichtung oder Überschreibung, wenn Dramatiker einen kanonischen Stoff in die Gegenwart versetzen.

Beide – Regietheater und literarische Überschreibung – bekam man zum Abschluss des Berliner Theatertreffens zu hören und sehen, mit der aus Dresden eingeladenen Produktion »Der Tartuffe oder Kapital und Ideologie«. Dem Abend liegt Molières Klassiker zugrunde, eine satirische Komödie über religiöse Heuchelei. Die Titelfigur, der vermeintlich fromme Tartuffe, manipuliert den ihm hörigen Hausvorstand Orgon und bringt ihn dazu, ihm sein ganzes Vermögen zu überschreiben.

Die Dresdener Neufassung stammt von dem Dramaturgen Christian Tschirner (hier unter seinem Pseudonym Soeren Voima), Regie führte Volker Lösch. In ihren Mitteln ähnelt ihre Version des »Tartuffe« fast schon exemplarisch dem Regietheater, sofern man es als Schimpfwort versteht: Es wird viel kopuliert, jedes Begehr wird sexualisiert, sie sabbern hier ihren Träumen hinterher. Laut und grell geht es schon beim Einlass zu. Da brüllt Jannik Hinsch als Orgon wild herum, klagt, jammert, windet sich auf der Bühne, um bald darauf von seinem alten Studienfreund Tartuffe den Kopf zurechtgerückt zu bekommen: »Think positive!« belehrt ihn dieser, schwört ihn auf eine neue Denkweise ein. Tartuffe, der zweitberühmteste Verführer des dramatischen Kanons nach Mephisto, ist hier der personifizierte Neoliberalismus. Das Begehren nach einem guten Leben im christlichen Sinne wird als Gier nach Reichtum in die sehr deutsche Gegenwart übersetzt.

Das Stück erzählt die letzten 40 Jahre der Bundesrepublik, das Haus Orgon steht für den Wohlstand des Landes, der von windigen Ökonomen gestohlen und immer weiter konzentriert wird, bis die berühmte Schere zwischen Arm und Reich in grotesker Weise gespreizt ist. Zunächst wohnt noch eine Gruppe Hippies in einer Art Kommune darin, doch Orgon, ein trotteliger Sozialdemokrat, wird von seiner Mutter getriezt, endlich Miete zu verlangen. Nun geht es eilig durch die Jahrzehnte – Kohl wird Kanzler, die Mauer fällt, der Neue Markt bricht zusammen, Gerhard Schröder ruft die Agenda 2010 aus, die Immobilienblase platzt, Lehren werden aus all dem nicht gezogen. Die einstigen Kommunarden fallen nach und nach von ihren Idealen ab, lassen sich Kredite aufschwatzen, nehmen Jobs als Essenslieferanten an oder verkaufen sich in Reality-TV-Formaten.

Der Kern des Klassikers bleibt somit gewahrt, die Figuren werden verführt, fallen herein auf eine Ideologie, die das schnelle Geld verspricht und verschweigt, dass es nicht die vielen sind, die gewinnen, sondern immer nur wenige. Lösch illustriert Wirtschaftsgeschichte, doch er will mehr: Am Schluss, Tartuffe verschwindet wundersam in seinem goldenen Aufzug, hält das Ensemble eine Art Vortrag, es referiert die wichtigsten Thesen des französischen Ökonomen Thomas Piketty, der sich mit seinen Bestsellern für eine faire Vermögensverteilung einsetzt. Die Aufführung endet mit einem Aufruf, die Sache anzupacken und endlich für Gerechtigkeit zu sorgen.

Es war nicht die einzige Arbeit im Tableau des diesjährigen Berliner Theatertreffens, die von Geld beziehungsweise von seinem Fehlen handelte. »Ein Mann seiner Klasse«, die Hannoveraner Adaption des Buches von Christian Baron, berichtet von einer Kindheit in einem von Armut und Gewalt geprägten Elternhaus. Doch obwohl die Grausamkeit der Verhältnisse hier ungleich drastischer ausgeleuchtet wurde, fiel der Abend vor allem durch seine intime Spielweise auf, durch die Konzentration auf Text und Spiel. Greller und lauter ging es in »Like Lovers Do« von Sivan Ben Yishai (Münchner Kammerspiele; Regie: Pinar Karabulut) zu, ein Abend, der sich an Mythen und Geschlechterkampf abarbeitete, an Machtverhältnissen und sexualisierter Gewalt. Robust feministisch auch der Zugriff Ewelina Marciniaks auf Friedrich Schillers »Die Jungfrau von Orleans«. Die Regisseurin versuchte die französische Nationalheldin von all den Zuschreibungen zu befreien, mit denen Männer über Jahrhunderte hinweg das Bild von ihr prägten.

Weniger politisch, doch theatral innovativ war der Beitrag von Helgard Haug von der Gruppe Rimini Protokoll, ein Bühnenessay über das Verschwinden. Haug erzählte parallel von der Suche nach dem 2014 verschollenen Flugzeug MH370 und der Demenzerkrankung ihres Vaters. Derweil tupfte der Japaner Toshiki Okada mit der Arbeit »Doughnuts« (Thalia Theater, Hamburg) ein dezent schillerndes Setting auf die Bühne: Eine Gruppe Wissenschaftler sitzt in der Lobby ihres Hotels fest. Ein dichter Nebel verhindert ihre Abreise zu einer Konferenz. Die weiße Wand vor den Fenstern steht für eine Welt, in der kaum noch Vorhersagen möglich sind, in der die Zukunft unbestimmt und bedrohlich ist, die Ratlosigkeit in der Lobby für die Lähmung angesichts der Gefahr.

Es waren eher diese Arbeiten, die man nach dem Berliner Theatertreffen als »bemerkenswert« bezeichnen möchte, um das Kriterium der reisenden Jury zu bemühen. Während die explizit politischen Arbeiten mal mehr oder weniger Gefahr liefen, sich der literaturhistorischen Betrachtung, der Streitschrift oder der ökonomischen Analyse zu nähern, wagten Haug und Okada etwas Neues. Sie gaben etwas Unerwartetes zu sehen und blieben damit auf gewisse Weise dem Theater treu – als Kunst, die versucht, etwas auszudrücken, das in anderen Medien nicht realisierbar ist.

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