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Aus: Ausgabe vom 24.05.2022, Seite 2 / Inland
Niedergang der Linkspartei

Mehr Sozialismus bitte

Studie sieht Linke-Wählerpotential bei 18 Prozent. Wissler will wieder antreten
Von Nico Popp
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Janine Wissler bei ihrer Rede am Samstag in Hannover

Die Rosa-Luxemburg-Stiftung gibt sich Mühe, die Stimmung im Berliner Karl-Liebknecht-Haus aufzuhellen. Sie hat in einer Studie, deren Ergebnisse am Montag veröffentlicht wurden, herausgefunden, dass sich 18 Prozent der Wahlberechtigten in der Bundesrepublik vorstellen können, die Linkspartei zu wählen. Das – derzeit nicht annähernd ausgeschöpfte – Wählerpotential würde damit bei etwa 10,8 Millionen Stimmen liegen.

Das Potential sei, heißt es in der Studie, nicht auf urbane Räume beschränkt, sondern finde sich besonders auch in kleineren Orten mit 5.000 bis 20.000 Einwohnern. Das größte Potential habe die Linke bei Haushalten mit niedrigem Einkommen bis 1.500 Euro monatlich (22 Prozent) beziehungsweise bis 2.500 Euro (24 Prozent). Von Interesse für die innerparteiliche Debatte dürfte sein, dass sich lediglich acht Prozent der potentiellen Linke-Wähler dafür aussprechen, der Klimapolitik den Vorrang vor anderen Fragen einzuräumen, während es 24 Prozent befürworten würden, wenn die Partei sich in erster Linie auf »soziale Reformen« konzentriert. Ein Eintreten für »mehr Sozialismus« würden demnach 54 Prozent der potentiellen Wähler begrüßen.

Unterdessen hat die noch verbliebene Kovorsitzende Janine Wissler am Wochenende bekanntgegeben, sich bei dem Bundesparteitag im Juni erneut für das Amt bewerben zu wollen. Die Lage der Partei sei »ernst, aber nicht aussichtslos«, sagte sie am Sonnabend beim niedersächsischen Landesparteitag in Hannover.

Auch in Thüringen fand am Sonnabend ein Landesparteitag statt. Dort bewies Staatskanzleichef Benjamin-Immanuel Hoff, der eine Kandidatur für den Parteivorsitz vorbereitet, einmal mehr, wie beflissen er Vorgaben des hegemonialen liberalen Diskurses übernimmt. Er dozierte in einem Änderungsantrag zu einem Antrag der Kommunistischen Plattform (KPF), der russische Angriff auf die Ukraine diene »allein dem Ziel«, eine »Korrektur der geschichtlichen Ereignisse der Jahre 1990 bis 1992 vorzunehmen«. Die Ukraine solle »heim ins russische Reich geholt werden«. Zur NATO-Osterweiterung hatte Hoff auch eine »linke« Einsicht parat: Da sei zu »konstatieren«, dass die »nicht gegen den Willen der osteuropäischen Länder erfolgte, sondern mit der Zustimmung ihrer Regierungen«. Abgestimmt wurde darüber nicht, da die KPF ihren Antrag zurückzog.

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  • Leserbrief von Wolfgang Seibt aus Wettenberg (25. Mai 2022 um 10:26 Uhr)
    Linke-Wählerpotential bei 18 Prozent? Ich würde etwas höher gehen. Denn die Zeiten sind sehr günstig. Da gibt es allerdings ein dickes Problem. Es liegt hier eine Partei scheinbar in ihren letzten Zügen, die sich immer noch vollmundig Die Linke nennt. Was man aber von denen hört, sind nur Berichte über den internen Klassenkampf zwischen den Flügeln und man gräbt sich weiter unverdrossen an die SPD heran, um die bei jeder
    sozialen Übeltat zu unterstützen. Da hat wohl fast eine ganze Partei den alten olympischen Spruch »Dabeisein ist alles« völlig missverstanden. Mehr Sozialismus bitte. Aber dazu ist die Partei Die Linke nicht mehr fähig.
  • Leserbrief von Armin Christ aus Löwenberger Land (24. Mai 2022 um 05:39 Uhr)
    Langsam sollte sich die Erkenntnis durchsetzen, dass mit solchen Leuten wie Benjamin Hoff keine linke Politik möglich ist. Das einzige Bestreben dieser Leute ist eine Regierungsbeteiligung und dafür opfern sie alles an Einsichten und Überzeugungen. Tucholsky meinte schon im Hinblick auf die SPD in den 1920 Jahren: Sie denken, sie seinen an der Macht, dabei sind sie nur an der Regierung.
  • Leserbrief von Joán Ujházy (23. Mai 2022 um 22:04 Uhr)
    Hoff ist die Garantie für die HOFFnungslosigkeit der Linkspartei. Wird also Hoff Vorsitzender, so sollten wir alle weiteren HOFFnungen fahren lassen, dass die Linkspartei zu ihren Wurzeln zurückfinden könnte. Vielleicht findet sich dann jemand, der ihm die Blumen vor die Füße wirft.

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