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Aus: Ausgabe vom 24.05.2022, Seite 1 / Titel
Soziale Ungleichheit

Nobel geht die Welt zugrunde

Weltwirtschaftsforum in Davos: Milliardäre profitieren von Krieg und Krise. Erstmals mehr als 100 Millionen Flüchtlinge. Berlin verschärft Armutskurs
Von Raphaël Schmeller
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Ferrari vs. Fortschritt: Proteste gegen das Weltwirtschaftsforum am Freitag in Zürich

Sie wird immer größer: die Kluft zwischen Arm und Reich. Während Konzerne und Milliardäre seit Beginn der Coronapandemie Rekordgewinn um Rekordgewinn verbuchen, könnten allein in diesem Jahr mehr als eine Viertelmilliarde Menschen zusätzlich verarmen. Zu diesem Ergebnis kommt die Organisation Oxfam in ihrem Bericht zu den Profiteuren der globalen Krisen, den sie zu Beginn der Jahrestagung des Weltwirtschaftsforums in Davos am Montag vorgestellt hat.

Laut Oxfam haben vor allem Pandemie, Klimakrise und auch die wegen des Ukraine-Kriegs steigenden Preise für Energie und Lebensmittel die Situation verschärft. So habe es im März den größten Sprung der Lebensmittelkosten seit Beginn der ­Aufzeichnungen der Vereinten Nationen im Jahr 1990 gegeben. Rund 260 Millionen Menschen könnten 2022 deshalb in die extreme Armut stürzen. Auch die Ungleichheit zwischen Staaten verschärft sich. Mehr als jedes zweite »einkommensschwache« Land könne seine Schulden bald nicht mehr zurückzahlen, so der Bericht. Eine der Folgen dieser Krisen: Die weltweite Zahl der Vertriebenen ist erstmals auf mehr als 100 Millionen angestiegen, berichtete das UN-Flüchtlingshilfswerk am Montag. »Es ist ein Rekord, den es niemals hätte geben dürfen«, sagte der UN-Hochkommissar für Flüchtlinge, Filippo Grandi.

Im Lager der Besitzenden könnte die Stimmung dagegen nicht besser sein: Seit 2020 ist die Zahl der Milliardäre um mehr als 570 auf 2.668 gewachsen. Zusammen verfügen sie über ein Vermögen von 12,7 Billionen US-Dollar, was 13,9 Prozent der weltweiten Wirtschaftsleistung entspricht. Besonders lukrativ erweist sich in letzter Zeit das Pharmageschäft. Hier machen Konzerne mit Impfstoffen einen Gewinn von über 1.000 US-Dollar pro Sekunde, so die Oxfam-Untersuchung.

Wie dieser Kapitalismus nun trotzdem als alternativlos dargestellt werden kann, werden einflussreiche Vertreter des Spitzenpersonals aus Wirtschaft, Politik und Finanzwelt bis Donnerstag in den Schweizer Alpen besprechen. Die Auftaktrede zum Treffen durfte am Montag der als Kriegsheld gefeierte ukrainische Präsident Wolodimir Selenskij halten, der digital zugeschaltet wurde. Selenskij forderte »maximal wirksame Sanktionen« gegen Moskau, wie etwa ein Embargo für russische Energieträger.

Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck (Bündnis 90/Die Grünen) warnte in einer Diskussionsrunde vor einer drohenden »Rezession«. Diese hätte gravierende Auswirkungen nicht nur auf den Klimaschutz, sondern auf die »globale Stabilität« insgesamt. Dass Habeck es mit seiner Warnung ernst meint, darf bezweifelt werden. Denn für Elitenforscher Michael Hartmann trägt die Politik der Bundesregierung »gleich in doppelter Weise zu einer weiteren sozialen Spaltung der Bevölkerung und zur Verstärkung der Armut hierzulande bei«, wie er am Montag gegenüber jW erklärte. Zum einen sorge die energiepolitische Kehrtwende, vor allem der Wechsel beim Gas, zu einer dramatischen Erhöhung der Energiekosten, die vor allem die niedrigen und mittleren Einkommen treffe. Zum anderen werde der drastisch angehobene Rüstungshaushalt über kurz oder lang dazu führen, dass an anderer Stelle »gravierende Einsparungen« vorgenommen würden. »Das dürfte wie schon nach der Finanzkrise in erster Linie die Bereiche betreffen, die für die breite Bevölkerung am wichtigsten sind, Soziales und Bildung«, prognostizierte Hartmann.

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  • Leserbrief von Joachim Seider aus Berlin (24. Mai 2022 um 08:28 Uhr)
    Über 100 Millionen Flüchtlinge weltweit hat das UN-Flüchtlingshilfswerk gezählt. Jeder von ihnen ein schreckliches Schicksal zu viel. Über die sechs Millionen Vertriebenen aus der Ukraine werden wir von den Mainstreammedien täglich und gut informiert. Warum aber wissen wir so wenig von den anderen 94 Millionen, deren Leiden denselben Medien fast nie eine Zeile wert sind? Welche Absicht steckt dahinter, uns taub und blind gegenüber den Nöten der Vielen zu machen? Auch sie sind schließlich Opfer der Unmenschlichkeit gesellschaftlicher Verhältnisse, die es Tag für Tag anzuklagen gilt. Mit ähnlich starken Worten und Bildern, wie sie im Falle der Ukraine anscheinend mühelos zu finden sind.

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