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Aus: Ausgabe vom 24.05.2022, Seite 10 / Feuilleton
Literatur

Hör mal, wer da spricht!

»Wie ein Münzautomat«: Mesut Bayraktars zweiter Roman »Wunsch der Verwüstlichen«
Von Ken Merten
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Wo die Stilblüten blühen

»Hör mal, wer da spricht!« spielen Literaturredaktionen und Lesezirkel längst vor der Diskussion um identitätspolitische Ästhetiken. Schon William Faulkners Roman »As I Lay Dying« (»Als ich im Sterben lag«, 1930) ließ die Frage zu, ob die US-amerikanischen Landprolls, die da in inneren Monologen zu Wort kommen, wegen ihrer klassenmäßigen Tumbheit im Kopf überhaupt in der Lage sind, so (wenn auch grobschlächtig) sensibel, so (wenn auch tapsig) weltdeutend zu denken.

Wem Faulkners Roman zu weit weg ist und zu wenig sagt (selbst die Metalband As I Lay Dying aus Kalifornien hat in völliger Unkenntnis des Romans den Namen einfach noch mal erfunden), mag sich vielleicht genauso wenig an die Feuilletondebatte um Philipp Winklers Debütroman »Hool« (2016) erinnern. Aber es gab sie, wenn auch nur kurz, angeregt durch Winklers Ich-Erzähler, der als Turnhosenträger nicht nur andere Hooligan-Firmen verdrischt, die Geschäfte seines Onkels abwickelt und seine Exfreundin stalkt, sondern etwas darüber zu sagen hat, wie sich Laternenlicht in einer Straßenpfütze bricht. Wie kann ein Mann seiner Klasse nur?

Mesut Bayraktar versucht mit seinem Roman »Wunsch der Verwüstlichen« nun ebenso literarisch aus dem Klassenzwang auszubrechen. Bayraktar bedient sich dabei (anders als etwa Winkler, der sich nie an einer Raststätte zum Dreschen verabredet hat) viel am biographischen Erfahrungsschatz: Wie seine beiden Hauptfiguren Can und Karl kommt er aus einer Arbeiterfamilie mit migrantischen Wurzeln – wie Karl studierte er Jura. Dem Versuch, den Alltagssprech der Hauptfiguren aufzuschreiben, um sie zu authentifizieren, widersteht er. Bayraktar versucht Literaturdeutsch. Modische Rollenprosa weiträumig umfahrend, schafft er dabei sichtlich unbewusst eine eigene Rollenprosa: »Der Todestag wurde am Tag ihrer Bestattung auf den Grabstein gestempelt, damit ihr Sterben den Anstrich eines offiziellen Siegels erhielt«, heißt es zu Beginn, als die Mutter der Brüder beerdigt wird und sie sich zu diesem Anlass nach 13 Jahren wiedersehen. Stempeln, anstreichen, siegeln – hier wird sprachlich hochgestapelt. Andernorts sind die Sätze Nullsummen: »Denn sie sind schwach, weil sie leiden müssen«, sagt eine ukrainische Schauspielerin, die die beiden Brüder auf ihrer Reise durch Italien, der letzte Wunsch der Mutter, begleitet und den Wettstreit der beiden Männer anfacht. Denn die teilen zwar die Herkunft, doch während Karl studierte und entschieden nicht wurde, was sein Vater war, sah Can nie eine Uni von innen und schlug sich mit Gelegenheitsjobs und zwielichtigen Geschäften durch.

Irgendwo im Hintergrund kocht der Ukraine-Krieg, laut Ich-Erzähler Karl »zwischen westeuropäischen, amerikanischen Waffen und russischen Waffen, getragen von armen Ukrainern auf der einen und armen ­Ukrainern auf der anderen Seite«.

Auf den Zwischenstopps wird viel gezankt, getrunken, getanzt, geschäkert, werden Kunst und Kultur inspiziert. Und alle übertreffen sich in einer Sprache, die wie Literatur tut. Auch wenn ungewollt, aber an einer Stelle legt Bayraktar diese Poetik frei, als Nastasja meint: »Die Bühne ist mein Hafen in der Welt«, sagt Karl, sie spucke solche Sätze aus »wie ein Münzautomat«. Doch auch er kommt seiner Rolle als Arbeiterkind nach und drischt Phrasen am Fließband: »Ich fuhr zum Friedhof, zu Mutter und Vater. Wie die Verstorbenen schlief auch der Tod zwischen ihnen. Ein Friedhof ist das Schlafzimmer des Todes, dort liegt eine Matratze, worauf der Meister unzähliger Henker sich nach müheloser Arbeit bettet. Die Gräber sind seine Siege, die Grabsteine seine Trophäen.«

Auf seine Weise antwortet »Wunsch der Verwüstlichen« im Vergleich zu »Als ich im Sterben lag« und »Hool« gegenteilig: Es blühen Stilblüten, wenn die tief Geborenen ihr natürliches Sprachhabitat verlassen; sie reden wie Automaten. Auch das Einweben flach schürfender essayistischer Partien über Architektur und den Schambegriff helfen ganz und gar nicht darüber hinweg, dass »Wunsch der Verwüstlichen« vor Herausgabe auf Kitsch, Klischee und zu oft schon gelesene Road-Novel-Konstruktionen hätte abgeklopft werden müssen. Die Fehler des Verlagskorrektorats kommen noch hinzu.

Mesut Bayraktar: Wunsch der Verwüstlichen. Autumnus-Verlag, Berlin 2021, 243 Seiten, 18,95 Euro

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