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Aus: Ausgabe vom 20.05.2022, Seite 11 / Feuilleton
Folk

Alles nicht so schlimm

Entspannt schrammeln: Kurt Viles neues Album »(watch my moves)«
Von Hannes Klug
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Flipper im Kopf: Kurt Vile unter Strom (2019)

Wer je mit Migräne zu kämpfen hatte, weiß, wie lähmend solche Anfälle sein können: »Like Exploding Stones« – wie explodierende Steine im Kopf, so beschreibt Kurt Vile die Symptome in dem gleichnamigen Song, dem vierten und trotz seiner sieben Minuten Länge zur Single auserkorenen auf seinem neuen Album »(watch my moves)«. Doch geht es ihm bei diesem martialischen Vergleich nicht nur um körperliches Unbehagen, sondern auch um psychisches: »Thoughts runnin’ round in my cranium like pinball machine-a-mania« – der Schädel als Flipperautomat, in dem die Gedanken hin und her schießen wie die silbernen Metallkugeln der Spielgeräte. So sieht es also aus im Hirn des inzwischen 42jährigen Sängers aus Philadelphia, der uns solche drastischen Innenansichten in aller Beiläufigkeit serviert.

Bei Viles hingenuschelten Zeilen assoziativer Alltagslyrik hat man immer das tröstliche Gefühl, alles sei irgendwie nicht so wichtig, halb so schlimm oder, wer weiß, vielleicht auch einfach egal. Die Flippergedanken werden zu Bildern, und die Bilder, erklärt er, wachsen sich zu ganzen Filmen aus: »Welcome to the KV drive-in horror movie marathon«, begrüßt er die Besucher seines gedanklichen Gruselkabinetts. Das Ganze hört sich aber so unbeschwert an, dass man sich von ruhig dahinplätschernden Akkorden, kleinen persönlichen Beobachtungen und Selbstgesprächen auch völlig teilnahmslos davontragen lassen kann. Und so ausgefeilt das Album produziert sein mag – alles klingt immer ein bisschen nach Demoversion. Als wäre Kurt Vile – schlaksig, lange Haare, aufgeknöpftes Karohemd – aus der Zeit gefallen. Man weiß nur nicht genau, aus welcher.

Wie er in seinen Songs vorwärts stolpert, klingt das manchmal ein wenig nach Lou Reed und manchmal ein wenig nach Neil Young, den er verehrt und dem er auch textlich huldigt. Vile wirkt immer ein bisschen verpeilt, so als erinnerte er sich nicht mehr, warum er gerade ins Zimmer gekommen ist. Ist ja vielleicht auch nicht so wichtig. Diese Art Souveränität ist um so bemerkenswerter, als der Singer-Songwriter mit seinem inzwischen neunten Album den ersten Major-Deal unterzeichnet hat – gelandet ist er bei dem legendären (Jazz-)Label Verve, Heimat von Ella Fitzgerald, Billie Holiday oder Velvet Underground. Weshalb die Musik, die Sounds aber nicht weniger selbstgemacht klingen, eher so, als gäbe er sich absichtlich keine Mühe, die Indie-Ecke hinter sich zu lassen. Möglichen Erwartungsdruck kontert er durch charmantes Unterbieten.

»Write about what you see around you / Children and flowers / And days for hours / Songs for miles«, beschreibt er sein denkbar einfaches ästhetisches Konzept in »Chazzy Don’t Mind« – aber natürlich ist der Naivität, die da scheinbar am Werk ist und die er hier zum Programm erhebt, nicht zu trauen. »Chazzy«, das ist die Band Chastity Belt, die ihn bei diesem Song unterstützt. Hier geht es dann allerdings auch nicht härter zu, eher im Gegenteil. Und so kommt es, dass »(watch my moves)« mit seinen 15 Stücken insgesamt über 73 Minuten dauert. Hat eben einfach zu viele Songs geschrieben, der Kurt, schrammelt sich gemächlich vorwärts und biegt kurz vor dem Ziel auch mal spontan in eine andere Richtung ab. So wird es aber eben auch nie langweilig, auch wenn Vile musikalische Höhepunkte meidet wie jeder anständige Slacker einen festen Job.

»Been gone but now I’m way gone«, singt er auf »Mount Airy Hill (Way Gone)«, das mit seinem Synthesizer-Einstieg beinahe Dream-Pop-Qualitäten an den Tag legt. Träume liegen auf diesem Album nahe an der Wirklichkeit, doch statt im Breitwandformat kommen sie eher als verwackelte Schnappschüsse daher. Zwischendurch ruft Jesus an – er hatte einen Nervenzusammenbruch: »Jesus on the phone, talkin’ ’bout a nervous breakdown / Even he don’t know how to bail us outta this one«, heißt es in »Jesus on a Wire«. Inzwischen weiß auch der Messias keinen Rat mehr. Hauptsache, Kurt Vile bleibt locker, während der Saxophonist James Stewart, einer von zahllosen Musikern des Sun Ra Arkestra, das in Kurt Vile einen treuen Fan hat, sich im Video zu »Like Exploding Stones« auf eine Rollschuhbahn verirrt hat. Deren Besucherinnen drehen Pirouetten, schwenken die Arme, Lichter funkeln. Was das alles miteinander zu tun hat? Keine Ahnung. Ist aber auch egal.

Kurt Vile: »(watch my moves)« (Verve/Virgin)

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