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Aus: Ausgabe vom 18.05.2022, Seite 5 / Inland
Studienfinanzierung

Dasein als Überlebenskampf

Studie: Über 30 Prozent der Studierenden in Deutschland sind arm. Sozialverband fordert »deutliche Nachbesserungen« beim BAföG
Von Ralf Wurzbacher
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»Sparpaket« unerwünscht: Studierende protestieren gegen Kürzungen an der Universität Halle (6.4.2022)

Rund ein Drittel aller Studierenden in Deutschland lebt in Armut. Das ist das Ergebnis einer am Dienstag vom Paritätischen Wohlfahrtsverband veröffentlichen Studie. Weil die Auswertung das Jahr 2020 betrifft und dabei auf das Einkommensjahr 2019 abhebt, dürften es inzwischen noch mehr sein. Die ohnehin schon »dramatischen Befunde« spiegelten nicht die »drastischen Einschnitte« wider, die mit Beginn und während der Coronakrise eingetreten seien, befanden die Autoren. Deshalb bestehe »sogar noch das Risiko einer Untererfassung«.

Aber auch ohne Berücksichtigung des Pandemieffekts sind die Studienergebnisse alarmierend. Sie basieren auf der Auswertung von Daten des Sozio-oekonomischen Panels (SOEP), einer repräsentativen Wiederholungsbefragung von Privathaushalten in Deutschland, an der rund 14.000 Haushalte und 30.000 Personen teilnehmen. Während die so ermittelte Armutsquote in der Gesamtbevölkerung für das Jahr 2020 mit 16,8 Prozent beziffert ist, lag der Wert bei Studierenden mit 30,3 Prozent fast doppelt so hoch.

Die »Neuigkeit«, die eigentlich keine ist, ereilt die Bundesregierung zur Unzeit. Am heutigen Mittwoch berät der Bundestagsausschuss für Bildung die Gesetzesvorlage von FDP-Ministerin Bettina Stark-Watzinger (FDP) zur 27. Novelle des Bundesausbildungsförderungsgesetzes (BAföG). Sie sieht zwar eine kräftige Erhöhung der Elternfreibeträge um 20 Prozent zum kommenden Wintersemester 2022/23 vor. Allerdings sollen die Regelsätze lediglich um fünf Prozent steigen, wofür die Ampelregierung bereits heftige Kritik von Studierendenverbänden und Gewerkschaften hat einstecken müssen. Gerade wegen der infolge des ­Ukraine-Kriegs immens gestiegenen Lebenshaltungskosten falle der Zuschlag viel zu gering aus.

Nötig seien »deutliche Nachbesserungen«, bekräftigte Ulrich Schneider, Hauptgeschäftsführer des Paritätischen Gesamtverbands, in einer Medienmitteilung vom Dienstag. Es brauche »eine bedarfsgerechte Anhebung der Leistungshöhe sowie eine automatische und regelmäßige Fortschreibung der Bedarfssätze«. Das Versprechen von Fortschritt, Chancengleichheit und gleichen Möglichkeiten für alle junge Menschen sei nicht viel wert, »wenn es nicht gelingt, Studierende wirksam vor Armut zu schützen und ihnen den Rücken für eine Ausbildung frei von existenzieller Not zu stärken«, befand Schneider.

Nimmt man die Ergebnisse der Studie, dann hat das Dasein einer beträchtlichen Zahl der knapp 2,9 Millionen Studierenden in Deutschland etwas von »Überlebenskampf«. Demnach belief sich deren Medianeinkommen vor zwei Jahren auf 802 Euro monatlich. Besonders prekär ist die Situation von Studierenden, die alleine wohnen. Von ihnen waren 2020 fast 79,2 Prozent von Armut betroffen. Die Hälfte hatte weniger als 825 Euro im Monat zur Verfügung, 25 Prozent sogar weniger als 600 Euro. Damit hätten 40 Prozent der alleinstehenden Studierenden ein Leben »unterhalb des soziokulturellen Existenzminimums« geführt.

Bemerkenswert auch: Knapp 45 Prozent der »Studierenden mit BAföG sind arm«, konstatierten die Forscher. Auf jene ohne öffentliche Hilfen trifft das »nur« zu 28,9 Prozent zu. Dabei erhalten heute gerade noch elf Prozent aller Studierenden staatliche Unterstützung. Für Nicole Gohlke, bildungspolitische Sprecherin der Bundestagsfraktion Die Linke, sind die Befunde »ein Armutszeugnis für die deutsche Politik«. Um so unerklärlicher sei es, dass Stark-Watzigner mit ihrem »halbherzigen Entwurf (…) diese Schieflage nicht ausreichend angeht«, monierte sie am Dienstag in einer Presseerklärung.

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