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Aus: Ausgabe vom 16.05.2022, Seite 15 / Politisches Buch
Marxistische Debatte

Hinter dem Horizont

Plan und Markt: Helmut Dunkhases wichtige Streitschrift gegen »marktsozialistische« Konzeptionen
Von Jürgen Lloyd
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Verkäuferin und Kundschaft im Konsum von Schenkenberg (25.8.1981)

Unter dem Titel »Plädoyer für Planwirtschaft« hat Helmut Dunkhase beim Kölner Papyrossa-Verlag eine 130seitige Streitschrift veröffentlicht. In der Tat handelt es sich – auch wenn sie vom Autor nicht so bezeichnet wird – um eine Streitschrift. Und zwar eine gute! Sie richtet sich gegen eine inzwischen auch unter Marxisten verbreitete Vorstellung über »unsere sozialistische Zukunft«. Jene Marxisten und implizit deren Sozialismusvorstellung kennzeichnet der Autor mit der Feststellung: »Die Verbindung von Plan und Markt, die Weiterexistenz der Warenproduktion in einer relativ selbständigen sozialökonomischen Formation ist ihr Nonplusultra.«

Seine Position bestimmt er hierbei, indem er die marxistische Kategorie der Gesellschaftsformation ernst nimmt, bei der die Realität der gesellschaftlichen Beziehungen, in denen die Menschen ihr Leben produzieren und reproduzieren, »den sozialen, politischen und geistigen Lebensprozess überhaupt« (Marx, Vorwort in »Zur Kritik der politischen Ökonomie«) bestimmt. Bei der Frage Markt oder Plan ginge es um weit mehr als um Ökonomie, konstatiert Dunkhase und führt aus: »Markt und Plan setzen ganz unterschiedliche gesellschaftliche Entwicklungslogiken in Gang. Für Menschen in Marktbeziehungen stellt sich die Verbindung zu anderen Individuen über den individuellen Nutzen im Tausch her, und der Blick reicht allenfalls noch bis zum Nachbarn.«

Auf einer solchen Grundlage – so lässt sich der Gedankengang fortführen – ist eine humane Gesellschaft, in der die Menschen sich aufeinander als Menschen beziehen, prinzipiell unmöglich. Und zwar unabhängig davon, in welcher Form die Marktbeziehungen ausgestaltet werden oder mit welchen Leitplanken der wilde Markt zu einem reitbaren Tiger gefügig gemacht werden soll. Nicht die Form der Marktbeziehungen entscheidet über den Charakter der Gesellschaft, sondern es ist deren Existenz, durch den die Menschen bereits »bestimmte, notwendige, von ihrem Willen unabhängige Verhältnisse« (Marx) eingehen.

Dennoch trägt diese Streitschrift gegen die Empfehlung von Marktprinzipien als positiven Beitrag zum Aufbau einer sozialistischen Gesellschaftsformation mit Recht den Titel eines Plädoyers für etwas, nämlich für Planwirtschaft. Weil deren Autor nicht den »links«-opportunistischen Fehler begeht zu glauben, das Nötige zur Erreichung einer besseren – weil humanen – Gesellschaftsform sei dadurch vollbracht, dass er diese aus dem Nichts herbeiwünscht. Um aus der Gesellschaftsformation des Kapitalismus in eine sozialistische zu kommen, lässt sich der Ausgangspunkt mit den bestehenden Marktbeziehungen und seinen inhärenten Widersprüchen nicht ignorieren.

Deren Wirkung ist nicht bereits dadurch beendet, dass in der Revolution die politische Macht der Bourgeoisie entrissen wird. Das Fortwirken der aus dem Kapitalismus überkommenen Widersprüche kennzeichnet gerade den Charakter der folgenden Übergangsperiode. Dunkhase wendet sich hier aber gegen die Verfechter eines »Marktsozialismus« (soweit noch Streitschrift), indem er argumentiert, dass für eine – im Sinne des Sozialismus – erfolgreiche Lösung dieser Widersprüche nicht die Verlängerung der Marktmechanismen geboten ist, sondern die konsequente Umsetzung von Planung auf Grundlage von Arbeitszeitrechnung a) möglich und b) empfehlenswert sei.

Auch wenn es für manche Leserinnen und Leser vielleicht etwas anstrengend ist: Dunkhase ist von Hause aus Mathematiker und verwendet bei der Darstellung seiner Argumentation mathematische Formeln. Doch das geschieht eben anders als bei der gängig gewordenen Marotte bürgerlicher Ökonomen, sich mit in Formeln ausgedrückten Modellen so weit von der Wirklichkeit zu entfernen, dass sie sich bloß noch selbstreferentiell mit den Modellen beschäftigen, statt mit der – lebende Menschen betreffenden – sozialen und ökonomischen Wirklichkeit, zu deren ideologischer Rechtfertigung ihre Modelle dann allerdings herangezogen werden. Die von Dunkhase verwendeten Formeln sollten als eine Art des Schreibens gesehen werden, mit der er die in der Realität existierenden Beziehungen und Verhältnisse auf komprimierte und exakte Weise notiert. Dies im Blick behaltend, sollten selbst Mathephobiker sich überwinden können, der Argumentation zu folgen.

Besonders erfreulich ist: Das Buch enthält auch über seine Momente als Streitschrift und als Plädoyer hinaus noch einen nützlichen Beitrag. Ausgiebig, nämlich auf rund der Hälfte der Seiten, und zusätzlich noch in einigen im Anhang wiedergegebenen Konspekten, zeichnet Dunkhase den Verlauf von Debatten um Plan- und Marktwirtschaft insbesondere in der Sowjetunion und der DDR nach. Ein kleines als »Intermezzo« eingeschobenes Kapitel zu China ergänzt dies um das Austragungsfeld aktuell fortgesetzter Debatten.

Die Leistung dieses Buchs besteht primär in der Argumentation, dass und wie mittels Arbeitszeitrechnung in der ersten Phase der kommunistischen Gesellschaft (»jedem nach seiner Leistung«) einerseits »die richtige Proportion der verschiednen Arbeitsfunktionen zu den verschiedenen Bedürfnissen« geplant werden und andererseits die Bestimmung »des individuellen Anteils des Produzenten an der Gemeinarbeit und daher auch an dem individuell verzehrbaren Teil des Gemeinprodukts« erfolgen kann. Dies sind die beiden von Marx im ›Kapital‹ ihr zugeschriebenen Funktionen.

Diese Leistung wird keineswegs dadurch geschmälert, hiernach das Bedürfnis zu verspüren, sich auch der Frage anzunehmen, wie von der ersten Phase aus zur zweiten Phase (»jedem nach seinen Bedürfnissen«) zu kommen sei. Dunkhase erkennt eine solche zweite Phase lediglich als Kommunismus des Überflusses an, den er erst »hinterm grauen Horizont« vermutet. In Erwägung, dass jene zweite Phase aber nicht nur genügenden Reichtum und dazu entsprechende Produktivität als materielle Voraussetzung hat, sondern – noch vorrangig – eine Frage des entsprechend entwickelten Bewusstseins ist, entsteht aber eine weitere Aufgabe, die in der ersten Phase zu lösen ist.

Ob, wie und von wem dies in der DDR berücksichtigt wurde, wäre zu prüfen. Womöglich könnte dieser Aspekt auch bei der Einschätzung der Politik Walter Ulbrichts eine – positive – Perspektive ergänzen. Jedenfalls braucht es der Tendenz dieser Streitschrift nicht zuwiderlaufen, mehr als die erste, sozialistische Phase in den Blick zu nehmen. Denn die Frage, ob eine Form der Produktion und Reproduktion unseres Lebens, welche auf Marktprinzipien und Warenproduktion basiert, zum Werkzeug der bewussten Hervorbringung kommunistischen Bewusstseins taugt, kann nur zu einer Antwort führen, die in dieselbe Richtung geht, für die Dunkhase in seinem Buch argumentiert.

Helmut Dunkhase: Plädoyer für Planwirtschaft. Vom Umgang mit Widersprüchen in DDR, Sowjetunion und VR China. Papyrossa, Köln 2022, 135 Seiten, 16 Euro

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  • Leserbrief von Ornite aus Swennemünde (16. Mai 2022 um 06:15 Uhr)
    In Anlehnung an den Papst Artikel und der christlichen Religion, in der die Hoffnung auf ein Paradies nach dem Tode auf einen warte, wird hier die Planwirtschaft in einen zukünftigen Sozialismus analogisiert. Aber im hiesigen Gesellschaftssystem klagen die Kapitalisten immer wieder eine Planungssicherheit gegenüber der Politik ein. Es ist Alltag in den Vorstandsetagen, dass durchkalkuliert und geplant wird, um Profite zu machen.

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