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Aus: Ausgabe vom 16.05.2022, Seite 3 / Schwerpunkt
Antikriegsbewegung

Gegen Kriegshetze

Hintergründe und Herausforderungen: Inputs bei jW-Veranstaltung vermitteln breites Bild zur Eskalation in Ukraine
Von Ina Sembdner
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Wo der Hauptfeind steht: Podium mit Susann Witt-Stahl, Patrik Köbele, Lühr Henken, Sedat Kaja und Stefan Huth (v.r.n.l.)

Der Krieg soll verflucht sein! So lautete das Motto der Veranstaltung, zu der am Freitag abend die junge Welt und das Kulturmagazin Melodie & Rhythmus (M&R) ins Kesselhaus der Kulturbrauerei in Berlin geladen hatten. Rund 280 Teilnehmer (inklusive Helfer und Unterstützer) waren vor Ort, während ungezählte weitere an etwa 1.600 Endgeräten den Referaten, Gesprächen und der Podiumsdiskussion per Livestream folgten. Die inhaltliche Zielsetzung folgte dem Impuls, der allgegenwärtigen Kriegshetze und dem medialen Einheitsbrei substantielle Analysen und Lageeinschätzungen entgegenzuhalten. Immer im Blick dabei: die Voraussetzungen für das Wiedererstarken einer kämpferischen Friedensbewegung.

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Reinhard Lauterbach: Wie geht Journalismus unter diesen Bedingungen?

Der Auftakt des Abends gehörte Reinhard Lauterbach, langjähriger jW-Korrespondent für Osteuropa. Sein Referat war der Frage »Wie geht Journalismus unter heutigen Bedingungen?« gewidmet. Neben der Schwierigkeit, angesichts von Medienblockade und Zensur an Informationen zu kommen, täten sich erstaunliche neue Wege auf. So verwies er auf die aufschlussreichen Analysen des US-Thinktanks »Institute for the Study of War«, vor allem mit Blick auf die militärische Situation in der Ukraine. Es lohnten aufmerksame Lektüre und das Achten auf »Versprecher« der anderen Seite. Auch überraschende Aussagen, wie jene von Papst Franziskus, der jüngst vom »Bellen der NATO an Russlands Tür« sprach, fänden sich immer wieder. Vor allem betonte Lauterbach die Notwendigkeit einer ständigen Quellenkritik, ausgehend von der Frage: »Wem kann ich glauben, wem nicht?«

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Arnold Schölzel über das Versagen der bürgerlichen Medien

Arnold Schölzel, ehemaliger jW-Chefredakteur und regelmäßiger Autor dieser Zeitung, konstatierte in seinem Beitrag zum »Versagen der Mainstreammedien«: »Journalistisch ist da nichts mehr«. Schon im ersten ARD-Brennpunkt am 24. Februar wurde in dieser »Farce von Journalismus« erklärt, in Europa habe es seit 80 Jahren keinen Angriffskrieg gegeben. Schölzel resümierte, die bürgerlichen Medien hätten im Hinblick darauf, Nichtkenntnis herzustellen, allerdings alles andere als versagt. Zur Vorgeschichte gehöre da auch, was alles sie zum 75. und zum 80. Jahrestags des faschistischen Überfalls auf die Sowjetunion nicht gebracht hätten. Ergebnis sei heute, dass rassistische Hetze gegen Russen legitim geworden sei. Den jahrelangen Krieg Kiews gegen die »Volksrepubliken« im Donbass »hat es nicht gegeben«.

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Videobotschaft aus Moskau: Franziska Lindner

Per Video erreichte die Anwesenden der Beitrag von Franziska Lindner (sie berichtet für jW von der Krim und aus Moskau) zur Rezeption des Krieges in Russland. Eingangs stellte sie klar, dass ein »wirtschaftlicher Schock«, den einige im Westen »quasi herbeisehnten«, ausgeblieben sei. Mittel- und langfristig sei jedoch mit erheblichen Problemen zu rechnen. Russische Medien stünden angesichts dessen bereits unter Druck. Seit Inkrafttreten eines neuen Mediengesetzes im März könnten kritischer und oppositioneller Berichterstattung Haftstrafen folgen. Das Brecht entlehnte Motto der Veranstaltung »Der Krieg soll verflucht sein« treffe sehr gut die Quintessenz der Gespräche, die sie verfolgt habe, natürlich gebe es aber »sehr viele verschiedene, differenzierte Ansichten in der Bevölkerung«. Neben der KPRF, die die Regierungslinie im wesentlichen mitträgt, sei die Linke insgesamt in der Positionierung zum Krieg gespalten.

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Jörg Kronauer: »NATO-Politik hat die Spannungen maßgeblich verursacht«

Die geopolitische Vorgeschichte beleuchtete Jörg Kronauer in seinem Videobeitrag: NATO-Osterweiterung, Aufrüstung der Ukraine und aktives Bestreben, das Land in das Kriegsbündnis zu integrieren, waren hier die Schlagworte. Der jW-Autor wies auch auf die westlichen Kriegsziele hin, denn im Machtkampf gegen China gelte es, Russland auszuschalten, um »freie Bahn« gegen die Volksrepublik zu haben. Westeuropa müsse klar sein, dass »die aggressive NATO-Politik die Spannungen maßgeblich verursacht hat«, so Kronauer.

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David Cacchione (l.) im Gespräch mit Susann Witt-Stahl

Mit erhobener Faust betrat als nächster David Cacchione zusammen mit M&R-Chefredakteurin Susann Witt-Stahl die Bühne. Seine italienische Ska-Punk-Band Banda Bassotti reiste in den vergangenen Jahren mehrmals mit der »antifaschistischen Karawane« in den Donbass, um humanitäre und politische Unterstützung zu leisten. Im Gespräch berichtete er von der jüngsten Reise in die Region. Cacchione erinnerte an das Jahr 2014, als dort vom Dichter bis zum Maurer alle zu den Waffen gegriffen hätten, um den Kiewer Angriff abzuwehren. Viele Kommandanten, die er kannte, seien im Laufe der Zeit ermordet worden – die Intervention Russlands sei allseits begrüßt worden. Viele der Geschichten, die er im Donbass erlebt hat, würden demnächst in Buchform veröffentlicht. Mit den Worten »Faschismus ist ein Verbrechen« verabschiedete er sich vom Publikum.

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Hoch die Solidarität: Der Chor Widerklang

Der Publizist Alberto Fazolo aus Rom setzte sich mit dem Zustand der Linken und dem Widerstand gegen den Krieg in Italien auseinander. Von ihm ist dort 2018 das Buch »Im Donbass sind sie nicht durchgekommen. Antifaschistischer Widerstand vor den Toren Europas« erschienen. Der Autor ließ kein gutes Haar an der »proimperialen Linken«, die ihre Ideale aufgegeben habe und voll auf Geopolitik setze. Fazolo beschreibt sie als perfekte Opposition für die Regierung. Und er warnte vor der »Strategie der Verkleinerung«, wenn »Nazismus kein Nazismus« mehr sei. Dies führe zu einer »Legitimation von nazistischen Regierungsmächten«. Gleichzeitig werde von der Regierung in Kiew – um davon abzulenken, »dass die NATO das Problem ist« – ein Krieg zwischen armen Menschen aller Bevölkerungsgruppen in der Ukraine entfacht, Widerstand kriminalisiert, wie im Fall der Razzia bei der antimilitaristisch orientierten Gewerkschaft UBS in Rom.

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Der Rapper Tenor

Zum Abschluss des ersten Teils dieses Abends berichtete Ronja Fröhlich aus dem Bundesvorstand der SDAJ von der Mut machenden Jugendkonferenz gegen den Krieg, die Ende April unter reger Beteiligung in Frankfurt am Main stattgefunden hat und auf der eine Resolution gegen die geplanten »Kriegskredite« verabschiedet wurde.

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Ronja Fröhlich (SDAJ) im Gespräch mit Moderatorin Ina Sembdner

Hintergrund: Wenn dieser Morgen kommt

Sein langfristiges politisches Ziel sei ein Austritt Italiens aus EU und NATO, sagte David Cacchione, Manager der antiimperialistischen, römischen Ska-Schrammel-Gruppe Banda Bassotti im Gespräch mit der M&R-Chefredakteurin Susann Witt-Stahl. Der Name der Gruppe ist übrigens die italienische Version der Beagle Boys, dank der erfindungsreichen Donald-Duck-Übersetzungen von Erika Fuchs im deutschen Sprachraum auch als Panzerknackerbande bekannt. Als musikalischen Beitrag brachte Cacchione ein Video mit einem Konzertausschnitt der Banda Bassotti mit: NATO-Flaggen verbrennen, lautete die Empfehlung. Cacchione rundete seinen Beitrag mit Impressionen seiner diversen Reisen in den Donbass seit dem Jahre 2014 ab, als dort der ukrainische Bürgerkrieg begann.

Demonstrationen sind die Hauptauftrittsorte des Laienchors Widerklang. Chormitglieder, konsequenterweise: so viele als möglich. Auf der Bühne des Kesselhauses trat Widerklang in sozusagen kleiner Besetzung auf: sieben Leute und Klampfe. Ihr Programm bestand aus vier Liedern, darunter auch das immer noch sehr lebendige »Wenn dieser Morgen kommt« vom kommunistischen Liedermacher Dieter Süverkrüp. Es ist eine hoffnungsfrohe Hymne der Befreiung: »Wenn dieser Morgen kommt und dieser Tag / Da wird ein Lachen sein«. Das Lied war ursprünglich dem Volk Vietnams gewidmet. Widerklang fügte eine Widmung an das von Kurdistan hinzu.

»Keine Liebe für das Kapital« kannte der Duisburger Rapper Tenor zum Abschluss des kurzen Kulturprogramms. Das wäre ja auch noch schöner, wenn das Kapital zusätzlich Liebe verlangte und nicht nur Gehorsam gegenüber seinem Kommando und allgemeine Tauschfreudigkeit. Tenor rappt »für die unteren Klassen« und gegen Kriegstreiber aller Couleur. Sein Motto: »Unser Weg ist nicht bequem / Wir wollen Veränderung sehn.« Er sprach das Allgemeingültige zu spartanischen Spät-90er-Beats gelassen aus. (aha)

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  • Leserbrief von Peter Müller (16. Mai 2022 um 08:36 Uhr)
    Letztlich muss der Imperialismus, der sich immer mehr in einen Finanzfaschismus verwandelt, durch eine neue Produktionsweise überwunden werden, lokal. Der Austritt aus EU und NATO wären damit erste notwendige Schritte der friedlichen Revolution. Das Wertgesetz unter den Bedingungen der digitalen Revolution neu zu verstehen, wäre der entscheidende Punkt für das Programm einer sozial-ökologischen Revolution.

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