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Aus: Ausgabe vom 14.05.2022, Seite 3 (Beilage) / Wochenendbeilage

Das Wissen des Zeitalters aneignen

Was behindert das Entstehen von Klassenbewusstsein? Lenin 1902 in »Was tun?« über Erfahrungen der russischen und der deutschen Arbeiterbewegung
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Die »Arbeiterbörse« in Moskau , Fotopostkarte von 1902

Kann nun von einer selbständigen, von den Arbeitermassen im Verlauf ihrer Bewegung selbst ausgearbeiteten Ideologie keine Rede sein (Anmerkung Lenins: Dies heißt selbstverständlich nicht, dass die Arbeiter an dieser Ausarbeitung nicht teilnehmen. Aber sie nehmen daran nicht als Arbeiter teil, sondern als Theoretiker des Sozialismus, als die Proudhon und Weitling, mit anderen Worten, sie nehmen nur dann und soweit daran teil, als es ihnen in höherem oder geringerem Maße gelingt, sich das Wissen ihres Zeitalters anzueignen und dieses Wissen zu bereichern …), so kann die Frage nur so stehen: bürgerliche oder sozialistische Ideologie. Ein Mittelding gibt es hier nicht (denn eine »dritte« Ideologie hat die Menschheit nicht geschaffen, wie es überhaupt in einer Gesellschaft, die von Klassengegensätzen zerfleischt wird, niemals eine außerhalb der Klassen oder über den Klassen stehende Ideologie geben kann.

Darum bedeutet jede Herabminderung der sozialistischen Ideologie, jedes Abschwenken von ihr zugleich eine Stärkung der bürgerlichen Ideologie. Man redet von Spontaneität. Aber die spontane Entwicklung der Arbeiterbewegung führt eben zu ihrer Unterordnung unter die bürgerliche Ideologie, (…) denn spontane Arbeiterbewegung ist Trade-Unionismus, ist Nur-Gewerkschaftlerei, Trade-Unionismus aber bedeutet eben ideologische Versklavung der Arbeiter durch die Bourgeoisie. Darum besteht unsere Aufgabe, die Aufgabe der Sozialdemokratie, im Kampf gegen die Spontaneität, sie besteht darin, die Arbeiterbewegung von dem spontanen Streben des Trade-Unionismus, sich unter die Fittiche der Bourgeoisie zu begeben, abzubringen und sie unter die Fittiche der revolutionären Sozialdemokratie zu bringen. Der Satz der Verfasser des »ökonomistischen« Briefes in Nr. 12 der Iskra, dass die größten Anstrengungen der begeisterten Ideologen die Arbeiterbewegung nicht von dem Weg abbringen könnten, der durch die Wechselwirkung der materiellen Elemente und des materiellen Milieus bestimmt werde, ist daher völlig gleichbedeutend mit dem Verzicht auf den Sozialismus (…).

Man denke zum Beispiel an Deutschland. Worin bestand das historische Verdienst (Ferdinand) Lassalles (1825–1864, Schriftsteller und sozialistischer Politiker, jW) um die deutsche Arbeiterbewegung? Darin, dass er diese Bewegung vom Weg des progressistischen Trade-Unionismus und Kooperativismus hinwegführte, den sie spontan (…) eingeschlagen hatte. Um diese Aufgabe zu erfüllen, war (…) ein erbitterter Kampf gegen die Spontaneität notwendig, und erst im Ergebnis dieses lange, lange Jahre hindurch geführten Kampfes ist z. B. erreicht worden, dass die Arbeiterbevölkerung Berlins aus einer Stütze der Fortschrittspartei zu einer der stärksten Hochburgen der Sozialdemokratie geworden ist. Und dieser Kampf ist auch heute noch nicht beendet (…). Auch jetzt noch ist die deutsche Arbeiterklasse, wenn man so sagen darf, in mehrere Ideologien zersplittert: Ein Teil der Arbeiter ist in den katholischen und den monarchistischen Arbeiterverbänden vereinigt, ein anderer Teil in den Hirsch-Dunckerschen, die von den bürgerlichen Anbetern des englischen Trade-Unionismus gegründet worden sind, der dritte in den sozialdemokratischen Verbänden. Dieser Teil ist unermesslich größer als alle übrigen, diese führende Position aber konnte die sozialdemokratische Ideologie nur erreichen und wird sie nur aufrechterhalten können durch unentwegten Kampf gegen alle anderen Ideologien.

Warum aber, wird der Leser fragen, führt die spontane Bewegung, die Bewegung in der Richtung des geringsten Widerstands gerade zur Herrschaft der bürgerlichen Ideologie? Aus dem einfachen Grunde, weil die bürgerliche Ideologie ihrer Herkunft nach viel älter ist als die sozialistische, weil sie vielseitiger entwickelt ist, weil sie über unvergleichlich mehr Mittel der Verbreitung verfügt. Und je jünger die sozialistische Bewegung in einem Lande ist, desto energischer muss deshalb der Kampf gegen alle Versuche, die nichtsozialistische Ideologie zu festigen, geführt werden, desto entschiedener müssen die Arbeiter vor den schlechten Beratern gewarnt werden, die von einer »Überschätzung des bewussten Elements« usw. zetern. (…)
Sehr oft ist der wirtschaftliche Kampf der Arbeiter mit der bürgerlichen, klerikalen usw. Politik (wenn auch nicht untrennbar) verbunden. Die Behauptungen des Rabotscheje Delo sind zutreffend, wenn man unter Politik trade-unionistische Politik versteht, d. h. das gemeinsame Bestreben aller Arbeiter, zu erreichen, dass der Staat diese oder jene Maßnahmen ergreift, die den mit ihrer Lage verbundenen Nöten abhelfen, aber diese Lage selbst nicht beseitigen, d. h. die Unterordnung der Arbeit unter das Kapital nicht aufheben.

N. Lenin: Was tun? J. H. W. Dietz, Stuttgart 1902. Hier zitiert nach: Wladimir Iljitsch Lenin: Werke, Band 5. Dietz-Verlag, Berlin 1976, Seiten 395–399

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