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Aus: Ausgabe vom 14.05.2022, Seite 13 / Geschichte
Geschichte des Kaiserreichs

Kanzler im Kulturkampf

Vor 150 Jahren hielt Bismarck seine »Kanossarede«. Sie stand im Kontext eines mit aller Schärfe ausgetragenen Konflikts mit der katholischen Kirche
Von Daniel Bratanovic
Kladderadatsch_1875_-_Zwischen_Berlin_und_Rom Kopie.jpg
Die Partie endete Remis. Karikaturistische Darstellung des Kulturkampfs zwischen Bismarck und Papst Pius IX., Kladderadatsch, 1875

Das Protokoll der Reichstagssitzung vom 14. Mai 1872 verzeichnet ein »Lebhaftes Bravo!« hinter dem an die Abgeordneten gerichteten, beschwichtigenden Satz: »Seien Sie außer Sorge, nach Kanossa gehen wir nicht, weder körperlich noch geistig.« Jeder im Plenarsaal verstand, worauf der Redner anspielte und was er damit meinte: Zwischen Dezember 1076 und Januar 1077 hatte sich der römisch-deutsche König Heinrich IV. zu einem Bitt- und Bußgang zur Burg Canossa in der heutigen Emilia-Romagna aufgemacht, wo Papst Gregor VII. damals weilte. Der Papst hatte zuvor den König im Zuge ihres Streits um das Verhältnis von weltlicher und geistlicher Macht exkommuniziert, der König, seiner Herrschaft unsicher geworden, bat den Papst nun um Absolution.

Die historische Analogie, die jetzt der Redner, Kanzler des eben erst gegründeten Deutschen Reichs, knapp 800 Jahre später bemühte, besaß durchaus ihre Berechtigung. Wieder drehte sich der Konflikt um weltliche und geistliche Machtansprüche, nur dieses Mal sollte es keine demütigende Bittstellerei geben. Der unmittelbare Anlass der Reichstagsansprache, die Otto von Bismarck da hielt, bestand in einer diplomatischen Verwicklung mit der Kurie in Rom, die indes Teil eines viel umfassenderen Streits war, in dem Außen- und Innenpolitisches miteinander verwoben waren und der sich über Jahre hinzog, ohne dass eine der beiden kämpfenden Parteien als eindeutige Siegerin vom Felde gegangen wäre.

Bismarck hatte im Frühjahr 1872 den Kardinal und Prinzen zu Hohenlohe-Schillingsfürst zum preußischen Gesandten beim Vatikan vorgeschlagen und dessen Ernennung entgegen diplomatischen Gepflogenheiten Rom lediglich mitgeteilt. Da der Kardinal ein erklärter Jesuitengegner und staatskirchlich gesinnter Mann war, stand zu erwarten, dass Papst Pius IX. die Personalie abschlägig bescheiden würde. Genau das aber war des Kanzlers Kalkül, der so innenpolitisch seinen Nutzen daraus ziehen wollte, indem er der deutschen Öffentlichkeit die päpstliche Ablehnung als Verletzung der Würde der Reichsregierung und des Kaisers präsentieren konnte.

Vortrupp der Papstkirche

Doch wozu diese taktische Volte? Was war der Hintergrund der Auseinandersetzung? Mit der Gründung des kleindeutschen Reichs 1871 (ohne Österreich) waren die deutschen Katholiken in eine Minderheit in einem Staat geraten, dem zumindest von einem Teil seiner Vorkämpfer ein ausgeprägt protestantischer Charakter zugesprochen wurde. Aber aufgeben wollten die katholischen Würdenträger ihren überkommenen Einfluss vor allem in den Dörfern und kleinen Städten Schlesiens, des Rheinlands, Oberbadens, Bayerns und anderer erzkatholischer Gegenden keineswegs. Aus dieser Stellung heraus ergab sich ihre Forderung nach Selbstverwaltung der Gemeinden, Kreise und Provinzen. Der Klerikalismus gebot zudem mit der in den katholischen Gegenden weit verbreiteten Provinzpresse über ein wirksames Mittel, mit dem sie in ihrem antipreußischen Partikularismus besonders rüde Töne anschlugen.

Nicht minder wichtig war der fraktionelle Zusammenschluss katholischer Abgeordneter in den Kammern der Länder und im Reichstag. Mit diesem »Zentrum« besaß der deutsche Katholizismus einen parteipolitischen Machtfaktor im Reich, von dem der Kanzler annehmen musste, dass dessen Ziele in Rom formuliert wurden. Der ultramontane Standpunkt des Zentrums, also die politische Haltung, sich auf Weisungen aus dem Vatikan (ultra montes – von jenseits der Berge) zu stützen, zeigte sich bereits, als dessen Abgeordnete während der Adressdebatte des sich konstituierenden Reichstags im Frühjahr 1871 ein wenigstens moralisch-politisches Eingreifen des deutschen Staates zugunsten des Papstes verlangten. Der hatte im Sommer 1870 erleben müssen, wie italienische Truppen in Rom einmarschiert waren und seinem Kirchenstaat den Garaus gemacht hatten. Bismarck empfand diese Forderung als Bedrohung seiner außenpolitischen Manövrierfähigkeit. Eine demonstrative Parteinahme für den Kirchenstaat hätte das Reich in einen Gegensatz zu einem sich dann Frankreich annähernden Italien gebracht. Innenpolitisch wähnte der Kanzler die katholische Fraktion als Sammelpunkt für die »reichsfeindlichen« Polen, Welfen und Elsaß-Lothringer. Als sich dann im Zuge eines diplomatischen Intrigenspiels herausstellte, dass der päpstliche Kardinalstaatssekretär Antonelli sich weigern würde, mäßigend auf das Zentrum einzuwirken, schien die Sache klar: Die Zentrumspartei war der Vortrupp einer aggressiv auftretenden Papstkirche.

Dies galt umso mehr, als die Kurie einige Jahre zuvor eine reaktionäre Offensive begonnen hatte. In seiner 1864 veröffentlichten Enzyklika »Quanta cura« verurteilte Pius IX. die Religionsfreiheit und die Trennung von Kirche und Staat, der 80 Punkte umfassende Anhang »Syllabus errorum« nannte die modernen Entwicklungen in Gesellschaft, Staat und Wissenschaft unchristliche Irrtümer. Wenige Jahre später verkündete das I. Vatikanische Konzil das Dogma päpstlicher Unfehlbarkeit. Wichtiger aber als dieser realitätsblinde Anspruch absolutistischer Vollkommenheit, diese Kriegserklärung an die aufklärerische Vernunft, erschien Bismarck, der an ideologischen Fragen kein Interesse zeigte, die andere Hauptfrage des Konzils: die nach dem Verhältnis von päpstlicher Primatialgewalt zur bischöflichen Gewalt, also nach der inneren Organisation der Kirche. Und die wurde eindeutig zugunsten der absoluten Gewalt des Heiligen Stuhls und gegen die Bischöfe beantwortet. Das zwang zur Klärung des Verhältnisses von Staat und Kirche.

Bismarcks Angriff

Im Zweckbündnis mit der streng antiklerikalen liberalen Bourgeoisie eröffnete der Reichskanzler den »Kulturkampf« gegen den »kurialen Absolutismus« und das ihm hörige Zentrum, jener »Breschbatterie gegen den Staat«, im Juli 1871 mit der Auflösung der katholischen Abteilung im Ministerium für Geistliche und Unterrichtsangelegenheiten. Der »Kanzelparagraph« vom Dezember verbot Geistlichen, staatliche Angelegenheiten »in einer den öffentlichen Frieden gefährdenden Weise« zu behandeln. Das Schulaufsichtsgesetz, erlassen im März 1872, beseitigte die geistliche Orts- und Kreisschulinspektion und unterstellte alle Unterrichtsanstalten dem Staat. Drei Monate später nahm der Reichstag ein Ausnahmegesetz gegen die Jesuiten an, deren Niederlassungen im Reich binnen sechs Monaten aufgelöst werden mussten.

Den Höhepunkt erreichte der »Kulturkampf« mit den sogenannten Maigesetzen von 1873, die unter anderem vorsahen, dass Geistliche erst nach staatlicher Genehmigung angestellt werden und Priesterseminare ihre Tätigkeit aufnehmen konnten. Der Papst rief dagegen zum Widerstand auf, die Bischöfe verweigerten die Umsetzung dieser Gesetze und nahmen dafür Geld- wie Haftstrafen in Kauf. Dieses Gesetzespaket schweißte die deutschen Katholiken zusammen und schwächte nicht, sondern stärkte das Zentrum, was sich an den Wahlergebnissen bei den preußischen Landtagswahlen im November 1873 und bei den Reichstagswahlen im Januar 1874 ablesen ließ. Bei letzteren verdoppelte die katholische Partei ihre Stimmenzahl gegenüber dem Resultat von 1871. Die parteipolitische Festigung des ultramontan ausgerichteten deutschen Katholizismus, der mit sozialkonservativen Positionen eine klassenübergreifend stabile Position erobern konnte und damit große Teile der katholischen Arbeiterschaft dem sozialistischen Einfluss entzog, war denn auch eines der bleibenden Ergebnisse des Kulturkampfes.

Ein anderes war die Zivilehe, deren Einführung 1874/75 nicht zuletzt deshalb beschleunigt erfolgte, weil infolge der Maigesetze etliche Pfarrstellen unbesetzt geblieben waren. Die Institution der Zivilehe blieb das einzig dauerhafte und vorwärtsweisende Ergebnis des Kulturkampfes, aber die Umstände ihrer Einführung zeigten an, dass es dem Kanzler und seiner Regierung nicht um Fortschritt, sondern um Machtpolitik ging. Von der liberalen Bourgeoisie, die sich Bismarck zu jener Zeit vollständig unterworfen hatte, gingen in diesem Zusammenhang keine nennenswerten Impulse aus. Alle weiteren Maßnahmen zeigten einen repressiv agierenden Staat, der schon einmal einen Vorgeschmack darauf gab, was der organisierten Arbeiterbewegung wenige Jahre später drohen sollte. Der Bismarcksche Bonapartismus bereitete sich auf seinen nächsten Kampf vor. Auch den würde er nicht gewinnen.

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