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Aus: Ausgabe vom 14.05.2022, Seite 10 / Feuilleton
Pop

»Ich werde in der Sonne immer dicker«

Interessante Probleme, vielversprechende Leute: Die famose Best-of-Compilation »Goldene Stunde« der Zimmermänner
Von Kristof Schreuf
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Stranderlebnis in den 80ern: Die Zimmermänner

Was ist Paderborn? Eine Stadt wie viele andere hierzulande, in denen das Leben den ganzen Tag Mittagsschlaf macht. Zwischendurch mag es dort wider Erwarten kurz erwachen. Aber das muss nicht schlimm sein. Denn in diesem Fall kann sich das Leben immer noch selbst unter den nächstbesten Teppich kehren. Ein solches Paderborn besingen Die Zimmermänner in ihrem gleichnamigen Stück.

Die Zimmermänner bestehen aus Timo Blunck, der auch als Bassist mit Palais Schaumburg auftritt und demnächst seinen dritten Roman veröffentlicht. Und aus Detlef Diederichsen, der als Bereichsleiter für Musik, Tanz und Theater interessante Veranstaltungen im Berliner Haus der Kulturen der Welt verantwortet. Das Paderborn der beiden liegt irgendwo zwischen Süden und Norden beziehungsweise zwischen »Ulm und Flensburg«, wie es im Liedtext heißt. Während ein Schlagzeug treibt und eine Gitarre ein Riff motzt, wird mit sanfter Ironie ein Ort, »fast so schön wie Buchholz« beschrieben, der »Dichter, Trinker, Denker« anziehe.

So eröffnen die Zimmermänner »Goldene Stunde«, ein famoses Best-of-Album, das »alle Hits 1980–2017« umfasst. Dabei handelt es sich um mehr als einen Querschnitt schöpferischer Höhepunkte. Blunck und Diederichsen haben Stücke zusammengestellt, die insgesamt eine Biographie in Deutschland erzählen. Nachdem die Lebensgeschichte in den meisten Fällen in diesem oder jenem Paderborn begonnen hat, setzt sie sich im zweiten Stück mit einem funky Gitarrenriff, temperamentmentvollen Aperçus von Blechbläsern und einer Frage aus der Adoleszenz fort: »Wo bleibt da die Lebensqualität?« Die wird nicht nur vermisst, wenn eine »Stinkbombe in der Sauna« landet, wenn jemand »Sex unter 30« hat oder an »Frikadellen im Atlantik« vorbeischwimmt, sondern auch, wenn er »Kaffee auf dem Klo« trinken muss, »Spanner auf dem Parkplatz« mitkriegt oder »Logik nach Mitternacht« anwenden soll.

Manche vermissen zwischen Kindheit und Erwachsenenleben auch erste romantische Abenteuer. Doch der eine oder die andere fühlt sich eben nicht sofort verpflichtet, solche Abenteuer zu suchen. Davon handelt das Stück »Keiner ruft Cornelia an«. Aus der Sicht von Cornelias Freundinnen und Freunden hat zwar die Natur selbst Anbändeleien befohlen. Denn schließlich ist »Frühling!« wie die Zimmermänner über einem Rumba-Rhythmus in Beach-Boys- und Comedian-Harmonists-Harmonien ausrufen. Da finden Mädchen nun mal »ihr Glück schon bald«. Nur Cornelia nicht. Diese eingebildete Gans wagt es, keine Rücksicht auf wechselnde Wetterlagen und Hormonschübe zu nehmen. Ihr Herz muss »der letzte Winkel« sein, »in den noch kein Sonnnenstrahl kam«.

Die Freundinnen und Freunde können sich nicht entscheiden, ob sie Angst vor Cornelia kriegen oder lieber wütend auf sie werden möchten. Aber ihre Feigheit und Zweifel sollen auch nicht auffallen. Deshalb erklären sie sich zu Cornelia-Verstehern, die in deren Zurückhaltung ein persönliches Problem erkennen: »Sie kann nichts dafür.«

Um ihrer Umgebung zu entkommen, zieht es Cornelia in dem Song »Ich werde in der Sonne immer dicker« an einen Strand. Während sie im Sand liegt, spielen die Zimmermänner ein Keyboard, das plätschernde Wellen und anheimelnde Sonnenstrahlen nachstellt. Für Cornelia klingt das wie »Kondensmusik aus dem Lautsprecher«. Geräusche kommen jetzt von den unerwartetsten Stellen, Cornelia vernimmt etwa ein »Samtgeflüster in der Hand«. Innere Bewegungen kann sie poetisch protokollieren: »Einsamkeit wird eingezogen / Rieselt herein wie Firn.« Cornelia entdeckt Psychedelik.

Ihr Erlebnis hallt nach, wenn sie sich in der Gospelhymne »Der Weg zu mir« durchs Erwachsenenleben schlägt. Das Bild dafür liefern Fortbewegungsmittel von einem ICE über eine Schmalspurbahn bis zu einem Bollerwagen. Sie alle fahren »immer nur geradeaus«. Denn sie wollen und können nichts anderes. Doch Cornelia erinnert sich an Paderborn. Daran, wie ihr Freundeskreis sie behandelte. Und nicht zuletzt an die Bewusstseinserweiterung durch »Zigarettenrauch und Schall«, die sie als Jugendliche am Strand erlebte.

Immer nur »geradeaus« und ohne »Kompromisse« sich fortzubewegen wie ein Verkehrsmittel, kommt für sie nicht in Frage. Sie hat sich kennengelernt: »Ich bin nicht gerecht«, sagt sie sich erleichtert. »Du bist manchmal schlecht«, fügt sie hinzu. Sie wird ihren »Weg nach Haus« finden, ihren eigenen.

In weiteren Liedern auf »Goldene Stunde« trifft Cornelia vielversprechende Leute, mit denen sie interessante Probleme bekommt. »Anja« etwa möchte lieber nach »Paris« fahren, als zu ihr zu kommen. Aber dafür wird Cornelia einen tollen Energieschub erleben, sie jubelt: »Setz dich hin und halt das Maul / Jetzt kommt Christiane Paul.« Die Möglichkeit zu solchen Begegnungen eröffnete sich für Blunck und Diederichsen spätestens, als sie Ende der siebziger Jahre mit ein paar Freunden »Die Zimmermänner« gründeten. Eines Abends kehrten sie in die Marktstube im Hamburger Karolinenviertel ein und trafen am Tresen den Labelbetreiber Alfred Hilsberg. Der verabredete mit den Zimmermännern, eine Platte mit ihren Liedern herauszubringen. Der Rest ist, könnte man sagen, Bandgeschichte.

Die lief nicht immer glatt. Ihr Debüt »1001 Wege, Sex zu machen, ohne Spaß zu haben« erschien in einer Zeit, als das Publikum von Musikern verstärkt forderte, dass sie sich ihre Mimik von Clint Eastwood und ihre schwarze Lederkleidung von Mad Max borgen sollten. Aus ihren Liedern sollten Ernst, Pathos, vor allem ein durchdringender Endzeitduft herausdampfen.

Wer aber, wie die Zimmermänner, diese dumpfen Ingredienzien nicht bieten wollte und es außerdem wagte, US-amerikanische Bands wie die Beach Boys, Steely Dan oder Kid Creole and the Coconuts zu mögen, hatte für manch glaubensfesten Punk nichts anderes verdient, als vor der Marktstube ein paar auf die Fresse zu kriegen. »Goldene Stunde« ist ein toller Anlass, dieses Vorurteil zu revidieren. Mit dem Album lässt sich entdecken, wie sich eine nahezu unbegrenzte musikalische und textliche Bewegungsfreiheit anhören kann. Die Zimmermänner: eine dringend notwendige Band.

Die Zimmermänner: »Goldene Stunde (alle Hits 1980–2017)« (Tapete Records/Indigo)

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