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Aus: Ausgabe vom 13.05.2022, Seite 5 / Inland
Tarifkonflikt

Raus aus dem Teufelskreis

Woche der Warnstreiks in sozialen Berufen. 50.000 Sorgearbeiter gegen Personalmangel und Abwertung. Nächste Verhandlungsrunde am Montag
Von Alexander Reich
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»Von sich aus die Schnauze voll«: Azubis am Donnerstag in München (FAKS – Fachakademie für Sozialpädagogik)

Es braut sich was zusammen. Bundesweit platzen die Kitas aus allen Nähten, für Tausende offene Stellen fehlen Bewerber. Rechnerisch mag eine Erzieherin auf 8,25 Kinder kommen, aber da sind weder Urlaubszeiten berücksichtigt, noch die wachsende Zahl von – oft ausgebrannten – Kolleginnen und Kollegen im Krankenstand. Und wie soll jemand mehr als einem Dutzend Kinder gerecht werden? Auf sich allein gestellt, auch bei heftigen Beschwerden und maßlosen Forderungen von Eltern. Ohne Zeit für Vor- und Nachbereitung der Arbeit oder die Betreuung von Azubis. Und ohne ordentliche Bezahlung, weil es ja eine Passion ist und kein MINT-Beruf (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft, Technik).

Mit solchen Bedingungen konfrontiert, brechen viele Azubis die Ausbildung ab. Ganz ähnlich sind die Zustände in Sozialarbeit und Behindertenhilfe: Überlastung führt zu Personalmangel, der führt zu noch mehr Überlastung usw. Es ist dieser Teufelskreis, der durchbrochen werden soll in den laufenden Tarifverhandlungen für die rund 330.000 kommunalen Beschäftigten der drei Berufsgruppen. Und mittelbar für einige Hunderttausend mehr, da die meisten freien Träger im Erfolgsfall nachziehen werden.

Bisher gab es in zwei Verhandlungsrunden von der Vereinigung der kommunalen Arbeitgeberverbände (VKA) allerdings höchstens ein paar warme Worte. »Faktisch nichts, aber auch gar nichts« habe die Gegenseite angeboten, rief Christine Behle von Verdi am Donnerstag über den Münchner Marienplatz, Hunderte pfiffen und buhten. Zeitgleich gab es Warnstreiks in Kiel, Lübeck, Dresden und erstmals auch Mecklenburg-Vorpommern (Schwerin), dazu an vielen kleineren Orten.

Im Laufe der Woche werden bundesweit etwa 50.000 Erzieherinnen und Sozialarbeiter im Ausstand gewesen sein. Größere Kundgebungen gab es in Nürnberg und Hannover, die größte mit 10.000 Teilnehmern am Mittwoch in Gelsenkirchen. Man habe angesichts der Dreistigkeit der VKA nicht sonderlich mobilisieren müssen, hieß es verschiedentlich aus den Gewerkschaften Verdi und GEW – die Leute hätten von sich aus die Schnauze voll.

Beispielhaft dafür war ein Plakat, mit dem sich Beschäftigte des Sozial- und Erziehungsdiensts aus Dortmund am Mittwoch auf den Weg zur Demo in Gelsenkirchen machten. Es bezog sich auf eine Empfehlung, die NRW-Bildungsministerin Yvonne Gebauer kürzlich an Erzieher-Azubis richtete, deren BAföG-Anträge beim zuständigen Amt vergilben. Derzeit liegt die Bearbeitungszeit bei etwa einem halben Jahr. Auf dem Plakat hieß es: »Erzieher*innen-Azubis sollen Hartz IV beantragen, Frau Gebauer? Hast du Lack gesoffen? FDP = Fick das Proletariat. PIA-Ausbildung NRW-weit! Hartz IV abschaffen! FDP aus dem Landtag wählen!« PIA steht für praxisintegrierte Ausbildung; bei der müssen Azubis Lehrveranstaltungen besuchen, werden aber schon für Arbeitsstunden bezahlt.

Verbesserungen für Einsteiger, spürbare Entlastung und monetäre Aufwertung von Berufserfahrung – zur Durchsetzung dieser Kernforderungen haben sich nicht nur die drei Berufsgruppen zusammengeschlossen, es wurden auch Eltern von Kitakindern mit ins Boot geholt. Viele von denen verzweifeln an ellenlangen Wartelisten, dann Abhol- und Schließzeiten, schließlich noch Streiks. Nun fordert etwa die Elternvertretung des Landes Niedersachsen »mehr Fachkräfte pro Kind, eine Vergütung der Ausbildung« und Unterstützung für Eltern bei Betreuungsausfällen.

Aus dem Dauerfrust ist Kampfkraft entstanden, die Warnstreiks haben viele Sorgearbeiter zusammengeschweißt. Sollte die VKA ihnen bei der dritten Runde von Montag bis Mittwoch in Potsdam weiter die kalte Schulter zeigen, wird wohl bald wochenlang durchgestreikt.

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