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Aus: Ausgabe vom 12.05.2022, Seite 6 / Ausland
Kolonialherrschaft

Späte Korrektur

Zyprer erhalten nach mehr als sechs Jahrzehnten Landrechte auf britischen Hoheitsgebieten der Insel
Von Emre Şahin
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Startpunkt für britische Angriffe: Militärstützpunkt in Akrotiri (1.10.2014)

Mehr als sechs Jahrzehnte nach dem Ende der britischen Kolonialherrschaft auf Zypern soll ein Überbleibsel dieser Zeit zumindest ein wenig verschwinden. Ab dem 16. Mai wird ein Großteil der beiden britischen »Hoheitszonen« auf der Mittelmeerinsel der lokalen Bevölkerung zur Bebauung freigegeben – die größte Landnutzungsänderung in der Geschichte der Republik. Jedoch erhält Nikosia nicht die vollständige Souveränität über diese Gebiete zurück. Für Nikos Anastasiades allerdings Grund genug, am Montag von einem »historischen Abkommen« zu sprechen. Tausende Zyprer hätten bald das Recht, Grundstücke in den »souveränen Basiszonen« zu erwerben, so der Präsident.

Nebst »vielfältigen Vorteilen« für Tourismus, Handel und Industrie würden auch Dis­ba­lancen im Leben der Bewohner jener Orte, die zu den britischen Gebieten gehören, korrigiert, sagte er. Auf 200 der 254 Quadratkilometer (drei Prozent der Inselfläche), die Großbritannien in den Zürcher und Londoner Abkommen zur Unabhängigkeit Zyperns zugesprochen worden waren, darf künftig gebaut werden. Dort leben 12.000 Menschen, verteilt auf vier Städte und 23 Gemeinden.

Die Nutzung der übrigen 54 Quadratkilometer bleibt weiterhin ausschließlich dem britischen Militär vorbehalten, das sowohl in Akrotiri als auch in Dekelia Basen unterhält. Für Großbritannien sind diese von großer Bedeutung. Mark Carleton-Smith, Chef des britischen Generalstabes, erklärte bei seinem Zypernbesuch im vergangenen September, die »Geographie« der Insel verschaffe London einen »strategischen Vorteil«, berichtete das Militärportal Forces.net. »Sie bietet uns eine militärische Plattform, um Truppen im östlichen Mittelmeer zu stationieren, aber auch, um sie als Sprungbrett zu nutzen, um unsere Reaktionszeiten in dieser Region zu verkürzen.«

Nach der Nationalisierung des Suezkanals durch Ägypten 1956 und der anschließenden Suezkrise kam ein Verlust der Militärbasen für London nicht in Frage – ihr Fortbestehen wurde zur Bedingung für die zyprische Unabhängigkeit gemacht. Von vornherein wurden »souveräne Gebiete« angestrebt, statt lediglich Stützpunkte. Wie das britische Magazin New Internationalist 2017 berichtete, wurde der Stützpunkt in Akrotiri während des Kalten Krieges zur größten britischen Basis ausgebaut.

Enthüllungen von Wikileaks haben gezeigt, dass London von dort aus u.a. Hisbollah-Kämpfer im Libanon überwacht hatte. Laut New Internationalist werden aller Voraussicht nach auch russische Truppen in Syrien vom »britischen Guantanamo« aus beobachtet. Auch seien von hier aus britische Angriffe auf Libyen und den Irak geflogen worden. Der ehemalige britische Diplomat William Mallinson erklärte gegenüber dem Magazin, dass sich London aufgrund der hohen Kosten von Washington für den Betrieb der Stützpunkte bezahlen lasse und es sich eigentlich um versteckte US-Basen handelt. Würde sich Großbritannien aus Zypern zurückziehen, gäbe es aufgrund des Garantievertrages keine Möglichkeit, sie an die USA zu übergeben.

Parallel zu den neuen Bebauungsrechten wurden am Wochenende neue Beweise bekannt, wonach mindestens 14 Zyprer während des Unabhängigkeitskampfes in den 50er Jahren von britischen Kolonialtruppen gefoltert und ermordet worden waren. Wie die britische Zeitung Guardian am Sonnabend berichtete, wurden die Männer beschuldigt, der Nationalen Organisation der zypriotischen Kämpfer (EOKA) anzugehören. Bereits 2019 hatte London 33 Zyprern, die angaben, von britischen Streitkräften gefoltert worden zu sein, eine Million Pfund Schadenersatz gezahlt. Unter ihnen war auch ein damals 16jähriges Mädchen, das nach eigenen Angaben wiederholt von Soldaten vergewaltigt wurde. London betonte damals, dass die Auszahlung »kein Eingeständnis einer Schuld« sei.

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