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Aus: Ausgabe vom 13.05.2022, Seite 15 / Feminismus
Gewalt gegen Frauen

100.000 »Verschwundene«

Nach Femizid an junger Frau in Nordmexiko: Dunkelziffer vermisster Personen weit höher
Von Hannah Simón Fröhlich
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Als Debanhi Escobar, 18 Jahre, am 9. April eine Party in der Stadt Monterrey im mexikanischen Bundesstaat Nuevo León im Morgengrauen verlässt, nimmt sie ein Taxi. Debanhi steigt an einer Landstraße Richtung Nuevo Laredo aus. Das Foto, was der Taxifahrer hier von ihr aufnimmt, geht viral, denn: De­banhi verschwindet ab diesem Zeitpunkt für fast zwei Wochen. Am 21. April schließlich findet man sie tot auf – in einem vier Meter tiefen Wassertank auf dem Grundstück eines Motels wenige Schritte von der Stelle, an der sie aus dem Taxi stieg.

Als man ihre Leiche findet, gehen Tausende Feministinnen in ganz Mexiko auf die Straße. Sie werfen den staatlichen Behörden Fahrlässigkeit vor und fordern Gerechtigkeit. Polizei und Staatsanwaltschaft werden bezichtigt, gemeldeten Fälle nicht ernst zu nehmen und statt dessen Täter-Opfer-Umkehr zu betreiben.

Debanhis Fall wirft viele Fragen auf: Die Staatsanwaltschaft hatte das Grundstück des besagten Motels zuvor viermal durchsucht, ohne Debanhi in dem Wasserschacht entdeckt zu haben. Obwohl angesichts des typischen Musters ein Femizid höchstwahrscheinlich war, gingen die Behörden in den Ermittlungen anfangs von einem Unfall aus.

Warum Debanhi dort aus dem Taxi stieg und was danach geschah, ist derzeit noch unklar. Laut eigenen Ermittlungen von Debanhis Vater sei der Taxifahrer übergriffig geworden, weshalb sie die Flucht ergriff – was der Fahrer jedoch abstreitet.

Der Fall ist exemplarisch für Nuevo León, einen Bundesstaat im Norden Mexikos. Hier werden neben Femiziden besonders viele Menschen systematisch verschleppt und »verschwinden« gelassen. »Als wir wegen hoher Vermisstenzahlen entlang der Landstraße, auf der auch Debanhi verschwand, letztes Jahr einen Notstand ausriefen, meldeten sich plötzlich viele weitere Angehörige von Vermissten – bis das Ausmaß schließlich alle unsere anfänglichen Annahmen übertraf«, erzählt Angélica Orozco von der lokalen Organisation in Nuevo León , die sich für das Auffinden verschwundener Personen einsetzt (FUNDENL), in einem persönlichen Gespräch. Nach offiziellen Angaben des nationalen Registers zählt Mexiko knapp 100.000 sogenannte Verschwundene und mehr als 50.000 nicht identifizierbare Leichen. »Wir wissen, dass die Dunkelziffer noch höher liegen kann«, so Angélica Orozco. »Es geht immer um Zahlen«, führt sie fort. »Und diese sind zutiefst beunruhigend. Aber für uns ist jede einzelne vermisste Person ein furchtbarer Notfall: Kein Mensch auf der Welt darf einfach so ›verschwinden‹. Jeder dieser Menschen hat viele Beziehungen und Pläne und ist verflochten in Lebensentwürfe vieler weiterer Menschen.« Die unmittelbare Gefahr, selbst Opfer von Entführungen zu werden, rücke immer näher, meint Orozco.

Einer der Hauptgründe für dieses strukturelle Problem ist die Straflosigkeit der Täter und Mitverantwortlichen in den Behörden. In seinem 2019 veröffentlichten Buch »Tiempo suspendido« (»Ausgesetzte Zeit«) untersucht der Historiker Camilo Vicente die staatliche Verstrickung in die Praxis des Verschwindenlassens von Anfang 1940 bis 1980. Ausgewertete Daten von Archiven der staatlichen Behörden offenbaren die Systematik hinter dem »Verschwindenlassen« von politischen Oppositionellen seit den von Aufständen geprägten 70er Jahren. Laut Vicente ist diese politische Praxis bürokratisch und verwaltungstechnisch kontinuierlich verfeinert worden und mittlerweile eng verflochten mit der organisierten Kriminalität.

So lässt sich auch das »Verschwinden« der 43 Studenten von Ayotzinapa, die 2014 entführt und ermordet wurden, erklären, das erst letzten Monat wieder öffentlich aufgerollt wurde: Von einem unabhängigen Ermittlungskomitee ausgewertetes Videomaterial zeigt Militärs dabei, wie sie die Beweise über den Verbleib der Studenten vorsätzlich fälschen. Mitunter hohe Beamte der damaligen und jetzigen Regierung sind demnach in die Vertuschung und gravierenden Lügen verwickelt.

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