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Aus: Ausgabe vom 10.05.2022, Seite 8 / Ansichten

Faschoplattform des Tages: Taz

Von Nico Popp
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2008 mit dem »Freedom Defenders Award« des US-Außenministeriums ausgezeichnet: Julia Latynina kennt die »tatsächliche Geschichte des Zweiten Weltkrieges«

In Russland, versichert die Taz, gibt es »die unabhängigen Medien, die versuchen, der staatlichen Propaganda etwas entgegenzusetzen«. Was schreiben die eigentlich so? Das hier: »Die tatsächliche Geschichte des Zweiten Weltkrieges ist, dass Stalin diesen Krieg geplant hatte, der die ganze Welt erfassen und erst enden sollte, wenn auch noch die letzte argentinische Sowjetrepublik ein Teil der UdSSR geworden sein würde.«

Wer sagt, dass das doch lupenreiner Nazidreck ist – die Bolschewiken, die den Angriff auf »die Welt« jahrelang vorbereitet haben, der »tatsächliche« Präventivkrieg, der gegen sie geführt wurde –, der muss sich irren, denn dieser schneidige Satz einer Julia Latynina stand am Montag auf der Webseite der Taz – in einem Text direkt neben dem Infokasten zu den »unabhängigen Medien«, in dem das Blatt sich dafür auf die Schulter klopft, Autoren der Nowaja Gaseta, die in Russland nicht mehr erscheint, eine Plattform zu geben. So etwas muss eben einfach in die Welt: »Guderian und Rommel führten die Schlacht direkt an. Nicht so die sowjetischen Generäle.« Und die »stalinistische ›Partisanenbewegung‹« – das war doch nur der »Terror von Stalins Saboteuren« gegen »die örtliche Bevölkerung«.

Nun, da Putin täglich mit Hitler verglichen und der russische Angriff auf die Ukraine mit rasch erworbener Routine ein »Vernichtungskrieg« genannt wird – in einer Zeit also, in der die Relativierung des Nazifaschismus und seiner Verbrechen selbstverständlich geworden ist –, kann so etwas schon mal durchrutschen. Andererseits: Der Text liest sich, als habe sich jemand mit buchstäblich allen rechten Lügen über die Sowjetunion auf eine Tastatur übergeben. Und vor vier Jahren stand in der Taz, jene Latynina führe einen »Kreuzzug gegen Linke, Migranten, Menschenrechtler und das allgemeine Wahlrecht«. Aber wen juckt das noch. »Putin verkörpert sowohl Hitler als auch Stalin gleichzeitig« – das ist der Sound, der jetzt zählt.

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  • Leserbrief von René Osselmann aus Magdeburg (12. Mai 2022 um 10:39 Uhr)
    Der Artikel von Julia Latynina ist bei der Taz noch immer online zu finden und ich frage mich ernsthaft, wie tief will die Taz noch sinken, wenn solche Artikel veröffentlicht werden! Das hat wahrhaftig nichts mit freiem Journalismus zu tun, sondern klingt nach Geschichtsverdrehung! Wer die Behauptung veröffentlicht, die Sowjetunion hätte den Zweiten Weltkrieg schon längst geplant gehabt, da war Hitler noch nicht an der Macht – diese Person glaubt bestimmt auch noch, die Welt ist eine Scheibe. Es ist schon sehr erstaunlich, was an Geschichtsverdrehung in der heutigen Zeit alles so erlaubt ist! Wenn es nach der Schreiberin geht müssten wohl alle Geschichtsbücher umgeschrieben werden, den kleinen Nazi würde es bestimmt freuen.
  • Leserbrief von Richard ( 9. Mai 2022 um 21:33 Uhr)
    Also das ist dann aber nicht ganz konsequent und die ganzen anderen Widersprüche passen auch nicht ins Bild, wie z. B. der Holocaust, weil … wenn Hitler doch gar nicht so schlimm war (vielleicht bekommt die Dame ja auch von Rheinmetall ihr Geld), warum hat er dann den Holocaust verbrochen? Oder war das auch nur, weil Stalin ihm das eingeflüstert hat? Oder all die anderen Länder, die er vor der Sowjetunion angegriffen hat oder oder oder … und andererseits war Hitler nun schlecht, oder nicht? Also wenn Stalin alles Übel dieser Erde war, man passenderweise ja auch damals Hitler beim Time Magazine zum Man of the year gekürt hat (die British Union of the Fascists sollen auch nicht unerwähnt bleiben), warum soll es heute dann ein Schimpfwort sein, womit sie Putin ja immer wieder versehen? Hmmmm, da passt aber auch gar nichts zusammen bei diesem Puzzle.

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