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Aus: Ausgabe vom 10.05.2022, Seite 7 / Ausland
»Bewaffneter Streik«

Paras üben Rache

Kolumbien: Paramilitärs reagieren mit Terrorkampagne auf Auslieferung eines Drogenbosses an die USA. Regierung redet Problem klein
Von Frederic Schnatterer
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Ein von den Paramilitärs angzündeter Bus am Donnerstag im Departamento Bolívar

Der kolumbianische Paramilitarismus demonstriert einmal mehr seine Stärke. Nachdem am vergangenen Mittwoch der Boss des berüchtigten Drogenkartells »Clan del Golfo«, Dairo Antonio Úsuga alias »Otoniel«, an die USA ausgeliefert wurde, üben die Kriminellen nun Vergeltung. Seit Donnerstag versetzten Kartellmitglieder, die auch unter dem Namen »Autodefensas Gaitanistas de Colombia« (AGC) organisiert sind, die Bevölkerung mehrerer Regionen, insbesondere im Norden des Landes, in Angst und Schrecken. Am Sonntag (Ortszeit) verbreiteten die AGC ein Kommuniqué, in dem sie das Ende der Aktion für den Dienstag ankündigten.

»Bewaffneter Streik«

Laut Angaben der Sondergerichtsbarkeit für den Frieden (JEP) vom Montag wurden beim »bewaffneten Streik« der AGC mindestens 26 Zivilisten ermordet und Hunderte Fahrzeuge in Brand gesteckt. Hunderttausende Bewohner von 178 Gemeinden in insgesamt elf der 32 kolumbianischen Departamentos waren nach offiziellen Angaben vom Terror des Drogenkartells betroffen. Der Begriff »bewaffneter Streik« bezeichnet in Kolumbien die Stilllegung jeglicher öffentlicher Aktivitäten – darunter Transport, Wirtschaft und öffentlicher Dienst – in einem von einer bewaffneten Gruppe kontrollierten Gebiet. Auch Guerillaorganisationen wie die Nationale Befreiungsarmee (ELN) griffen in der Vergangenheit zu diesem Mittel, um ihre Macht zu demonstrieren.

Opposition und Menschenrechtsorganisationen kritisierten die Haltung der rechten Regierung Kolumbiens als zögerlich. Erst am Freitag äußerte sich Verteidigungsminister Diego Molano zur Situation. Am Sonnabend, dem dritten Tag des »bewaffneten Streiks«, spielte Präsident Iván Duque in einer Ansprache die Stärke der AGC herunter, die durch in sozialen Medien geteilte Inhalte aufgebauscht würde. Gleichzeitig verfügte er die Mobilisierung von mehr als 52.000 Angehörigen der Streitkräfte sowie der Nationalpolizei und setzte Kopfgelder auf zwei weitere Bosse des Kartells aus.

»Otoniel« war im Oktober 2021 festgenommen worden. Damals hatte Duque »das Ende des ›Clan del Golfo‹« gefeiert. Gemäß einer Studie der Stiftung »Paz y Reconciliación« vom März handelt es sich bei der Organisation indes weiterhin um das mächtigste Drogenkartell des Landes – laut Regierung exportiert es jährlich rund 160 Tonnen Kokain. Ein Grund dafür ist auch die Demobilisierung der FARC-Guerilla infolge des Friedensvertrags 2016. Regionen, die von den FARC-Kämpfern kontrolliert worden waren, wurden nach deren Rückzug teilweise von den AGC-Paramilitärs übernommen. Besagte Studie schätzt, dass der»›Clan del Golfo« derzeit über rund 3.260 Mitglieder verfügt, von denen wiederum 1.461 bewaffnet sind.

Nach seiner Festnahme hatte ­»Otoniel« gegenüber der JEP über weitreichende Verbindungen zwischen dem »Clan del Golfo« und Strukturen der kolumbianischen Streitkräfte berichtet. Hinzu kämen gute Beziehungen zu Unternehmern und Großgrundbesitzern sowie Politikern. Besonders brisant: Laut dem Drogenboss sind AGC-Mitglieder in Allianz mit Soldaten an der Tötung von Zivilisten beteiligt, die dann später als Angehörige der Guerilla präsentiert werden. Diese Praxis der sogenannten Falsos Positivos forderte in Kolumbien offiziell mehr als 6.400 Opfer.

Schmutziger Deal

Angesichts der Geständnisse vermuten in Kolumbien viele einen schmutzigen Deal hinter der Auslieferung von »Otoniel« in die USA. Dort droht dem Drogenboss bei einer Verurteilung eine lebenslange Haftstrafe. In einem offenen Brief vom 5. Mai der Gruppe »Somos Génesis« heißt es beispielsweise, mit der Auslieferung werde »die Wahrheit zum Schweigen gebracht«. Der linke Abgeordnete Iván Cepeda Castro kritisierte auf Twitter, die Politiker und hohen Militärs – die »wahren Chefs der Mafia« – blieben unbehelligt.

Die Machtdemonstration der Paramilitärs platzte mitten in die Hochphase des Wahlkampfs. Am 29. Mai sind die Kolumbianerinnen und Kolumbianer aufgerufen, einen neuen Präsidenten zu wählen. Während der Kandidat der Rechten, Federico Gutiérrez, den Streitkräften und Polizisten seine Unterstützung aussprach, betonte Gustavo Petro, Kandidat des Linksbündnisses »Historischer Pakt« am Montag auf Twitter, Duque habe Kolumbien dem »Clan del Golfo« ausgehändigt. »Nun liegt es an uns, es zurückzuholen, und das werden wir friedlich machen.«

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