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Aus: Ausgabe vom 09.05.2022, Seite 11 / Feuilleton
Pop

»Jetzt erst recht«

Gedanken auf den Punkt, Musik, die scheppert und die richtigen Klamotten. Ein Gespräch mit Wenke Zastrau
Von Frank Willmann
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»Als Frau das richtige Maß zwischen sexy und ›anständig‹ zu finden, ist quasi unmöglich.« – Wenke Zastrau (M.) demonstriert Eigenständigkeit

Mandel-Kokain-Schnaps heißt Ihre Band – wie kam es zur Namensfindung?

Mithilfe von viel Rum-Cola während der Proben. Einmal war der Rum alle, und wir hatten nur noch Amaretto. Am späten Abend wurde dann aus diesem Getränk ein gelalltes Mandel, weil Amaretto nach Mandel schmeckt, Kokain, für Cola bzw. Koka, und Schnaps.

Die Songs von MKS sind feministisch, wer schreibt sie?

Die Texte sind von mir. Ein großes Geschenk, meine Gedanken und Gefühle so ausdrücken zu können.

Sie kommen in Ihren Texten recht schnell auf den Punkt. Offensichtlich sind Sie keine Freundin des eleganten Abschweifens, der gepflegten Phrasendrescherei.

Tatsächlich ist es mir wichtig, zumal bei gesellschaftlich relevanten Themen, meine Gedanken auf den Punkt zu bringen. Ich will keinen Interpretationsspielraum lassen, den Leuten lieber direkt ins Gesicht brüllen, wie ich zu bestimmten Themen stehe. Kritik daran, dass unsere Texte zu wenig umschreibend sind oder nicht bildhaft genug, habe ich schon öfter gehört.

Weshalb singen Sie auf Deutsch? Wollen Sie verstanden werden?

Ich denke auf Deutsch, deshalb ist es für mich ganz natürlich, auch in meiner Sprache zu schreiben.

Was muss ein guter Song mit­bringen?

Schwierige Frage, die wahrscheinlich jeder anders beantwortet. Für mich braucht ein guter Song einen Text, der irgendwas in mir anspricht. Ein Gefühl, eine Haltung. Kommt natürlich drauf an, wofür ich Musik gerade brauche. Will ich feiern und abgehen, reicht es, wenn’s scheppert.

Ihre Bühnenpräsenz ist sportlich-feminin, sie zeigen gern Ihren Körper, trotzdem hat man das Gefühl, Sie wissen, wo der Hammer hängt.

Schön beschrieben. Die Gesellschaft weiß ja meistens, wie eine Frau sich zu kleiden hat. Als Frau das richtige Maß zwischen sexy und »anständig« zu finden, ist quasi unmöglich. Ich habe oft erlebt, wie mir Intelligenz abgesprochen wurde und Worte oder Sätze wie »notgeil«, »Schlampe«, »Die braucht nur Aufmerksamkeit« fallen. So was löst in mir immer ein »Jetzt erst recht!« aus. Ich will mit meinen zum Teil sehr knappen Outfits ein Statement für starke Frauen setzen, für Frauen, die sich kleiden, wie sie wollen und auch was zu sagen haben. Das versuche ich auch den Frauen bei unseren Konzerten zu vermitteln. Seid, wer ihr sein wollt, macht, was ihr wollt, tragt, was ihr wollt.

Kaum Auftritte, virtuelles Publikum. Wie hat sich Corona auf das Bandklima ausgewirkt?

Tatsächlich hat Corona uns als Band nicht so hart getroffen, da wir ja immer noch an unserem Albumdebüt arbeiten, und bevor es erschienen ist, wollen bzw. können wir eh keine großen Auftritte machen. Es fällt aber natürlich schwer, die Motivation aufrechtzuerhalten, da die Reaktionen des Publikums fehlen, weil die Bühne einfach ein unheimlicher Energielieferant ist. Zusammen hält uns, dass wir privat beste Freunde, beinahe eine Familie sind und weil wir uns immer wieder an unser Ziel erinnern – die großen Bühnen dieser Welt zu erobern.

Fridays for Future oder No Future?

Ersteres! Ich versuche immer, positiv zu denken, in allem das Positive zu sehen. Ich freue mich, dass Fridays for Future es schafft, so viele junge Leute zu ermutigen, für etwas zu kämpfen. Wir durften 2021 beim globalen Klimastreik in Chemnitz spielen, es war so unfassbar schön, die vielen engagierten Menschen zu sehen. Wichtiges Thema, über das alle sich mehr als bloß Gedanken machen sollte.

Sie arbeiten für die Lebenshilfe. Wie passt das?

Stimmt. Ich bin Heilerziehungspflegerin, arbeite mit Menschen mit Einschränkungen. Da ich nicht von der Musik leben kann, mache ich, was ich sonst noch gut kann – mit Menschen umgehen. Der Beruf ist sinnvoll, ich liebe diese Arbeit sehr.

Mit welcher Musikerin würden Sie gern über den Berliner Teufelsberg wandern?

Lady Gaga – für mich eine faszinierend starke, talentierte Frau. Ein großes Vorbild, auch wenn es darum geht, nie müde zu werden, den Mund aufzumachen.

Haben Sie eine Botschaft?

Bunt statt braun, Frauen an die Macht.

Wenke Zastrau ist Sängerin der Berliner Pop-Punk-Band Mandel-Kokain-Schnaps. Das Debütalbum steht noch aus, die aktuelle Single heißt »Silberfuchs«.

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