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Aus: Ausgabe vom 09.05.2022, Seite 9 / Kapital & Arbeit
Agrarpolitik

Bioziel 30 Prozent

Kontroverse um ökologischen Landbau: Umweltverbände fordern raschen Ausbau. Landwirteorganisation skeptisch
Von Oliver Rast
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Sollen deutlich erweitert werden: Nutzflächen für biologisch angebaute Agrarprodukte (Grömitz, 5.5.2022)

Die Latte liegt hoch: 30 Prozent der agrarischen Anbaufläche hierzulande soll für den ökologischen Landbau genutzt werden. Bis 2030. Diese Vorgabe hatte Bundeslandwirtschaftsminister Cem Özdemir (Bündnis 90/Die Grünen) jüngst in seiner Gastrede zum 20jährigen Bestehen des deutschen Biospitzenverbands Bund Ökologischer Lebensmittelwirtschaft (BÖLW) in Berlin bekräftigt. Da bleibt noch viel zu tun – und: der Zeitdruck ist hoch, denn aktuell sind es gerade einmal rund zehn Prozent.

Der Ökolandbau sei, so der grüne Minister, das Leitbild hiesiger Landwirtschaft. Ferner gehe es darum, »die konventionelle Landwirtschaft nachhaltiger aufzustellen«. Unter dem Strich will Özdemir folgendes durchsetzen: eine Stärkung regionaler Wertschöpfungsketten, kurze Lieferketten und eine robustere heimische Ernährungswirtschaft, mehr Resilienz also. Wohlklingende Pläne, die indes nicht ohne Kritik bleiben – bei Kommentatoren auf dem Fachportal Top Agrar zum Beispiel.

Die Einwände: Der extensive Bioanbau bringt auf der gleichen Fläche nur halb so viel Ertrag wie intensive konventionelle Landwirtschaft mit Dünger und Pestiziden. Das bedeutet aus Kritikersicht: Um die gleiche Ertragsmenge zu ernten, müsste weit mehr als 30 Prozent der Anbaufläche von Landbauern ökologisch bewirtschaftet werden. Oder: mehr Bioimporte, was wiederum den CO2-Fußabdruck vertiefen dürfte. Stichhaltige Kritiken? Durchaus, findet Maike Schulz-Broers. Zumal ungeklärt sei, woher die Erträge aufgrund des zunehmenden Flächenfraßes kommen sollen, so die Vorsitzende der Landwirteorganisation »Land schafft Verbindung« (LsV) am Sonnabend gegenüber jW. Und: Der Selbstversorgungsgrad der Bevölkerung in Deutschland mit Lebensmitteln ist Schulz-Broers zufolge in den zurückliegenden zwei Jahren um neun Prozent auf 80 Prozent gesunken, »Tendenz weiter fallend«.

Umweltverbände klinken sich in die Kontroverse ein. Sie wissen, die Ausbauziele für den Ökolandbau sind ambitioniert, sehr sogar. Und reichen nicht für eine »nachhaltige, naturverträgliche Landwirtschaft mit hochwertigen Extensivflächen«, sagte Thorsten Greb, Koordinator für Presse und Kommunikation vom Deutschen Naturschutzring (DNR), am vergangenen Freitag zu jW. Der Referent für Agrarpolitik vom Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND), Christian Rehmer, formulierte gegenüber dieser Zeitung eine weitere Marke: Mittelfristig sei das Ziel ein hundertprozentiger Ökolandbau hierzulande. Nur, der Ausbau schreitet in einem »viel geringeren Tempo voran als angenommen«, so Laura Henningson vom Naturschutzbund Deutschland (Nabu). Beispiel: Das Ausbauziel von 20 Prozent bis 2020 wurde klar verfehlt, konstatierte die Referentin für Agrobiodiversität und Naturschutzförderung im jW-Gespräch. Aufgeholt würde, wenn die Flächennutzung bis 2027 bei 14 Prozent läge, wie es die Reform der Gemeinsamen Agrarpolitik (GAP) in der Europäischen Union (EU) vorsieht.

Was muss passieren? Vorab diese Info: Rund 60 Prozent der deutschen Getreideproduktion geht für Tierfutter drauf, weitere sieben Prozent für Biosprit, heißt es seitens der Umweltverbände. Anders ausgedrückt: Fläche ist genug da, die Frage bleibt, wie und wofür sie genutzt wird. Ein Kontrapunkt zur Position von Schulz-Broers von »LsV« also. Nabu-Frau Hennig­son: »Zur Agrarwende gehört eben auch eine Ernährungswende.« Konkret: keine Lebensmittelverschwendung, mehr Fleischverzicht, keine Biomasse in den Tank. Dadurch würden Flächen gewissermaßen frei und nicht bewirtschaftete blieben weiter ungenutzt. Wichtig für Biodiversität, Bodenfruchtbarkeit und den Wasserhaushalt der Agrarökosysteme.

Richtig ist, der Ertrag bei Ökolandbaubetrieben bleibe im Vergleich zu konventionellen erheblich geringer, bestätigte Rehmer vom BUND. Im Gegenzug seien die Umweltfolgekosten deutlich niedriger. Rehmer weiter: Die CO2-Bilanz bei Bioimporten ließe sich verbessern, wenn Verbraucher »nicht nur ökologisch, sondern auch saisonal und regional einkaufen«. Zudem solle die Ernährungswirtschaft Rohstoffe aus der Umgebung beziehen.

Ende der Debatte? Kaum. Umweltverbände und »traditionelle« Bauernvereinigungen liegen weit auseinander. Ein Indiz: »Alles deutet darauf hin, dass Landwirtschaft ins Museum wandern soll«, beklagte Schulz-Broers. Allein für das »grüne Gewissen«. Überdies: Wie die Nachfrageseite gestärkt werden kann, ist offen. In der Krise eh. Inflation, steigende Nahrungsmittelpreise – welche Verbraucher werden da auf noch teurere Bioprodukte umsteigen?

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  • Leserbrief von Onlineabonnent/in Leonie B. aus Nürnberg ( 9. Mai 2022 um 13:19 Uhr)
    »Der Selbstversorgungsgrad der Bevölkerung in Deutschland mit Lebensmitteln ist Schulz-Broers zufolge in den zurückliegenden zwei Jahren um neun Prozent auf 80 Prozent gesunken, ›Tendenz weiter fallend‹.« Ich finde diesen Satz absolut unverständlich. Weiß vielleicht jemand, was das bedeuten soll? Was ist der »Selbstversorgungsgrad«? Damit wird ja kaum der Subistenzwirtschaftsgrad der Bevölkerung bezeichnet. Als ich mich zuletzt umgeschaut habe, hatten die meisten weder einen eigenen Hof noch Anbauflächen. Ist damit vielleicht die Digitalisierung gemeint, also dass sich Leute Lebensmittel nach Hause schicken lassen und »keine Selbstversorger« mehr sind?
  • Leserbrief von Istvan Hidy aus Stuttgart ( 9. Mai 2022 um 09:44 Uhr)
    Fakt ist, Bauern verlieren einen signifikanten Teil ihrer Ernte, weil gewisse Pflanzenschutzmittel verboten wurden. Die EU fordert einen Bio-Anteil von 30 Prozent. Ein Teil der Verbraucher wollen nun einmal Bioprodukte. Aber die Erträge im Biolandbau können je nach Produkt um bis zu 50 Prozent pro Fläche niedriger ausfallen. Die indirekte Folge ist, dass viele Menschen dadurch hungern werden, weil wir in der EU immer mehr Bioprodukte produzieren und essen wollen. Mit Bio erzielt die Branche hohe Gewinne, weil die Konsumenten bereit sind, viel dafür zu zahlen. Aber man darf die niedrigere Produktion nicht einfach ignorieren. Menschen in Afrika wird Nahrung weggenommen, weil wir Bioprodukte wollen und unsere Regierungen die Biolandwirtschaft unterstützen. Die Konsumenten glauben, sie täten etwas Gutes für sich und die Umwelt, wenn sie Bio kaufen. Tatsächlich schaden sie auch dem Klima und fördern den Landverbrauch. Biolandbau benötigt größere Flächen, zudem müssen die Äcker in der Regel gepflügt werden, was den Co2-Ausstoß erhöht.
    • Leserbrief von Onlineabonnent/in Leonie B. aus Nürnberg ( 9. Mai 2022 um 13:14 Uhr)
      Mich würde ja interessieren, woher Sie Ihre Informationen beziehen. Für mich klingt das in erster Linie nach einer Anti-Bio-Haltung. Aussagen wie: »Fleischlose Ernährung mit Soja ist ähnlich schlecht wie mit tierischen Produkten, da für den Sojaanbau Flächen gerodet werden müssen«, habe ich schon oft gehört und waren immer Quatsch. Zu Ihren Aussagen: Müssen konventionell bepflanzte Äcker denn weniger oder nicht gepflügt werden? Wird »Afrikanern das Essen aus dem Mund gerissen«, um es hier als Bio verkaufen zu können? Wird es Hunger in Europa geben, wenn es mehr Bioflächen gibt? Ich wage das alles mal zu bezweifeln, bzw. würde mich über Belege Ihrerseits freuen.

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