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Aus: Ausgabe vom 07.05.2022, Seite 3 (Beilage) / Wochenendbeilage

Nicht verstanden, aber empfunden

Wie bildet sich Klassenbewusstsein heraus? Lenin untersuchte 1902 in seiner Schrift »Was tun?« Erfahrungen der russischen Arbeiterbewegung
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Marschierende Arbeiter der Putilow-Metallurgie- und Maschinenfabrik in St. Petersburg 1905

Wir haben im vorhergehenden Kapitel hervorgehoben, dass die gebildete russische Jugend um die Mitte der neunziger Jahre von einer allgemeinen Begeisterung für die Theorie des Marxismus erfasst war. Einen ebenso allgemeinen Charakter hatten um ungefähr dieselbe Zeit, nach dem berühmten Petersburger Industriekrieg von 1896, die Arbeiterstreiks angenommen. (Im Mai 1896 streikten in St. Petersburg etwa drei Wochen lang 35.000 Weber und Spinner. Sie forderten eine Bezahlung für von den Fabrikanten angeordnete Feiertage aus Anlass der Krönung des Zaren Nikolai II. Die Streiks erregten wegen ihres Umfangs und ihrer Organisiertheit international Aufsehen. Etwa 1.000 Streikende wurden verhaftet und aus St. Petersburg ausgewiesen. Trotz der Repression erzwangen die Arbeiter Zugeständnisse wie z. B. ein Gesetz über die Einschränkung des Arbeitstages auf elfeinhalb Stunden. Das weckte Illusionen, die Arbeiterklasse könne durch wirtschaftliche Kämpfe ernsthafte Erfolge erreichen, und stärkte die sogenannte ökonomistische Richtung im russischen Marxismus, jW.)

Ihre Ausbreitung über ganz Russland zeugte deutlich von der Tiefe der neu einsetzenden Volksbewegung, und wenn man schon vom »spontanen Element« reden will, so wird man natürlich vor allem gerade diese Streikbewegung als spontan kennzeichnen müssen. Aber es gibt Spontaneität und Spontaneität. Streiks gab es in Russland auch in den siebziger und in den sechziger Jahren (ja sogar in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts), und sie waren begleitet von »spontaner« Maschinenstürmerei und dergleichen. Verglichen mit diesen »Rebellionen« kann man die Streiks der neunziger Jahre sogar als »bewusst« bezeichnen – so bedeutend ist der Schritt vorwärts, den die Arbeiterbewegung in dieser Zeit getan hat. Dies zeigt uns, dass das »spontane Element« eigentlich nichts anderes darstellt als die Keimform der Bewusstheit. Auch die primitiven Rebellionen brachten schon ein gewisses Erwachen des Bewusstseins zum Ausdruck: Die Arbeiter verloren den uralten Glauben an die Unerschütterlichkeit der sie unterdrückenden Ordnung, sie begannen die Notwendigkeit einer kollektiven Abwehr … ich will nicht sagen zu verstehen, so doch zu empfinden, und brachen entschieden mit der sklavischen Unterwürfigkeit vor der Obrigkeit. Aber das war dennoch viel eher Ausdruck der Verzweiflung und Rache als Kampf. Die Streiks der neunziger Jahre zeigen schon viel mehr Symptome der Bewusstheit: Es werden bestimmte Forderungen aufgestellt, es wird im voraus erwogen, welcher Zeitpunkt der beste ist, es werden bestimmte Fälle und Beispiele aus anderen Orten erörtert usw. Waren die Rebellionen lediglich eine Auflehnung unterdrückter Menschen, so stellten die systematischen Streiks bereits Keimformen des Klassenkampfes dar, aber eben nur Keimformen. An und für sich waren diese Streiks ein trade-unionistischer (gewerkschaftlicher Kampf um Reformen, jW) und noch kein sozialdemokratischer (revolutionärer Kampf um die politische Macht, jW) Kampf; sie kennzeichneten das Erwachen des Antagonismus zwischen den Arbeitern und den Unternehmern, aber den Arbeitern fehlte – und musste auch fehlen – die Erkenntnis der unversöhnlichen Gegensätzlichkeit ihrer Interessen zu dem gesamten gegenwärtigen politischen und sozialen System, das heißt, es fehlte ihnen das sozialdemokratische Bewusstsein. In diesem Sinne blieben die Streiks der neunziger Jahre, trotz ihres gewaltigen Fortschritts im Vergleich zu den »Rebellionen«, eine rein spontane Bewegung.

Wir haben gesagt, dass die Arbeiter ein sozialdemokratisches Bewusstsein gar nicht haben konnten. Dieses konnte ihnen nur von außen gebracht werden. Die Geschichte aller Länder zeugt davon, dass die Arbeiterklasse ausschließlich aus eigener Kraft nur ein trade-unionistisches Bewusstsein hervorzubringen vermag, d. h. die Überzeugung von der Notwendigkeit, sich in Verbänden zusammenzuschließen, einen Kampf gegen die Unternehmer zu führen, der Regierung diese oder jene für die Arbeit notwendigen Gesetze abzutrotzen u. a. m. Die Lehre des Sozialismus ist hingegen aus den philosophischen, historischen und ökonomischen Theorien hervorgegangen, die von den gebildeten Vertretern der besitzenden Klassen, der Intelligenz, ausgearbeitet wurden. Auch die Begründer des modernen wissenschaftlichen Sozialismus, Marx und Engels, gehörten ihrer sozialen Stellung nach der bürgerlichen Intelligenz an. Ebenso entstand auch in Russland die theoretische Lehre der Sozialdemokratie ganz unabhängig von dem spontanen Anwachsen der Arbeiterbewegung, entstand als natürliches und unvermeidliches Ergebnis der ideologischen Entwicklung der revolutionären sozialistischen Intelligenz.

N. Lenin: Was tun? J. H. W. Dietz, Stuttgart 1902. Hier zitiert nach: Wladimir Iljitsch Lenin: Werke, Band 5. Dietz-Verlag, Berlin 1976, Seiten 384–386

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