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Aus: Ausgabe vom 07.05.2022, Seite 14 / Thema
Faschismus

Enteignet und vertrieben

Die Geschichte der Schlüchterner Seifenfabrik und ihres sozialistischen Besitzers Max Wolf
Von Christine Wittrock
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Feindbild der Nazis: die Dreiturm-Seifenfabrik von Max Wolf, 1930 im südhessischen Steinau bei Schlüchtern im Bauhaus-Stil errichtet

Die Familie Wolf war seit Jahrhunderten im Schlüchterner Land ansässig. Schon im 17. Jahrhundert waren spanische Juden nach Westeuropa eingewandert. Sie flohen vor der spanischen Inquisition des Spätmittelalters, die sowohl gläubige als auch getaufte Juden verfolgte. Juden hatten in früheren Jahrhunderten zu den meisten Berufen und Gewerbezweigen keinen Zutritt. Viele gingen über Land und handelten mit Kleidern, Kurzwaren und ähnlichem. So auch die Vorfahren der Familie Wolf, die aus dem Korb auf dem Rücken selbst hergestellte Seife und Kerzen an die Bauern verkauften. 1818 wurde der Zugang zu vielen Gewerbezweigen für Juden erleichtert. Sieben Jahre später gründete Victor M. Wolf eine Seifenfabrik in Schlüchtern, bis heute die älteste ihrer Art in Deutschland. Dabei kam ihm entgegen, dass die Seifenindustrie in dieser Zeit einen gewaltigen Aufschwung nahm. Die Nachfrage nach Seife und fließendem Wasser und damit der Seifenverbrauch stieg infolge gesteigerter Reinlichkeitsbedürfnisse. Medizinischer Fortschritt und pädagogische Einsicht sorgten für eine Hygieneagitation, die in früheren Jahrhunderten unbekannt gewesen war.

Von Generation zu Generation

Die Seifenfabrik der Wolfs wurde von Generation zu Generation weitergegeben. Um 1900 war die Produktion so erfolgreich, dass zwei Fabriken entstanden: Zwei Wolf-Brüder, Viktor und Meier, teilten sich später den Markt zwischen Nord- und Süddeutschland auf. Sie verfügten annähernd über die gleiche Produktpalette: Kern-, Fein- und Schmierseife, Leder- und Wagenfette, Bimssteinseife und Kerzen. Beide Fabriken lieferten ohne Zwischenhandel ab Fabrik direkt an Private. Diese ungewöhnliche Vermarktung hatte sich bewährt und stammte noch aus der Zeit, als die Wolfs als Hausierer über Land reisten.

Jahrzehnte konnten die beiden Seifenfabriken – die »Dampfseifenfabrik Schlüchtern« und die »Dreiturm-Seifenfabrik« – erfolgreich produzieren, bis den Nazis die Macht in die Hände gelegt wurde. Dann ändert sich alles. Beide Fabriken wurden »arisiert«, jedoch auf sehr unterschiedliche Weise.

Die Dampfseifenfabrik Schlüchtern ging den in den 1930er Jahren »normalen« Weg der »Entjudung«: Der faschistische Staat schuf bis 1938 eine entsprechende Gesetzeslage, die Juden weitgehend entrechtete. Spezielle Gauwirtschaftsstellen sorgten dafür, dass Juden ihre Besitztümer gezwungenermaßen weit unter Wert veräußerten. So widerfuhr es dem Zweig der Familie Wolf, der die Dampfseifenfabrik besaß.

Die zweite Fabrik aber, die Dreiturm-Seifenfabrik, wurde bereits 1934 enteignet. Das hatte einen besonderen Grund: Sie war den örtlichen Nazis schon in den 1920er Jahren ein Dorn im Auge gewesen, denn sie galt als »sozialistische Hochburg«. In ihr fanden Sozialisten aller Schattierungen, arbeitslose Gewerkschafter, gefeuerte kommunistische Arbeiter und sozialdemokratische Familienväter einen Arbeitsplatz. Mitte der 1920er Jahre beschäftigte die Firma etwa 120 Arbeiter und Angestellte, dazu über einhundert Reisende. Die Dreiturm-Seifenfabrik war vorbildlich geführt und für mustergültige Sozialleistungen bekannt. Max Wolf zahlte überdurchschnittliche Löhne und hatte die für damalige Verhältnisse seltene 40-Stunden-Woche eingeführt. Die Arbeiter bekamen im Krankheitsfall bis zu 90 Prozent des Lohnes aus einer Unterstützungskasse und waren den Angestellten mit monatlicher Kündigungsfrist gleichgestellt. Sie erhielten darüber hinaus ein halbes Prozent vom Umsatz als monatliche Prämie, bekamen die Feiertage voll bezahlt sowie eine beträchtliche Weihnachtsgratifikation.

Sozialistischer Bourgeois

Der Besitzer der Dreiturm-Fabrik, Max Wolf, und sein jüngerer Bruder Arnold Wolf waren in den 1920er Jahren dem Internationalen Sozialistischen Kampfbund (ISK) beigetreten. Der ISK wollte eine Brücke zwischen den beiden Arbeiterparteien SPD und KPD schlagen. Er verpflichtete seine Mitglieder zu besonderer Lebensführung: Einhaltung vegetarischer Lebensweise in Achtung vor dem Lebensrecht der Tiere, Austritt aus der Kirche, da ihre Glaubenslehre die Menschen entmündigt, Abstinenz von Alkohol, dessen Genuss den Vernunftgebrauch einschränkt, und Abgabe einer rigorosen »Parteisteuer«.

Manche Kritiker sahen im ISK einen elitären sozialistischen Orden. Verständlich werden die von der Organisation an ihre Mitglieder gestellten Anforderungen vor dem Hintergrund der politischen Aufgabe, die man vor sich sah: Der ISK wollte mutige und prinzipientreue Menschen heranbilden und sie zu ernsthaften Sozialisten erziehen. Er legte keinen Wert auf eine große Mitgliederzahl; eine straff geführte, gut geschulte sozialistische Elite war wichtiger. Die Gruppe soll nach Schätzungen etwa 300 Mitglieder und ein Umfeld von 1.000 Sympathisanten gehabt haben. Sie war in 32 deutschen Städten sowie in Großbritannien vertreten. Der ISK gab eine eigene Monatszeitschrift heraus und seit 1932 mit dem Funken sogar eine Tageszeitung.

Max Wolf gehörte zu den wenigen Wohlhabenden, deren vorrangiges Ziel nicht Profitmaximierung, sondern Veränderung der gesellschaftlichen Verhältnisse war: Abschaffung des Elends, der Massenarbeitslosigkeit und der damit einhergehenden Verrohung und Verdummung der Menschen. Er machte aus seiner sozialistischen Gesinnung keinen Hehl. Am 1. Mai steckte sich der Dreiturm-Chef eine rote Nelke ins Knopfloch und demonstrierte gemeinsam mit seinen Arbeitern gegen den Kapitalismus. Kein Wunder also, dass die Dreiturm-Seifenfabrik bereits sehr früh von den örtlichen Nazis attackiert wurde.

Sie war 1930 von Schlüchtern in den Nachbarort Steinau an der Straße verlegt worden, weil man mehr Platz für das expandierende Unternehmen benötigte. In Steinau war eine hochmoderne Seifenfabrik im Bauhausstil entstanden. Dieses moderne Werk war eine besondere Provokation für die Nazis.

Kurz nach der Machtübergabe an Hitler, in der Nacht zum 16. März 1933, wurden sämtliche leitenden Mitarbeiter der Dreiturm-Fabrik verhaftet und in »Schutzhaft« genommen. Max Wolf entging zunächst der Verhaftung, weil er sich auf einer Geschäftsreise im Ausland befand. Die Hausdurchsuchungen in der Fabrik und den Privaträumen der Wolfs sowie der leitenden Mitarbeiter förderten kein belastendes Material zutage. Der inzwischen zum Kreispolizeikommissar aufgestiegene Oberförster Kurt Miethe, der zugleich auch Fraktionsführer der NSDAP im Kreistag des Kreises Schlüchtern war, bemerkte allerdings in seinem Bericht an den Regierungspräsidenten Konrad von Monbart in Kassel: »Auffällig war die Zersetzung der Werkbücherei mit kommunistischem, sozialistischem und pazifistischem Schrifttum.« Die Werkbücherei wurde denn auch in den folgenden Monaten eigens einer Säuberung unterzogen.

Kreispolizeichef Miethe hatte nicht nur Schutzhaftbefehle und Hausdurchsuchungen verhängt. Er ordnete ebenso die Telefon- und Postüberwachung an. Als Max Wolf im April 1933 von seiner Auslandsreise zurückkehrte, wurde er durch Hausarrest festgesetzt. Er musste sich täglich zweimal bei der Polizei melden und durfte Schlüchtern und Steinau nicht verlassen.

Ausschaltung des Eigentümers

Die örtlichen Nazis machten sich inzwischen Gedanken, wie sie die Dreiturm-Seifenfabrik an sich bringen könnten. Sie gingen dabei durchaus geschickt vor: Zum einen wollten sie das Werk nicht stilllegen, denn das hätte Arbeitsplätze in der Region gekostet. Zum anderen wollten sie es aber unter ihre Herrschaft bringen, und das bedeutete, sie mussten versuchen, den Eigentümer Max Wolf auf irgendeine gesetzliche Weise auszuschalten. Denn auch im Faschismus ging alles streng formal zu: Eine mögliche Enteignung bedurfte einer juristischen Begründung. Alles sollte schließlich nach Recht und Ordnung aussehen. So wandten sich der Landrat Adolf von und zu Gilsa und der Steinauer Bürgermeister Karl Kraft an Gauleiter Jakob Sprenger in Frankfurt am Main und schlugen ihm vor, einen kommissarischen Leiter bei Dreiturm einzusetzen und den Betrieb mit Parteigenossen zu durchsetzen, das heißt, möglichst vielen alten Kämpfern der NSDAP für ihre geleisteten Dienste einen Arbeitsplatz bei Dreiturm zu verschaffen und dadurch eine politische Kontrolle von innen zu gewährleisten.

Max Wolf versuchte im Frühjahr 1933 zu retten, was noch zu retten war. Sein Steuerberater Karl Eicke, von dem zu diesem Zeitpunkt für die Beteiligten und vielleicht auch für ihn selbst noch unklar war, auf welcher politischen Seite er stand, schlug ihm vor, die Firma zu verpachten und »in rein arische Hände« zu legen – damit »Sie künftig Ihre Ruhe haben«, wie er meinte.

Wolf akzeptierte schließlich weitgehend die »Gleichschaltungs«-Ratschläge seines Steuerberaters. Man gründete eine »Dreiturm-Seifenindustrie GmbH«, deren Anteilseigner fast alle ehemaligen leitenden Mitarbeiter der Dreiturm-Fabrik waren. An diese wurde Max Wolfs Firma verpachtet, die nun ein »arisches« Gesicht hatte. Auf diese Weise schied Wolf aus der Geschäftsleitung offiziell aus, sollte aber dennoch eine seinem investierten Vermögen entsprechende Nutznießung an den Dreiturm-Werken haben, während die Geschäftsleitung in den Händen seiner langjährigen Mitarbeiter blieb, die nunmehr als Gesellschafter der neu gegründeten »arischen« Firma die Geschäfte weiterführten. Der 45jährige Max Wolf hatte nun nur noch mittels eines Beratungsvertrages Einfluss auf das Unternehmen.

Das aber befriedigte die lokale Naziprominenz keinesfalls. Sie wollte die Enteignung. Dafür setzten Landrat von und zu Gilsa, sein Adjutant, der SS-Mann August Duwe, und die Gestapo Kassel mit dem Polizeipräsidenten Friedrich Pfeffer von Salomon, von Haus aus Großagrarier und SA-Gruppenführer, alle Hebel in Bewegung. Allerdings war man sich in der NSDAP keineswegs einig, wie man gegen Dreiturm und die Familie Wolf vorgehen sollte. Die Partei war kein monolithischer Block. Es gab durchaus unterschiedliche Strömungen, Kontroversen, Machtkämpfe, persönlichen Ehrgeiz und das Bestreben, die Gunst der Stunde zu nutzen. In der Folgezeit widersetzten sich einige NSDAP-Funktionäre – aus welchen Motiven auch immer – den Enteignungsbestrebungen, insbesondere der Oberförster Miethe und der Steinauer Ortsgruppenleiter und Bäckermeister Fritz Fink. Aber dazu später.

Vom Chauffeur denunziert

Vorläufig sammelte das Landratsamt Schlüchtern, das wie eine Gestapo-Außenstelle agierte, emsig Material gegen die Fabrik und ihren Besitzer. Behilflich war dabei ein Chauffeur des Werkes: Nikolaus Kreß, seit Jahren bei Dreiturm beschäftigt und intimer Kenner vieler politischer Details, die für die Gestapo von großem Interesse waren.

Mit der Bitte, seine Denunziation vertraulich zu behandeln, gab er bereits Mitte April 1933 zu Protokoll, dass er verschiedene Mitarbeiter des Werkes und auch Max Wolf mehrfach nach Frankfurt am Main gefahren habe, wo sie in der Innenstadt Zeitungen und andere Publikationen des ISK verkauft hätten. Die Fahrzeuge der Firma seien, so berichtet der Chauffeur, auch zum Transport von ISK-Material verwendet worden.

Der ISK war im Februar 1933 verboten worden und hatte sich Ostern 1933 in Berlin formell aufgelöst. Die Mitglieder waren auf die Illegalität vorbereitet und hielten Kontakt untereinander. Fast ein Jahr zuvor hatten sie noch versucht, dazu beizutragen, dass die Arbeiterklasse endlich zu einer Einheitsfront zusammenfinde. »Sorgen wir dafür, dass nicht Trägheit der Natur und Feigheit des Herzens uns in die Barbarei versinken lassen«, hieß es in dem »Dringenden Appell« des ISK vom Juni 1932. Zahlreiche Prominente unterstützten diesen Aufruf, so Albert Einstein, Erich Kästner, Käthe Kollwitz, Heinrich Mann, Helene Stöcker, Ernst Toller und Arnold Zweig. Aber die Nazis gewannen immer mehr an Boden, und die Mitglieder und Sympathisanten des ISK fanden sich bald als Widerständler, Verfolgte und Emigranten wieder.

Der wichtigste Gegner für die örtlichen Nazis in Steinau und Schlüchtern aber war Max Wolf. Ihm wollte man staatsfeindliche Handlungen nachweisen, um ihn enteignen zu können. Das Landratsamt Schlüchtern konnte zusammen mit der Gestapo Kassel akkurat gesammeltes Material vorlegen, das zum Teil schon aus der Weimarer Republik stammte: Max Wolf habe in den Jahren 1930 und 1931 Spenden an die SPD und an die KPD gegeben; auch an das Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold seien Zuwendungen geflossen. Seine Firma sei mit »marxistisch-kommunistischen« Geldern unterstützt worden. Auch seien noch im Jahr 1933 bei Dreiturm 54 Personen als Reisende eingestellt worden, die aus ihren Berufen wegen »politischer Unzuverlässigkeit« entlassen worden waren. Und: Im Januar 1932 habe Max Wolf dem Schlüchterner KPD-Führer Fritz Henning, der wegen Hochverrats bestraft worden war, einen Lenin-Band ins Gefängnis geschickt.

Es ist schon kurios, was da alles zusammengetragen wurde und wie gut offenbar der faschistische Bespitzelungsapparat und die dazugehörige loyale Obrigkeit funktionierten. Gestapo und Landratsamt resümierten schließlich, dass die Firma Dreiturm »marxistischen und anderen volks- und staatsfeindlichen Bestrebungen« gedient habe.

Das war die Strategie, die die Faschisten in den nächsten Monaten einschlugen; es ging ihnen nicht um die Enteignung der Privatperson Max Wolf, sondern um die Dreiturm-Fabrik. Deshalb wurde in den Protokollen und Berichten stets mit Nachdruck darauf verwiesen, dass »die Firma« staatsfeindlichen Zwecken gedient habe.

Hauen und Stechen

Der Spielraum für die Familie Wolf wurde immer enger. Geschäftsfreunde und Bekannte rückten von der einst wohlangesehenen Familie ab, die schließlich nach Frankfurt am Main zog. Derweil ging das Hauen und Stechen in der örtlichen NSDAP weiter. Der Steinauer Ortsgruppenleiter Fink wurde verhaftet, weil er der Firma Dreiturm ein Empfehlungsschreiben ausgestellt hatte, in dem er versicherte, dass das Unternehmen »rein arisch« sei. Seine »Schutzhaft« dauert aber nur zwei Tage, denn sein einflussreicher Freund, der Gauleiter Sprenger, sorgte für seine Entlassung. Polizeipräsident Pfeffer von Salomon hätte Fink gern ausgeschaltet und schlug dem Gauleiter vor, Fink aus der NSDAP auszuschließen, damit er gegen ihn vorgehen könnte. Sprenger aber widersetzte sich diesem Vorhaben.

Im März 1934 wurden Max Wolf und sein Bruder Arnold verhaftet. Einige Tage später wurde die Firma Dreiturm beschlagnahmt. Unter Androhung von KZ-Haft wurde ihnen verboten, Kontakt zu den Anteilseignern der Firma aufzunehmen. Diese wurden unter erheblichen Druck gesetzt, ihre Anteile zu veräußern.

Den Betroffenen wurde klar, dass sie auf höherer Ebene agieren mussten. Gegen die provinzielle Parteimafia, bestehend aus dem Schlüchterner Landrat Gilsa, dem Regierungspräsidenten Monbart und der Gestapo Kassel, hatten sie keine Chance. Max Wolf fuhr, nachdem er freigelassen worden war, nach Berlin und nahm Kontakt zum Reichswirtschaftsministerium und zu Anwälten auf.

In Schlüchtern tobte derweil der Mob. Vor den Häusern der Wolf-Freunde und Anteilseigner der Dreiturm-Fabrik inszenierte ein Teil der örtlichen Nazis, dirigiert vom Landratsamt, den »Volkszorn«. Mit Rufen wie »Judenknecht verrecke« und Sachbeschädigungen verbreiteten sie Angst und Schrecken. Nach üblichem Muster wurden nicht die Täter, sondern die Opfer in Haft genommen. Dabei hatten es der Landrat und die Gestapo Kassel besonders auf einen Anteilseigner abgesehen: Adolf Bell, Kriegskamerad und enger Vertrauter von Max Wolf, der wie ein Löwe für das Eigentum seines Freundes kämpfte.

In Berlin traf Max Wolf einen alten Bekannten aus Schlüchtern, den ehemaligen Polizeikommissar und NSDAP-Mann Kurt Miethe. Oberförster Miethe weilte zu dieser Zeit im Forsthaus Kappe in der Schorfheide in Brandenburg, wo auch die Naziprominenz, unter anderen der Reichsjägermeister und preußischer Ministerpräsident Hermann Göring, des öfteren zu Besuch kamen. Miethe wollte sich für die Dreiturm-Fabrik einsetzen. Er ließ sich von Göring zum Sonderbeauftragten ernennen und wurde von diesem mit weitreichenden Vollmachten ausgestattet. In Begleitung von Görings Vetter Herbert Göring reiste er zurück nach Schlüchtern, um aufzuräumen. Er verhörte Beamte des Landratsamtes und verhaftet SS-Führer. Landrat von und zu Gilsa war in höchste Alarmbereitschaft versetzt und berichtete alles hilfesuchend der Gestapo Kassel. Daraufhin wurde der Gestapo-Chef Pfeffer von Salomon in Berlin vorstellig und erreichte, dass Miethe mit sofortiger Wirkung zurückbeordert und seine Mission für beendet erklärt wurde. Pfeffer von Salomon soll Göring damit gedroht haben, sämtliche Ämter niederzulegen, wenn die Enteignung der Dreiturm-Fabrik nicht durchgeführt würde.

Danach ging alles Schlag auf Schlag: Das Dreiturm-Vermögen wurde eingezogen; Max Wolf und Adolf Bell wurden erneut verhaftet. Bei Wolf lautete der Vorwurf »Vorbereitung eines hochverräterischen Unternehmens«; Bell warf man vor, durch seine Äußerungen das Ansehen von Staat und Partei schwer geschädigt zu haben.

Fast fünf Monate saß Max Wolf in Untersuchungshaft in Berlin-Plötzensee. Dann wurde die Anklage gegen ihn fallengelassen; der Zweck, ihn handlungsunfähig zu machen, war erreicht. Adolf Bell ging für seine Standhaftigkeit 15 Monate ins Gefängnis. Mit Hilfe von willfährigen Zeugen aus der Dreiturm-Fabrik, vom Portier bis zum Chauffeur, wurden ihm seine »staatsfeindlichen Äußerungen« nachgewiesen. Das Landratsamt Schlüchtern hatte genügend Material gegen ihn zusammengetragen.

Der Dreiturm-Konzern gehörte nun dem Preußischen Staat. Die Enteignung des jüdischen Betriebes hatte sich in Wirtschaftskreisen rasch herumgesprochen – und schon meldeten sich erste Interessenten, die sich einen Gelegenheitskauf nicht entgehen lassen wollten. Im März 1935 schließlich wurde die Dreiturm-Fabrik von einer Konkurrenzfirma für 1,5 Millionen Reichsmark aufgekauft – ein Preis, der weit unter dem tatsächlichen Wert gelegen haben dürfte. Neuer Eigentümer war der Fabrikant Eugen Wolff, Inhaber der Siegelwerke in Köln. Es ist Ironie des Schicksals, dass er ebenfalls Wolff hieß, allerdings mit anderer Schreibweise. Er verpflichtete sich im Kaufvertrag, den Betrieb nach »nationalsozialistischen Grundsätzen« zu führen.

Flucht nach England

Für Max Wolf bestand keine Möglichkeit mehr, zu seinem Recht zu kommen. Dennoch gab er, als Mann der Tat, nicht so schnell auf. Er versuchte nochmals, die Justiz zu bemühen und klagte auf Schadenersatz wegen der Enteignung. Gleichzeitig bereitete er mit seiner Familie die Emigration nach England vor. Die Weiterverfolgung seiner Ansprüche auf dem Rechtsweg wurde ihm vom Innenminister Wilhelm Frick verboten. Für Juden, Linke und andere missliebige Personen war die Willkürherrschaft längst an der Tagesordnung.

Max Wolf gelang es mit Hilfe von Freunden aus dem ISK Ende 1936 eine neue chemische Fabrik unter dem Namen »Victor Wolf Limited« in Manchester zu errichten. Auch sein Freund Bell hat nach seiner Gefängnishaft nochmals versucht, die faschistische Justiz zu bemühen, um seine Ehre wiederherzustellen. Er entging nur knapp einer erneuten Verhaftung und konnte im letzten Moment mit einem falschen Pass nach England fliehen.

Nun war die große Familie der Wolfs in alle Winde zerstreut: In Palästina, England, Frankreich, Südafrika und den USA liegen die Orte ihres Exils, soweit sie es rechtzeitig geschafft hatten, ihre deutsche Heimat zu verlassen. Im Schlüchterner Land gibt es bis heute niemanden mehr aus der Familie Wolf.

Nach der Niederschlagung des Faschismus bekam Max Wolf sein Unternehmen zurück, aber erst nach zähen juristischen Auseinandersetzungen. Als er im Juni 1948 am Telefon von der bevorstehenden Rückgabe der Dreiturm-Fabrik erfuhr, brach er zusammen und starb. Er war erst 60 Jahre alt. In Steinau wurden 1954 zwei Straßen nach Max Wolf und seinem Mitkämpfer Adolf Bell benannt. Die Traditionen des ISK – die sozialistische Programmatik und eine scharfe Abgrenzung gegen jeden Klerikalismus – verschwanden im Dunkel der Nachkriegsgeschichte.

Die geschilderten Begebenheiten sind genauer beschrieben und mit umfangreichen Quellenverweisen versehen in: Christine Wittrock: Saubere Geschäfte, weiße Westen und Persilscheine. Die Geschichte der Seifenfabriken in Schlüchtern und Steinau seit 1825, Hanau 2002

Christine Wittrock ist Historikerin. Sie schrieb an dieser Stelle zuletzt am 14. Dezember 2021 über den antikommunistischen Spion Erdler und dessen Familiengeschichte.

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